Mit dem Aktionsprogramm »#EXIST« wollen Münchner Künstler und Künstlerinnen auf das Dauerproblem Raumnot aufmerksam machen. Eine Ausstellung in der Galerie der Künstler überrascht mit unkonventionellen Positionen, die man weiterdenken kann.

Hennicker-Schmidt: Westliche Wälder © Hennicker-Schmidt

Exist oder Exit? Den Unterschied macht nur ein einziger Buchstabe. Für den, der sich fragt, ob er dableiben oder gehen soll, ist er allerdings wesentlich. Essenziell, regelrecht. Vor der Frage »Gehen oder bleiben?« stehen tagtäglich immer mehr Kunstschaffende in München. Wie existieren mit wenig Einkommen und ohne Raum in einer Stadt, die alles im Überfluss hat? Mit blauem Himmel, weißen Wolken, Italien hinter den Alpen, der Maximilianstraße, vor allem aber dem Oktoberfest. Die Kreativwirtschaft boomt, macht die Stadt sexy, und das so intensiv, dass die ersten aus den übercoolten Stadtvierteln schon wieder abwandern, gierig auf der Suche nach den nächsten echten, authentischen, ehrlichen Straßenzügen, wo es noch ein paar Hinterhöfe und leere Werkstätten zu kapern gibt. Aber die Kaste der armen Künstler – was ist mit denen?

Die, die versehentlich zur Kreativwirtschaft gerechnet werden, weil Richard Florida Kunst und Wirtschaft vor 20 Jahren in einen Topf geworfen hat, weil ihm der gravierende Unterschied zwischen Game-Entwicklern und Künstlern vermutlich nicht klar war. Die Spiele-Erfinder waren damals vielleicht einfach noch nicht so vital. Heute machen sie an die 30 Prozent der Kreativwirtschaft aus. Künstler waren und sind jedoch von jeher Impulsgeber, auch für wirtschaftliche und industrielle Prozesse. Sie denken vor, was die Wirtschaft umsetzt. Daher darf man getrost behaupten: Erst die Kunst schafft die Kreativwirtschaft. Umso mehr Wertschätzung sollte die Kunst also verdienen, und zwar über Lippenbekenntnisse hinaus.

Also, die Künstler. Was machen sie? Sind sie gern »die Bohème«, die romantisch in der nichtausgebauten Maisonette (gibt es fast nicht mehr) haust, eingehüllt in Decken, weil die Heizung nicht bezahlt wurde, und geschützt nur vom Schirm, der das Regenrinnsaal abhält, das durchs Dach tropft? Das könnte nur der Schriftsteller sein. Denn der Bildende Künstler hat noch ein zusätzliches Problem: Er braucht Platz. Und davon nicht zu wenig. Denn er muss nicht nur seine Werkzeuge und –stoffe lagern, sondern auch seine Leinwände, Stahlplatten, Steine und so manch anderes. Dazu muss er sich auch noch bewegen können, ein paar Meter um das zu erschaffende Objekt herum oder zumindest davor. Ein Bildender Künstler, also der, der etwas aus einem Material herausbildet oder große Flächen bemalt, braucht laut Corbinian Böhm, Vorstand des BBK, im Idealfall 60 Quadratmeter und 4 Meter Höhe um sich herum, und zwar am besten für 10 Euro pro Quadratmeter. Wer München kennt, weiß: Diese Flächen gibt es nicht.

Aber die Frage ist ja nicht: Was gibt es nicht? Sondern: Wie kann man diese Flächen schaffen? Denn das ist es doch, was zwingend nötig ist, nachdem so viele Flächen für die Kunst abgeschafft wurden, bis zum Exitus verhökert, um neu bebaut zu werden – nein, nicht mit Wohnungen, das hätte ja noch Sinn, sondern mit Gewerbeflächen, weil die mehr Rendite bringen als Wohnraum. Private Investoren werden dafür gelobt, dass sie nicht »dem Charme des Wohnungsbaus erliegen« (Clemens Baumgärtner, Wirtschaftsreferent) und schweren Herzens Büros bauen, denn die Leute in München brauchen Platz zum Arbeiten! Nicht zum Schlafen, das können sie ja beim Pendeln im Verkehrsmittel oder im Stau oder unterm Schreibtisch tun. Außerdem haben sie zum Wohnen eh keine Zeit. Der Künstler hat ja umso mehr davon, denn er kann seinen Beruf nicht ausüben, weil er nämlich keine Platz dafür hat. Der Künstler arbeitet gern 24/7, das liegt in seiner Natur, findet dafür aber weder Heim noch Atelier. Braucht die Stadt die zeitgenössische Kunst einfach nicht? München ist auch so schon interessant, schön und lebenswert genug. Und die toten Künstler und ihre Relikte reichen völlig aus, um die Touristen noch 1000 Jahre lang anzuziehen und zu unterhalten. Schwabing gilt heute noch immer als Künstlerviertel, obwohl so gut wie keine Künstler mehr dort leben. Das beweist, dass die Kunst von heute den kulturellen Nährboden von morgen ausmacht.

