…aber das Goethe-Institut hat ein Navi. In unserer aktuellen Ausgabe präsentiert Horst Konietzny seine Eindrücke vom diesjährigen Kultursymposium in Weimar. Als Ergänzung sind hier einige Gespräche in voller Länge.

Johannes Ebert (Generalsekretär des Goethe-Instituts)

Johannes Ebert | © Martin Ebert

Wir waren sehr zufrieden nach dem letzten Kultur Symposion. Vom Grundkonzept. Dass man über das Netzwerk des Goethe-Instituts ganz viele Stimmen hier reinholt und zu unterschiedlichen Themen diskutieren lässt. Dieses Konzept hat gestimmt, aber wir haben für das Kultur Symposium 2019 ein paar Sachen verbessert: Wir haben eine größere Konzentration vorgenommen. Wir haben nicht mehr so viele Veranstaltungen, Sondern wir haben uns hier auf das Festival Zentrum im E Werk konzentriert und wir haben auch nicht mehr fünf parallele Schienen, sondern drei. Was zu einer höheren Verdichtung und einem besseren Besuch der Veranstaltungen beigetragen hat.  »Die Route wird neu berechnet”, das ist natürlich ein Riesen Thema. Aber wir haben das eben in vier Strängen fokussiert von denen wir glauben, dass sie sich gegenseitig befruchten und beeinflussen. Also dass sie sehr streng zusammenhängen. Zum Beispiel die Frage der Autonomie des Menschen, wie ist es mit digitalen Medien, wie wird man als Mensch beeinflusst und kann seinen Weg gestalten und gleichzeitig das Aufkommen des Populismus. Solche Dinge haben auch eine Wechselwirkung. Und das wollten wir deutlich machen über die vier Stränge, Orientierung, Autonomie, die Diginomics und Regression.

Marta Keil (Co-Direktorin des Performing Arts-Institutes in Warschau)

Frau Keil wie ist die Lage für die Kunst in Polen?
Die Polarisierung innerhalb der Gesellschaft wird immer extremer. Und das wird auch immer beängstigender. Wenn noch vor ein paar Jahren die öffentliche Debatte unterschiedliche Meinungen gelten ließ und man versucht hat, einen Konsens zu finden, scheint das heutzutage nicht mehr möglich zu sein. Es ist die Trennung zwischen UNS und DENEN, die immer radikaler wird. Und das ist beängstigend. Der Sprachgebrauch in der öffentlichen Diskussion hat sich deutlich verschoben. Es werden Feindbilder erschaffen, die sich aggressiv auf unterschiedliche Gruppen richten: Auf LBGT Gruppen, auf Linke, auf Flüchtlinge. Es werden mehr und mehr Fake-News geschaffen, die ganz offensichtlich als politische Waffe benutzt werden. Es ist frustrierend . Man kann es auch direkt auf der Straße feststellen. Das Aggressionsniveau ist deutlich gestiegen. Es kommt vor, dass eine Person in den öffentlichen Verkehrsmitteln geschlagen wird, weil sie nicht polnisch spricht. Das wäre vor ein paar Jahren noch völlig undenkbar gewesen.

Welcher konkrete Einfluss auf die Kunst von offizieller Seite ist festzustellen?
Erstens kann man das Phänomen der Selbstzensur feststellen. Man kann kann das klar festmachen an verschiedenen Interventionen des Kulturministeriums, dass bestimmte Themen oder Künstler nicht mehr so willkommen sind. Und das passiert nicht nur auf dem Ministeriumsebene, sondern sehr oft auf der Ebene der untergeordneten Institutionen. Kürzlich wurde ein neuer Direktor des Nationalmuseums in Warschau vom Kulturministerium ernannt. Dieser neue Direktor entschied sich, verschiedene feministische Kunstwerke, die ihm zu kontrovers schienen, aus der gerade laufenden Ausstellung über zeitgenössische polnische Kunst zu entfernen. Nach einigen großen Demonstrationen vor dem Museum brachte er die Arbeiten zwar wieder zurück, allerdings nur um wenig später die ganze Abteilung dieser Ausstellung, die sich mit zeitgenössischer polnischer Kunst Beschäftigte zu schließen.

