Martin Crimp zeigt mit seiner Antiken-Bearbeitung »Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino«, wie Kriege entstehen.

Nina Steils berichtet vom Schlachtengemetzel, derweil das Blut spritzt | © Gabriela Neeb

Der Titel ist rätselhaft. Der zeitgenössische englische Dramatiker Martin Crimp hat in seinem 2013 uraufgeführten Stück »Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino« die Tragödie »Die Phönizierinnen« von Euripides in heutiger, teils sehr salopper Sprache überschrieben. Er hält sich inhaltlich an die antike Vorlage, verschiebt aber einige Akzente und wertet die Phönizierinnen – Mädchen aus Nahost auf dem Weg nach Delphi – vom berichtenden Chor zu boshaften Spielmacherinnen auf. Euripides erzählt den Mittelteil der Geschichte zwischen den Sophokles-Dramen »König Ödipus« (verfilmt von Pasolini) und »Antigone«, die zwar viel bearbeitet wurde, aber nicht als Kinostoff. Vielleicht wollte Crimp mit seinem Titel nur die Publikumsneugier kitzeln. Neugier lohnt sich hier: Im Volkstheater inszenierte Mirja Biel spannende 100 Minuten.

Schweinwerfer-Traversen hängen tief über dem Boden, sie bilden Längsgassen in einem dunklen Bunker. Dazwischen ein paar Sessel, hinten die Spielzeugsilhouette von Theben (Bühne: Matthias Nebel). Ein Soundtrack wummert bedrohlich (Musik: Fee Kürten), gelegentlich schieben zwei halbwüchsige Mädchen in grauen Hängerkleidchen (Kostüme: Katrin Wolfermann) Audiokassetten mit Popsongs ein. Nina Steils und Ines Hollinger – später taucht noch ein Kind auf – sind freche Gören, machen sich kichernd über die Palastbewohner lustig und flüstern ihnen fordernd den Text ein. Sie wagen es sogar, Königin Iokaste zu ohrfeigen. Die trägt mal Kahlkopf, malelegante Hochsteckperücke. Mara Widmann verleiht der Frau und Mutter des geblendeten Ödipus, der ab und zu aus seinem Gefängnis heraus schreit, eine fragile Würde zwischen Gebrochenheit, Mütterlichkeit und Contenance. Vergeblich sucht sie den Konflikt zwischen Ödipus’ Söhnen zu schlichten. Die hatten vereinbart, jeweils abwechselnd für ein Jahr zu regieren. Jetzt wäre Polyneikes dran, doch Eteokles denkt gar nicht daran, die Macht abzugeben. Polyneikes (Timocin Ziegler), ein unsicherer Halbstarker in Lederjacke, droht mit Krieg und verliest über Mikro seine Bedingungen für einen Waffenstillstand. Eteokles (Nicolas Streit) gefällt sich als Diktator und eitler Geck mit Pappkrone, Glitzerschleppe und Pelzstola. Aus einer handfesten Bruder-Prügelei wird Krieg.Dazwischen treibt der blinde Seher Teiresias (Silas Breiding) im Fransenkleid groteske schamanische Rituale, verlangt vom Bürokraten Kreon (Jonathan Müller) dessen Sohn zum Opfer, was der kurzbehoste Menoikeus (Jonathan Hutter) todesmutig selbst erledigt. Iokastes Tochter Antigone (Pola Jane O’Mara) steckt in einer spätpubertären Trotz- und Wutphase. Stets herrscht ein hochaggressiver Ton. Vom Schlachtengemetzel berichten im Blutrausch die Mädchen, aus ihren Krägen spritzt Blut in hohen Strahlen. Steine und Vögel fallen vom Himmel, Theben brennt.

Mirja Biel inszeniert plakativ mit viel Nebel, Stroboskop und Videos der Gesichter in Nahaufnahmen, aber sie legt klug und
sarkastisch bloß, wie Gewalt eskaliert. Man muss von Europa aus nicht weit nach Osten und Süden schauen, um das Gleiche zu sehen. ||

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Volkstheater| 12.; 29. September
Tickets: 089 5234655