»Sehr schöne Bilder mit grausamen Hintergründen«: Eine große Retrospektive im Haus der Kunst feiert die Schweizer Künstlerin Miriam Cahn.

Ausstellungsansicht im Haus der Kunst – Miriam Cahn: »abbau« und »unklar« von 2017, neben der Türe| © Jens Weber, München

Den Anfang bildet ein rundes, gelbes Sofa mit Büchern. Frühe Katalogeditionen in schwarzgrauen Tönen und Ausstellungskataloge, deren Cover immer farbiger leuchten, dazwischen Miriam Cahns Schriften »DAS ZORNIGE SCHREIBEN«. Hier kann man sich einlesen in die Bilder früherer Installationen und in Cahns literarisches Schaffen, in Texte, die ihr Arbeiten betreffen, den Kampf um die Selbstständigkeit als Künstlerin, ihre Kompromisslosigkeit, ihre streitbare Empörung. Sie gibt Einblick in ihre Familiengeschichte, ihr Inneres, ihre Trauer und Verletzlichkeit. Wie gut, dass der großen, von Jana Baumann kuratierten Retrospektive mit Werken aus allen Schaffensphasen, mit denen das Haus der Kunst die siebzigjährige Künstlerin ehrt, keine Tafeln zu Leben und Werk vorangestellt sind. Wie oft erstarrt man vor derartigen Wandtexten, um sich dann durchzuarbeiten bis zum Meisterwerk.

Nicht bei und mit Miriam Cahn. Sie installiert die Ausstellungen ihrer Arbeiten selbst, bezieht die Raumsituation ein. Und so ist man unvermittelt mittendrin in einer fulminanten, klar konzipierten Präsentation durch eine Flucht von Räumen und quer zu ihnen. Der Blick durch die Ausstellung, von der überdimensional großen Zeichnung von 1981 »schweigende schwester (kriegsschiff)« bis zum dunklen Raum mit den stillen Bewegungen sehr selten gezeigter Super-8-Filme aus den späten 80er-Jahren, bleibt offen.

Früh hat Cahn sich gegen die Ölmalerei und die Konzentration auf das einzelne Werk entschieden. Im avantgardistischen, politischen Umfeld in Basel entstanden feministische, auch von der Performance- und Videokunst um Friederike Pezold, Valie Export und Ulrike Rosenbach angeregte Serien von Arbeiten. In einer schnellen gestischen Arbeitsweise auf dem Boden tauchte der Körper mit all seiner Energie ein, zeichnete mit Kohle und Kreidestaub, gab den formalen Überblick auf und wurde selber zum Werkzeug. Man folgt dieser Sicht, wenn man die auf dem Boden ausgebreiteten Skizzenbücher betrachtet, darüber Arbeiten, die in einer klaren Gendersprache Orte und Objekte dem Weiblichen und Männlichem zuordnen, das Haus, die riesigen Türme des World Trade Center, das Bett dazwischen. Nach einem Unfall war Cahn gezwungen am Tisch zu sitzen, die Bildsprache veränderte sich. Persönliches, weibliche Zyklen, die Welt der Tiere, Landschaften; unabhängig vom Format wird alles gleich wichtig und zeichnet die Welt auf.

Nach der Bedrohung durch die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl explodieren und strahlen die Farben. Die Ausblühungen der großformatigen Aquarelle der Serie »Atombomben« begeistern und bilden gleichzeitig das Entsetzliche ab. Während der Führung durch die Ausstellung erklärt Miriam Cahn ihre Auffassung von Kunst: »Man macht je nachdem sehr schöne Bilder mit grausamen Hintergründen.« Das gilt in hohem Maße für das Bild »den schönen nazi übermalen«, in dem man erst auf den zweiten Blick den Schlächter Alois Brunner erkennt, und das unbetitelte Gesicht daneben mit groteskem Lachen und spitzen, gefletschten Zähnen. Diese Bilder und den Text »ZUFALL«, den der Katalog wiedergibt, hat man im Kopf, den Hintergrund ihrer jüdischen Wurzeln und das Fluchtschicksal ihrer Familie, wenn man die Mitte der Ausstellung betritt. Hier durchbricht Miriam Cahn die, wie sie sagt, »Nazi-Achse« der Räume im Haus der Kunst.