Die spartenübergreifende Initiative #EXIST des BBK München und Oberbayern nahm konkret im Frühjahr 2019 ihren Lauf und war ein Aufruf an alle Künstler dieser Stadt. Tut Euch zusammen, hallte es weithin. Inzwischen sind über 1000 Künstler dabei, sich in Ausstellungen, Demonstrationen, Kunstprojekten und gemeinsamen Verlautbarungen dem EXIT in den Weg zu stellen. Allerdings ist nicht abzusehen, dass all diese Weckrufe gehört werden. Das Kulturreferat ist zwar eine repräsentative, dabei aber kleine städtische Verwaltungseinheit und kann auch beim besten Willen nichts Großes allein entscheiden. Das Kommunalreferat und die Stadtplanung müssen gefragt werden, bevor irgendetwas in Bewegung kommt.

Bis es soweit ist, ist es dann oft auch schon zu spät. Es gibt Politiker, die sich seit Jahren für die Bewahrung der Fläche als Kunstort einsetzen, denn ohne sie hätte die komplette Umwidmung für andere Nutzungen schon längst stattgefunden. Leider haben sie keine Mehrheit. Seit 2016 ist das Betreiberkonzept für die Jutier- und Tonnenhalle vom Stadtrat bewilligt und ruhte nun drei Jahre lang in der Schublade, bevor am 4. Juli wiederum der Stadtrat die »Vorplanung« für den Umbau und das entsprechende Geld abnickte. Warum dauert das alles so lang? Damit sich die Dinge von selbst erledigen? Auf dem Kreativquartier, einst (und für einige Daueroptimisten bis heute) die größte Chance für die Münchner Künstlerschaft, sterben inzwischen die ersten Künstler schon weg, die vor knapp 30 Jahren die Flächen für sich reklamiert hatten.

#EXIST: Damit die Künstlerschaft in München weiterhin existieren kann, muss Arbeitsfläche geschaffen werden. Und da stellt sich einen Frage, die kühn klingt, aber nicht logischer sein könnte: Warum baut die Stadt München den KünstlerInnen nicht ein Gebäude in zentraler Lage, mit 200 x 60 Quadratmetern und 4 Metern Raumhöhe, mit Sanitäranlagen und Küchen auf dem Flur und einem Garten auf dem Dach? Zwei gedämmten Kellergeschossen für laute Gewerke, großzügigen Treppenhäusern, die als Galerien genutzt werden können, und selbstverwalteten Kunstwerkstätten? Bei 12.000 Quadratmetern Arbeitsfläche für 200 Künstler verschiedener Genres, verteilt über 12 Etagen, auf einer Grundfläche von 1.400 Quadratmetern, hätte München eine Touristenattraktion ohnegleichen.

Würde Geschichte schreiben weit über die bayerischen Grenzen hinaus. Schluss mit der Zwischennutzung, stattdessen Aussicht auf Entwicklung. Mit Potential: bei jährlichen Nettomieteinahmen von 1,44 Mio. Euro würde sich ein solches Gebäude (Stahl-Beton-Konstruktion, Estrichböden, große Fenster) in vergleichsweise kurzer Zeit sogar rechnen. Warum das immer nach einem Traum klingt, ist nicht zu verstehen. Es ist eine Möglichkeit, die denkbar ist, und alles was denkbar ist, kann man auch realisieren – vorausgesetzt, der Wille dazu ist vorhanden. In diesem Fall der politische.

Was bisher passiert ist, ist wichtig, reicht aber noch lange nicht aus, um als Paukenschlag wahrgenommen zu werden. Mit der Initiative #EXIST – Raum für Kunst in München (www.exist-space.de), organisiert durch den BBK München und Oberbayern, schließen sich die Münchner Kunstschaffenden mit der Forderung nach bezahlbaren Wohn- und Gewerberäumen zusammen und möchten ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es nicht nur um soziales, sondern auch um lebenswertes Wohnen gehen muss. Eine Stadtgesellschaft braucht Räume der Begegnung, in denen Ideen geboren und verwirklicht werden können. Daher fordern die KünstlerInnen eine nachhaltige Bauplanung durch ein interdisziplinäres Expertenteam, dem auch KünstlerInnen angehören.

