Licht und Schatten des ARD-Musikwettbewerbs in München.

Simone Rubino, ARD-Sieger 2014 und inzwischen international gefragt | © Daniel de Lang

Mit Musikwettbewerben ist es wie mit den diversen Festspielen: Weltweit hat jede Region mittlerweile ihren eigenen, egal wie klein oder groß das Ereignis. Wettbewerbe im Bereich der klassischen Musik gibt es ebenfalls zuhauf, ganz kleine, die nur eine Hochschule betreffen, wie etwa der des Kulturkreis Gasteig e. V. für Studierende der Münchner Hochschule für Musik und Theater. Der Verein richtet auch seit Jahren eine Konzertreihe aus, die sich – nomen est omen – »Winners and Masters« nennt. Oder wie der Honens-Klavierwettbewerb, der im kanadischen Calgary alle drei Jahre nach Vorrunden auf der ganzen Welt den auch in Kammermusik und Liedbegleitung versierten und musikalisch allumfassend gebildeten Pianisten sucht, der freilich im Finale sein Klavierkonzert frei wählen darf.

Und dann ist da der ebenfalls in München ansässige »Internationale Musikwettbewerb der ARD«. Er zählt zu den größten und bedeutendsten weltweit und lässt – ein Alleinstellungsmerkmal – seit 1952 seine 21 (!) Fächer turnusgemäß wechseln, wobei er in manchen sehr häufig ausgerichtet wird, etwa was Streichquartett oder Gesang angeht, dafür andere eher selten vorkommen. Für ausgefallenere Instrumente bietet er eine der wenigen Möglichkeiten des Vergleichs mit Fachkollegen: so bei Bratsche, Bläserquintett, Schlagzeug oder Orgel. Jedes Jahr beginnt in München die Konzertsaison Anfang September mit 14 Tagen intensivsten Musizierens im Großen Konzertsaal der Musikhochschule, den BR Studios oder im Prinzregententheater. Das
bedeutet stets auch eine Schule des Hörens, und das zahlreiche Publikum ist so kundig und aufmerksam, dabei derart geräusch- und hustenfrei, wie man das nie wieder während der ganzen folgenden Konzert- und Opernsaison erleben darf.

Doch das ist nur die eine, vergleichsweise marginale Seite dieses Wettbewerbs, geht es doch in erster Linie um den direkten Vergleich junger Künstler, die meist gerade ihr Studium beendet haben oder im ersten Engagement bei einem Orchester oder an einem Opernhaus sind und sich nun vor einer siebenköpfigen Fachjury, meist noch amtierende Meister ihres Fachs, beweisen müssen. So Lise Davidsen, Bayreuths aktuelle »Tannhäuser«-Elisabeth, die nach ihrem Studium einfach so viel Zeit zum Überbrücken hatte, dass sie hintereinander gleich drei Wettbewerbe absolvierte – und alle gewann. Andere, wie der Cellist Benedict Kloeckner, versuchen es mehrfach beim ARD Wettbewerb, scheitern freilich zweimal mehr oder minder und machen doch eine bemerkenswerte Solokarriere.

Wilhelm Schwinghammer blieb 2009 immer wieder unter seinem Niveau – weil er zwischen den vier anstrengenden Runden immer mal schnell nach Hamburg jetten musste, um dort seine Verpflichtungen als Ensemblemitglied der dortigen Staatsoper zu erfüllen. Ob das die Jury wusste oder ahnte, dass da einer nicht so singt, wie er eigentlich könnte, jedenfalls errang der Bassist den zweiten Preis. Heute ist er nur noch als Gast in Hamburg zu erleben, dafür in den großen Partien seines Fachs zwischen Bayreuth, Berlin, Dresden, Paris, Toron to und Bilbao. Andererseits kam die australische Sopranistin Siobhan Stagg 2015 trotz einer mit reichem lyrischen Timbre innig und introvertiert gesungenen Juwelen-Arie aus Gounods »Faust« und einer bezaubernden Händel’schen Cleopatra nicht ins Finale, war damals aber schon an der Deutschen Oper Berlin engagiert und macht heute, mit ihrem Stammhaus als Zentrum, eine Weltkarriere als lyrischer Sopran.

