Die Horváth-Ausstellung im Deutschen Theatermuseum sucht einen atmosphärischen Zugang zum Werk des Dramatikers.

»Geschichten aus dem Wienerwald«: die Theke in Oskars Fleischerei © KHM_Museumsverband

Da hängt er, der Ast. Ganz schön groß. So einer hat Ödön von Horváth erschlagen, auf den Champs-Élysées gegenüber dem Theater Marigny in Paris, am 1. Juni 1938, um halb acht Uhr abends. Dabei hatte Robert Siodmak Horváth nach einer Besprechung eine Mitfahrgelegenheit angeboten. Aber der fand es zu gefährlich, im Auto mitzufahren.

Der Ast hat Gewissenbisse, die Josef Hader in Endlosschleife beteuert, und zwar aus einem Bildschirm, der am Ast hängt. Ziemlich laut, sodass die Zerknirschtheit des Astes und sein Wille zur Wiedergutmachung noch weithin zu hören sind. Anderen Tondokumenten dieses Eingangsraums der Ausstellung zu »Ödön von Horváth und das Theater« im Theatermuseum am Hofgarten kann man dezenter über Kopfhörer lauschen, zum Beispiel Peter Turrinis ziemlich irrer Erzähung »Horváths Gebeine«, in der es um die Umbettung der Restknochen des Schriftstellers in ein Ehrengrab auf dem Heiligenstädter Friedhof geht.

Peter Karlhuber hat die Räume der Ausstellung gestaltet, die Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar für das Theatermuseum Wien kuratiert haben, wo sie bereits 2018 zu sehen war. Die Räume stellen drei Hauptwerke Horváths atmosphärisch nach: »Italienische Nacht«, »Kasimir und Karoline« und »Geschichten aus dem Wiener Wald«. Dass »Glaube, Liebe, Hoffnung«, eines der auch heute noch meistgespielten Stücke des in seiner Menschenzeichnung zeitlos modernen Dramatikers Horváth da nicht vorkommt, verwundert allerdings.

»Italienische Nacht« führt in eine Wirtschaft, in der es offensichtlich eine Schlägerei gegeben hat. Umgeworfene Bierbänke und -tische, Krüge am Boden, runtergerissene Girlanden. Faschisten stürmen in dem Volksstück eine Mottoparty der Republikaner. Horváth hatte eine derartige Saalschlacht in Murnau erlebt. In diesem ersten Hauptraum zur Politik ist auch ein Dokument ausgestellt, dass Horváths peinliche Anbiederung an das junge Naziregime offenbart. Er wollte in Deutschland weiterarbeiten können. Die Abkehr folgte bald und mündete in die Romane »Jugend ohne Gott« und »Ein Kind unserer Zeit«.

Auf dem Weg zum Oktoberfest in »Kasimir und Karoline« passiert man Lebensstationen Horváths mit zahlreichen Textdokumenten zu seiner Arbeitsweise und Fotos des Dramatikers. Auf denen sieht man einen dandyhaften Mann, der anscheinend nicht viel gemein hat mit den Deklassierten, deren egoistischen Aufstiegsdrang er schonungslos und doch mit viel Liebe für die Figuren beschreibt. Unter einem Kettenkarussell und zwischen Ladenrollläden kann man Versatzstücke der Zeit betrachten und Szenen aus dem Stück hören, auch den Satz Karolines, der der Ausstellung den Titel gab: »Ich denke ja gar nichts, ich sage es ja nur.« Dann geht es in die Fleischerei von Oskar, dessen Liebe Marianne in den »Geschichten aus dem Wiener Wald« nicht entkommt, so verzweifelt sie es auch versucht. Und zum Heurigen, unter dessen Gemütlichkeit die Gemeinheit gefährlich lauert.

Die Ausstellung inszeniert die Welt von Horváths Dramenfiguren und verknüpft sie mit der Zeitgeschichte. Besucher können in der Atmosphäre baden, aber auch anhand der Textdokumente einen tieferen Blick in die Zeit und Figurenwelt Horváths werfen. ||

»ICH DENKE JA GAR NICHTS, ICH SAGE ES JA NUR.« ÖDÖN VON HORVÁTH UND DAS THEATER
Deutsches Theatermuseum| Galeriestr. 4a
bis 17. Nov. | Di bis So 10–16 Uhr (nicht 1. Nov.)

ÖDÖN VON HORVÁTH. EROTIK, ÖKONOMIE UND POLITIK
Hrsg. Von Nicole Streitler-Kastberger und Martin Vejvar | Jung und Jung, 2018
272 Seiten, mit 50 S/W- und 60 farbigen Abb.
35 Euro