Auf der Ebene kleinerer Institutionen wird es deutlich, dass bestimmte künstlerische Positionen keine Förderung erhalten, oder dass man sogar bestehende Förderungen verliert wenn man bestimmte Künstler einlädt. Dies ist die direkte Zensur.

Das alles führt dazu, dass wir alle, die wir von öffentlicher Förderung abhängen, unsere Sprache verändern. Wir entwickeln eine Sprache, die unsere wahre Intention verbirgt und sind dabei in Gefahr, dass dabei auch unsere eigentliche Absicht verschwindet. Auch internationalen Kooperationen wird keine Bedeutung mehr beigemessen, sondern man konzentriert sich auf das was als nationaler Wert angesehen wird.

Wie reagiert denn die Szene?
Es regt sich Protest, zumindest in der eigenen Blase der Kunstszene, der auch zum Beispiel als Flashmob interessante Formen annimmt. Aber die Konkurrenz um die schwieriger zu erhaltenden Fördertöpfe führt auch zu einer zunehmenden Konkurrenz innerhalb der Szene der freien Künstler.

Allerdings findet jetzt auch eine fundamentale Diskussion über die Rolle der Kunst in der Öffentlichkeit statt und auch darüber, wer dazu legitimiert ist, über diese Kunst zu entscheiden. Auch schon vor der jetzigen politischen Situation gab es ökonomisch praktizierte Zensur. Nur nicht so offensichtlich.

Cessy Leonhard (Zentrum für politische Schönheit

Cesy Leonard, Zentrum für politische Schönheit | © Jörg Gläscher

Wie ist die Resonanz auf Ihre Aktionen?
An unseren medialen Follower-Zahlen sieht man, dass es viele Menschen gibt, die sich für das, wie wir Politik adressieren, wie wir das mit Kunst tun, interessieren. Wir haben eine riesige Community, die mitdiskutiert, wie wir politische Themen, die vielleicht außer acht gelassen werden, mit Emotionalität und Humor angehen. Wir erreichen Menschen, vor allem junge Leute, die sich vielleicht sonst für solche Themen nicht interessieren. Uns ist aber wichtig, dass man sich dann in einem zweiten Schritt in unsere ganze Recherchearbeit, die bei unseren ganzen Arbeiten dahinter steckt, noch einmal tiefer einlesen kann.

Wie viele Leute arbeiten bei Ihnen mit?
Unser Kernteam sind zwanzig Leute, die uns seit zehn Jahren begleiten. Zu den Aktionen kommen bis zu siebzig Leute. Man kann sich auf unserer Seite als Bereitschaftshumanist melden. Das hat sich aber in den letzten Jahren geändert. Seid wir viel mehr Morddrohungen bekommen und wir vorsichtiger sein mussten, hat sich dieser Kern leider auch wieder geschlossen. Das macht es für uns schwieriger. Weil wir unsere Aktion überhaupt nur machen konnten, weil wir so viele ehrenamtliche Helfer hatten. Wir sind aufs Mithandeln angewiesen.

Wir sind im Kern ein kleines Team. Wir sind eine alternde Band, die sich gut kennt. Wir alle finden radikale Ideen spannend und sind in einem ganz kleinen Kreis, wo wir unsere Themen erarbeiten. Manchmal kommt jemand und sagt, dies oder jenes ist richtig toll, aber meistens fangen wir einfach an zu recherchieren. Es gibt zwei bis drei Themenfelder, die wir spannend finden und dann arbeiten wir für einige Monate daran. Es kann sein, dass wir in eine Richtung gehen und dann merken, da ist nicht genug Fleisch an dieser Sache. Dann gehen wir noch mal in eine andere Richtung. Das ist ganz unterschiedlich. Wenn man sich das anguckt über die letzten zehn Jahre, dann haben diese Aktionen immer mehr etwas mit dem Zeitgeist in Deutschland zu tun.