Obwohl er überragend und traumschön vor zehn Jahren beim ARD-Wettbewerb das Mozart’sche G-Dur-Konzert spielte, schaffte es der damals 21-jährige Russe Sergey Dogadin nicht ins Finale. Das Auftragswerk – Poul Ruders’ höchst anspruchsvolles »Summer’s Prelude & Winter’s Fugue« – spielte er damals auswendig und mit stetig wachsender Präzision und Ausdruckskraft. Daher verliehen ihm Jury und Komponist dafür den Sonderpreis für die beste Interpretation des Auftragswerks. Auch das Münchener Kammerorchester, mit dem er dem Publikum im Herkulessaal eine Mozart-Sternstunde schenkte, widmete ihm einen Preis, und Axel Linstaedt, der damalige künstlerische Leiter, erfand flugs den BR-Klassik-Preis, um den jungen Geiger an der Jury vorbei zu würdigen. Gerade eben hat Dogadin den Tschaikowsky-Wettbewerb gewonnen! Auch dies ein ganz eigener Werdegang, was Wettbewerbe angeht.Karriere geht also oft auch ohne Wettbewerb, und nicht automatisch ist einer, der bereits in Vorrunden ausschied oder nicht zum Finale zugelassen wurde, der schlechtere Künstler, kommen doch die unterschiedlichsten Faktoren zusammen, die Erfolg oder Misserfolg zur Folge haben.

Umgekehrt verschwinden erste Preisträger oft nach kurzer Zeit ganz von der Bildfläche und aus den Konzertsälen. Jedenfalls fordert der ARD-Musikwettbewerb ein umfangreiches, jedes Jahr neu definiertes Repertoire, das schon rein zeitlich einen enormen Aufwand bedeutet und oftmals an den speziellen Fähigkeiten der Teilnehmer vorbeigeht. Auch das verpflichtende, noch nicht aufgeführte Auftragswerk eines zeitgenössischen Komponisten steht immer wieder in der Kritik und ist doch ein Lackmustest für alle, mit wie viel Musikalität und technischer Versiertheit sie ein manchmal sperriges, vermeintlich wenig zugängliches zeitgenössisches Werk bewältigen können.

Nicht immer haben diese Auftragswerke eine hohe Qualität, und da schimpfen schon mal Juroren wie Grace Bumbry, dass sich wegen dieses Auftragswerks manche Sänger gar nicht erst beworben hätten. Doch das ist eher ein Armutszeugnis für die Newcomer, denn im späteren Engagement können sich zumindest Sänger im festen Ensemble kaum aussuchen, was sie spielen oder singen müssen. Nicht jeder angehende Künstler hat die Nerven, unter solchem Druck technisch und musikalisch perfekt zu sein, denn eine Wettbewerbs- und damit Prüfungssituation ist etwas völlig anderes als ein zweistündiges, selbst zusammengestelltes Recital einem Publikum zu präsentieren, das zwar ebenfalls ein hohes Niveau erwartet, aber keine Noten vergibt und nicht jeden Ton auf die Waagschale legt, sondern vor allem mit und von Musik und demjenigen, der sie aufführt, bewegt und begeistert werden möchte. Ab 2. September jedenfalls ist es wieder so weit, in diesem Jahr mit den Instrumenten Klarinette, Violoncello, Fagott und Schlagzeug. ||

68. ARD MUSIKWETTBEWERB
Gasteig | Bayerischer Rundfunk | Hochschule für Musik und Theater | Prinzregententheater | Herkulessaal | 2.–20. Sept.
verschiedene Zeiten | Eintritt teils frei, Tickets für Semifinal- und Finalrunden: 089 590010880