Die Künstlerin arbeitet mit dem Körper und bildet ihn ab. Er ist gleichzeitig Objekt und Mittelpunkt persönlicher, aber auch politischer Erfahrung. Der lange Spalt durch die Räume, den die Figuration »SCHLACHTFELD / ALTERSWERK« von 2012 quert, wirkt wie eine klaffende Wunde. Die großen, eigenhändig geschnitzten, gehöhlten, polierten, auf dem Boden liegenden Baumfragmente haben ein bewegliches Gegenspiel in den projizierten Fotos auf den Monitoren darüber. Es war immer der gleiche »Plastillinbollen« wie sie sagt, weiches Material, aus denen sie Körper und Körperteile formte und fotografierte.

Es ist der Krieg, der Miriam Cahn immer wieder beschäftigt. Der Golfkrieg, die Kriege auf dem Balkan, die nach dem Terrorangriff auf das World Trade Center. Sie thematisiert Flucht und Vertreibung, nimmt Anteil am Schicksal Gejagter und Entrechteter, stellt es schonungslos dar. Es ist schrecklich, Menschen sinken zu sehen in ein unfassbar schönes »Blau, 21.7.2017«, wie das genau datierte Bild aus der Werkreihe »MARE NOSTRUM« heißt. Es sind in die leere Landschaft geworfene Entblößte unter offenem Horizont oder schwerem Himmel. Der Betrachter steht ihnen gegenüber, die Arbeiten sind jeweils »auf Augenhöhe« einer Figur im Bild gehängt.Drastisch wird die Darstellung der Nacktheit im »Sexraum«, wie ihn Miriam Cahn benennt. Hier konzentrieren sich – oft in bedrängender, schockierender Fleischlichkeit – Varianten gesellschaftlich genormter Sexualität zwischen Liebe und Lust, Machtausübung und Ohnmacht. Bildinhalte und Sprache sind oft der Pornographie entlehnt und es ist das pornographische Bild der Kunst par excellence, Courbets »L’Origine du monde«, auf das Miriam Cahn mit dem Bild »le milieu du monde schaut zurück« antwortet. Das Laken, mit dem Courbet den Kopf der Frau überdeckt, wird zum offenen Schleier. Aus dem Ursprung wird die Mitte der Welt, die Frau schaut zurück.

Der Titel kann auch als Aufforderung gelesen werden. Es gibt in der Ausstellung eine sehr besondere Arbeit an einem sensiblen Ort, »abbau 23. und 24.6.2017«, aus dem die Künstlerin selbst spricht: »So fühlte ich mich nach der Documenta und sehr vielen Ausstellungen …«. Es ist ein alternder Körper, der Kopf in der Erschöpfung geneigt, freundlich lachend, die Arbeitshand gesenkt, aber noch leicht angespannt zur Faust. Die Ausstellung ermöglicht die Begegnung mit einer großen Künstlerin und ihrem kompromisslosen Blick auf die Welt. Jeder Besucher wird zu eigenen Sichtweisen und Lesarten im offenen Beziehungsgeflecht der Werke finden, sich aber auch ihrer Eindringlichkeit stellen müssen. ||

MIRIAM CAHN:ICH ALS MENSCH
Haus der Kunst| Prinzregentenstr. 1 | bis 27. Oktober| Mo–So 10–20 Uhr, Do bis 22 Uhr | Die Publikation »Miriam Kahn. Ich als Mensch« (Hirmer, 256 Seiten, 150 Abb.) kostet 29,90 Euro