Warum braucht es die Kunst um diese Themen zu behandeln?
Ich glaube, dass Kunst eine unglaubliche Kraft auf vielen Ebenen hat. die wir sonst auf vielen Feldern der Öffentlichkeit nicht mehr haben. Wir haben Politiker, die oft an ihre Parteien gebunden sind und deswegen nicht sprechen können, wie sie eigentlich sprechen würden. Sie können auch nicht die Drastik, oder die Überhöhung wagen, die meiner Meinung nach in solchen Problemen steckt. Wenn wir ein Bild des kleinen Eilan Kurdi sehen, der im Mittelmeer gestorben ist und das aber für uns nur noch eine Meldung ist, erzeugt das für uns als Künstler das Bedürfnis, dieses Thema noch einmal anders aufzuarbeiten. Wir versuchen, die Menschen dafür zu emotionalisieren. Ich glaube, dass diese Emotionen total wichtig sind, wir müssen solche Themen spüren können. Das kann die Kunst. Das kann der Journalismus so nicht und das kann auch die Politik so nicht.

Wie stehen Sie zu dem dem Vorwurf, das Elend für künstlerische Profilierung auszunutzen?
Jede Haltung und jede Handlung hat auch immer eine Gefahr. Wenn ich agiere, dann gibt es die Gefahr, dass ich vielleicht missverstanden werde. Von wem auch immer. Davon darf man sich niemals einschüchtern lassen. Ich weiß nur aus welchem Impetus heraus wir das machen. Unser Drang, das zu machen ist, dass sich andere Initiativen angesprochen fühlen und sich Leute anschließen. Zum Beispiel, dass jetzt 16 Monate gegen uns ermittelt wurde. Erst dadurch ist ja rausgekommen, dass dieser Staatsanwalt unfassbar gegen andere ermittelt hat. Das war wichtig. Und das sieht man eigentlich bei all unseren Aktionen, in ganz vielen Gebieten. Die Mauerfall Aktion zum Beispiel (Zum 25. Jahrestag des Mauerfalls wurden die Mahnmale für die Mauertoten an der Spree geklaut und an Europas Außengrenzen neu angebracht), wurde durch die Privatperson Harald Höppner inspiriert (er initiierte das Projekt Sea Watch). Der hat gesagt, wenn Künstler es schaffen, Busse zu organisieren dann kann ich ja auch ein Boot organisieren.

Wie sieht es generell aus mit dem Weiterführen von Aktionen?
Da sind Sachen angerissen für die wir nicht die Kapazitäten haben, sie weiter zu führen. Und trotzdem sind sie Pfade gegangen, die sehr sehr spannend sind. Ich habe darüber keine Zahlen. Ich glaube auf jeden Fall, dass die Idee, wie wir Dinge adressieren und angehen, auch etwas mit anderen Organisationen macht. Viele NGOs kommen auf uns zu und fragen uns um Rat, wie man Kampagnen anders strickt, wie man unbraver wird. Das ist auch ein riesiges Thema, das wir vielleicht in einer Zeit leben, wo es eben diesen Schüler-Tag braucht, um aufs Klima aufmerksam zu machen. Es hätte nicht gereicht, einfach nur Samstags auf die Straße zu gehen und für das Klima zu sein. Es braucht diesen Schritt weiter und den machen wir eben auch. Ich hoffe, dass da etwas in Bewegung kommt und viele auf den Zug aufspringen.

Wie sieht es aus mit dem Umgang mit rechts? Sind sie dann nur über Morddrohungen in Kontakt oder versuchen Sie auch substantielle Auseinandersetzung?
Ich persönlich halte nichts von substanziellen Auseinandersetzungen mit Verfassungsfeinden. Wenn jemand sich so äußert, dann erhebe ich mein Wort, um den umstehenden Leuten zu zeigen das ich eine andere Position habe. Aber ich würde mich auf gar keinen Fall mit dem oder derjenigen auf einem Podium auseinandersetzen. Ich glaube, das ist verschwendete Liebesmüh. Ich glaube auch, dass die ganze Diskussionsrichtung in die falsche Richtung geht. Dass wir zu viel Fokus und zu viel Toleranz in diese Richtung investieren. Wir sollten unseren Fokus auf die Menschen richten, die entweder unentschlossen sind oder die ganz klar menschenfreundlich sind.