Das Architekturmuseum der TU München widmet sich dem kreativen Umgang mit knappen Freiflächen in Metropolen. Unkonventionelle Beispiele aus Brasilien zeigt die Ausstellung »Zugang für alle. São Paulos soziale Infrastrukturen«.

Schwimmbad im 13. Stock – Dachterasse des SESC 24 de Maio, São Paulo| © Ciro Miguel 2018

Schwimmbäder und kleine (Pocket-)Parks auf den Dächern hoher Gebäude, den Blick auf die urbane Skyline gerichtet. Gesperrte Highways am Abend und autofreie Boulevards (nur) am Wochenende – zugänglich für jeden, der diese Platzangebote nutzen will. Sollen wir uns so die zukünftigen Freiflächen unserer verdichteten Metropolen vorstellen? Klingt erst mal wahnsinnig kreativ und experimentell – ist aber bei genauerem Hinsehen doch auch aus der Not geboren. Weil die ungebremst wachsenden Städte aus allen Nähten platzen. Weil jeder Quadratmeter (innerstädtischen) Bodens maximale Rendite und Profit verspricht. Den opfert man doch nicht (freiwillig) für »nutzlose« Freiflächen. Blüht uns das bald auch in München, einer der am dichtesten bebauten europäischen Großstädte, die immer weiter »nachverdichtet« wird?

In São Paulo – mit geschätzten 21 Millionen Einwohnern die bevölkerungsreichste Metropole in Südamerika – sorgt man seit Jahrzehnten mit unkonventionellen Methoden für eine Milderung der räumlichen Enge in der Megacity, um den stetig wachsenden Bedarf an Erholung-, Freizeit-, Kultur- oder Sportprogrammen zu erfüllen. Nun präsentiert die Ausstellung des TU-Architekturmuseums in der Pinakothek der Moderne Gebäude und offene Räume in São Paulo, die zu inte grativen Orten für die urbane Gesellschaft geworden sind. Manches verblüfft, manches erschreckt und manches macht beides: die offene Freitreppe mit anschließender Halle etwa, die um 1960 im Mediengebäude (Edificio Gazeta) auf der Avenida Paulista entstand, einer innerstädtischen Hauptschlagader der Stadt. Die riesige Treppe, von der aus man wie auf einer Tribüne auf die Straße schaut, ist aber nicht einfach so vom Gehweg aus zugänglich. Erst mal geht es in den Untergrund, dann biegt man ab und steigt wieder nach oben. Die Dramaturgie stimmt, und so wird die überdachte Treppe, die sich ja innerhalb des Gebäudes befindet, zu einer Art Tribüne. Was an Theater, Zirkus, Trabrennbahn, ans alte Berliner Avus-Rennen – oder den Trachtenumzug am Odeonsplatz – erinnert.

Auf der Straße wird halt das ganz normale metropolitane Stadtleben aufgeführt. Dennoch sehr beliebt, weil nicht kommerzielle Nutzungen möglich sind: sitzen, warten, ein Pausenbrot essen. Enttäuscht wird übrigens, wer in der Schau jene legendären schwingenden Bauten erwartet, für die die brasilianische Architektur ja auch bekannt ist, seit Juscelino Kubitschek 1960 die (von Lucio Costa geplante) Hauptstadt Brasilia mitbihren faszinierenden Architektur-Ikonen von Oscar Niemeyer einweihte. Keine »Bilbao-Effekte« – spektakuläre Gebäude von Stararchitekten als Touristenattraktionen –, sondern sozial nachhaltige Strukturen für die lokale Bevölkerung will man zeigen. Und wie Architektur in einer Stadt mit reichen Ressourcen, aber auch extremer Armut, hoher Kriminalitätsrate und großen Problemen beim Verkehr und im öffentlichen Gesundheitswesen zur Stadtentwicklung beitragen kann.

Lina Bo Bardis aufgeständertes, 1957 gebautes Kunstmuseum MASP etwa ist wichtig für die Zivilgesellschaft: Vom Platz unter dem MASP startet nahezu jede größere Demo der Stadt. Oder das neue SESC 24 de Maio vom Pritzker-Preisträger Paulo Mendes da Rocha und Mmbb Arquitetos: Hier stapeln sich auf 14 Geschossen Freizeitangebote vom Theater im Untergeschoss über Zahnklinik, Disco, Sporthalle, Bibliothek oder Restaurant bis zum Schwimmbad auf dem Dach. Wichtig auch die offene Passage im Erdgeschoss: So schottet sich dieses Gebäude des Serviçio Social de Comércio (SESC) nicht ab, sondern erweitert den knappen öffentlichen Raum. Der SESC, Sozialdienst der Handelskammer, finanziert sich übrigens mittels einer Abgabe der im Bundesstaat São Paulo ansässigen Unternehmen und betreibt inzwischen 23 Bauten in der Stadt, 43 im Bundesstaat. Diese Bauten sind alle multiprogrammatisch ausgerichtet, bieten Überdachungen für Märkte, Protestveranstaltungen oder Obdachlose und gleichzeitig Sport-, Bildungs-, Gastronomie- und Kulturangebote. Es sind Häuser, die jenseits ihrer Funktion zu Orten des gesellschaftlichen Miteinanders werden.

Nun sperrt die Stadt sogar ganze Straßen, um mehr Platz für sportliche Betätigung, Picknick, Party, Konzerte, Performances oder informellen Handel zu bieten. Seit 2015 ist am Wochenende die Avenida Paulista für den fließenden Verkehr tabu. Und die auf Stelzen geführte Minhocão-Schnellstraße seit Kurzem jeden Abend. Umstritten ist ihre dauerhafte Umgestaltung zum Park, da die unwirtliche Betonstruktur von Experten auch für die Verwahrlosung des Zentrums verantwortlich gemacht wird. Alle Projekte werden mit Fotografien aus jüngster Zeit sowie Plänen, Zeichnungen, Modellen, Filmbeiträgen, Interviews und Zahlen facettenreich und informativ dokumentiert und in engen Gitterkojen präsentiert. Die wohl nicht nur zufällig an Fußballkäfige und Grenzzäune erinnern. Freifläche – freilich nach bezahltem Eintritt – gibt’s auch in der Pinakothek: Im letzten Raum hat man eine verspielte Sitzskulptur zum Innehalten, Bücherlesen und Nachdenken bereitgestellt. Ein bisschen Brasilien-Swing, in Form eines Niemeyer-Daches im Kleinformat, muss schon sein. ||

ZUGANG FÜR ALLE. SÃO PAULOS SOZIALE INFRASTRUKTUREN
Architekturmuseum der TUM in der Pinakothek der Moderne| Barer Str. 40 | bis 8. September| Di bis So 10–18 Uhr, Do bis 20 Uhr | Kuratorenführung (englisch) mit Daniel Talesnik: 29. Aug., 18.30 Uhr, 7. Sept., 15 Uhr (gratis, Anmeldung 30 Min. zuvor an der Infotheke) | Der englischsprachige Katalog »Access for all. São Paulo’s Architectural Infrastructures« (Park Books, 224 Seiten, 181 farbige und 11 s/w Abb.) kostet 38 Euro