Seit der Veröffentlichung des gemeinsamen Positionspapiers im Oktober 2018 haben über 1000 Institutionen, Galerien, Offspaces, Ateliergemeinschaften und Privatpersonen aus Theater, Film, Musik, Tanz und Literatur mitunterzeichnet. Trotz positiver Resonanz ist jedoch kaum ein Fortschritt erkennbar. Daher werden die künstlerischen Aktionen unter dem Titel #EXIST immer zahlreicher, die Forderungen immer lauter. Den Auftakt der Initiative #EXIST machte am 17. Mai die Ausstellung mit Symposium in der Halle 6 im Kreativquartier. Unter dem Motto »Kunst schafft einen Raum zur Veränderung der Welt« beteiligte sich #EXIST am 19. Mai bei der Demo der VIELEN. Auch bei der Zwischennutzung »Z common ground“ unter dem Thema »Zerneuerung« machte #EXIST auf sich aufmerksam.

Die Kunst-Prozession »Alles muss rein« im Rahmen des Kunstareal-Fests am 13. Juli sorgte für Aufsehen. Die Künstler demonstrierten, in welchem Missverhältnis sich die Kunst und der dafür vorgesehene Stadtraum befinden: Münchner KünstlerInnen aller Sparten zogen mit ihren Arbeiten bis zur kleinen Galerie von Empfangshalle in der Theresienstraße 154. Mit Rollwägen, Sackkarren und Schubkarren wurden Malereien, Skulpturen und Objekte durch das Kunstareal getragen, gefahren und gezogen. Begleitet von Performances und Soundstücken wurde demonstriert, dass die Kunst mehr Raum in München braucht. In der Galerie der Empfangshalle wurden in einer chaotisch-anarchistischen Performance alle Kunstwerke, Arbeiten und Objekte zu einer dreidimensionalen Petersburger Hängung verdichtet. Vor der Galerie auf der Straße spielten Musiker. Mit der vollgestopften, überfüllten Galerie, die nicht mehr zu betreten sein wird, sollte deutlich gemacht werden, dass einfach viel zu wenig Raum für Kunst und KünstlerInnen in München vorhanden ist.

In der Galerie der Künstler formulieren – kuratiert von Gabi Blum – Jovana Banjac, BERGERNISSEN (Alisa Berger; Lena Ditte Nissen), BergHoon (The BERG; Anneke Marie Huhn), Annegret Bleisteiner; Phoebe Lesch, Gabi Blum, Johannes Büttner & Zoë Claire Miller, Christian Engelmann, Kira Fritsch, Raik Gupin, Ute Heim, Hennicker-Schmidt, Sabine Janowitz, Jessica Kallage-Götze, Peter Kees, Vit Klusak; Filip Remunda, Brigitta Maria Lankowitz, Patricia Lincke, MEDIENDIENST LEISTUNGSHÖLLE (Klaus Erika Dietl; Stephanie Müller; Jonathan Fuller-Rowell), Emanuel Mooner, Jonas von Ostrowski, John Smith, Clea Stracke, Stefanie Unruh, Nicolai Vogel und Christian Weiß den Staus Quo: Wer kann sich die Stadt heute noch leisten und wer wird zuerst gehen (müssen)? Die Künstler stehen da in erster Reihe. Doch was wird aus der Stadt, wenn die Kultur wegbricht? Die Ausstellung »#EXIST. Die ganze Stadt – eine Baustelle« ist Teil einer Recherche über Räume für Kunst in München und alternative Entwürfe innerhalb des bestehenden Systems.

Die 29 künstlerischen Positionen bilden den Ausgangspunkt für den weiteren Diskurs. Corbinian Böhm: »Dieser Diskurs darf nicht als warme Luft, in gut gemeinten Worthülsen oder leeren Versprechungen verhallen, mit denen lediglich Wählerstimmen eingefangen werden. Das ist schon viel zu lange Standard. Wenn München es als Kunststadt ernst meint, muss sie aktiv werden, und zwar jetzt. Und wenn es der Stadt und ihren Vertretern egal ist, sollen sie den Mut haben, um uns das klar und deutlich zu sagen. Dann wissen wir, woran wir sind. Weiterhin am langen Arm verhungern ist jedenfalls keine Option mehr.«  Die Konsequenz wäre: Die Künstler stellen ihre Tätigkeiten in München ein und wandern konzertiert ab. Was wäre die Folge? München wäre künstlerfrei. Und das Kulturreferat hätte im schlimmsten Fall ein paar Themen weniger.

DIE GANZE STADT EINE BAUSTELLE
Galerie der Künstler | Maximilianstr. 42 | Mittwoch, Freitag bis Sonntag 11 Uhr bis 18 Uhr | Donnerstag 11 Uhr bis 20 Uhr |