Ruth Geiersberger führt Klangperformancekunst und Wissenschaft zusammen und erkundet die Wunderwelt der Pflanzen.

Ruth Geiersberger spricht auch mit Pflanzen | © Helge Classen

Wenn Ruth Geiersberger von der Boquila trifoliolata erzählt, die die Farben und Formen ihrer Blätter verändert, um nicht gefressen zu werden, über die fantastische Anpassungsfähigkeit von Pflanzen spricht, ihre Problemlösungsstrategien und Kommunikationsweisen, strahlt sie wie ein Kind, das seine eben ausgepackten Geschenke präsentiert. »Ist das nicht unfassbar? Ist das nicht sensationell?«, fragt sie immer wieder. Seit sie vor zwei Jahren auf das Buch des Biologen Stefano Mancuso »Die Intelligenz der Pflanzen« stieß, hat sie das Thema nicht mehr losgelassen. Und wie immer, wenn sie für etwas entflammt, will sie ihre Begeisterung mit anderen teilen. »Mit Pflanzen« nennt sie ihre neue »Klang-Performance im Denk-Raum« mit vier Musikern im Gewächshaus des Botanischen Gartens.

Seit den späten 1980er-Jahren erkundet Ruth Geiersberger in ihren performativen Arbeiten, für die sie das Label »Verrichtungen« kreiert hat, die Welt. Als urbane Feldforscherin hat sie uns singend, zwitschernd, jodelnd, sprechend und spielend durch den Stadtraum geführt, ins Elefantenhaus im Zoo, auf Baustellen, in Museen und Kirchen. Sie hat ein »Rollatorenkonzert« mit singenden Senioren inszeniert, Passanten die Füße massiert und Schweinebraten mit Zwergknödln serviert, »mobile Paradiese« eingerichtet, mit feiner Ironie die Bilder von Idylle und Heimat hinterfragt. Sie kann die Schönheit des Kitsches zum Leuchten bringen, ohne sich davon blenden zu lassen, sich großen Themen mit Leichtigkeit annähern, ohne ihnen ihr Gewicht zu nehmen. Sie hat sich mit den Seligkeiten und Katastrophen der Liebe, mit Demenz und dem Tod befasst, uns mit »Andachtsquadraten« im öffentlichen Raum aufgefordert, innezuhalten. In ihren Performances spiegeln sich auch die Krisen ihres Lebens wider, die schmerzhaften Trennungen und Verluste. Die Arbeit hat sie wieder aufgerichtet, als sie den Boden unter den Füßen verloren hatte.

Mit ihren wundersam verspielten »Verrichtungen«, die sie neben Gastauftritten auf Münchner Bühnen und herrlich versponnenen Literaturcollagen wie »Lebensbetrachtungen mit Mops« realisiert, versucht sie, Perspektiven zu verschieben, unseren Blick zu weiten durch sanfte Verrückungen der Wahrnehmung, sich und uns neue Denkräume zu erschließen. Dass sie die Freude daran nie verloren hat, liegt an ihrer kindlichen Fähigkeit zum Staunen und ihrer unermüdlichen intellektuellen Neugier. »Das ist es«, meint sie, »was mich antreibt und beflügelt, in die Welt hinaus und auf andere zuzugehen. Ich bin ja eigentlich ein scheuer Mensch.« Wie Kommunikation glückt und missglückt, ist eine der Kernfragen in ihren Kunstaktionen.

Sie sei ein wahnsinnig schüchternes, fast sprachloses Kind gewesen, erklärt Ruth Geiersberger, die bei Freising auf dem Land aufgewachsen ist und in Paris, Berlin und München Schauspiel und Gesang studiert hat. In der Kunst fand sie ihre Sprache. »Wenn ich meine Welten bauen kann, fühle ich mich frei, dann leb ich auf.« Wenn sie glaubt, dafür mit einem Autor sprechen zu müssen, wird sie »nahezu unverschämt beharrlich«. So reiste sie, um Yoko Ogawa kennenzulernen, nach Japan und schaffte schließlich, woran keiner geglaubt hatte: Sie durfte die scheue Schriftstellerin in ihrem Haus besuchen.

Dreimal fuhr sie nach Florenz, um Stefano Mancuso zu treffen. Durch ihn wurde sie auf den emeritierten Professor für Zellbiologie Dieter Volkmann aufmerksam, der im Gewächshaus einen Vortrag hält und mit dem sie improvisierend in Dialog treten will. Ein »frei und lustvoll gestaltetes Mosaik« soll da entstehen, »eine Klanginstallation basierend auf der Begegnung mit Pflanzen, ihren faszinierenden Intelligenzsystemen und Kommunikationsformen, begleitet von wunderbaren Herzschmerzliedern.«

Sie maße sich nicht an, andere belehren zu wollen, betont sie. »Ich versuche Menschen in von mir bespielten Räumen zusammenzubringen, um gemeinsam mit ihnen nachzudenken und vielleicht Türen in ihrer Wahrnehmung zu öffnen.« Sie ein wenig zu infizieren mit ihrer Freude an der Erkundung der Welt. ||

MIT PFLANZEN – ART MEETS SCIENCE
Gewächshaus des Botanischen Gartens
5., 6. Oktober| 19 Uhr | Tickets an der Kasse des Botanischen Gartens