Der Jazzsommer im Bayerischen Hof präsentiert sich als feines Festival mit Faible für Südamerika.

Soul-Jazz-Königin beim Jazzsommer: China Moses| © Sylvain Norget

Dass am ersten Jazzsommerabend ein ehemaliger Kulturminister auf der Bühne im Festsaal des Bayerischen Hofs stehen wird, hat nichts mit Politik zu tun. Der 77-jährige Brasilianer Gilberto Gil fiel als Regierungsmitglied 2003 bis 2008 nicht nur mit seinen Dreadlocks aus dem Rahmen. Als Zentralfigur der Música Popular Brasiliera (neben Caetano Veloso und Ivan Lins, der das große Festivalfinale bestreitet) machte er damals ein wenig Pause. Aber der legendäre Sänger, Gitarrist und nicht zuletzt Songschreiber hat in der vergangenen Dekade alljährlich mindestens ein Album herausgebracht und passt bestens in die Tradition eines stark lateinamerikanisch geprägten Festivalprogramms. Wobei Katarina Ehmki im Lauf der Jahre für mehr Vielfalt gesorgt hat und bei ihrer 13. Runde auf eine besonders bunte Mischung setzt. Gilberto bringt drei Sprösslinge mit, ernst zu nehmende Musiker, aber auch ein Zeichen dafür, wie intim und persönlich seine Vorstellung von Musik ist. Geradezu krass der Kontrast zu dem, was am späteren Abend Besucher im Nightclub des Hotels erwartet: Moshulu, eine im Januar gegründete Formation von Studiocracks wie Jeff Berlin (Bass) und Dennis Chambers (Drums) aus dem Umfeld von Santana, Sting oder Bruce Springsteen, die ihre Muskeln spielen lassen werden und Songs eher als Vehikel betrachten, um Virtuosität zu demonstrieren.

Wer meint, dass Jazz auch mal ordentlich swingen sollte, ist beim Hammond-Virtuosen Joey De-Francesco gut aufgehoben. Der war mit Größen wie Ray Charles, Van Morrison und David Sanborn unterwegs. Mit seinem Trio setzt er auf ein Update der Jimmy-Smith-Tradition in Richtung Spiritual Jazz. Neben einem der seltenen Solokonzerte des Keyboarders John Medeski vom Trio Medeski Martin & Wood prägen zwei auf ganz unterschiedliche Weise extrovertierte Sängerinnen die weite Sommerhälfte: Camille Bertault, die mit Youtube-Clips bekannt wurde, bei denen sie Glenn Goulds Aria aus den Goldberg-Variationen begleitet – und zwar beim Kochen! Oder sie versieht Coltranes »Giant Steps« mit französischem Text für eine haarsträubend schnelle Vocalise-Version. Könnte nerven, aber sie tut’s mit so viel Witz, Musikalität und Leichtigkeit, dass man mehr hören will von diesem »genialischen Wesen« (Beate Sampson, BR): Ravel zum Beispiel, Chanson goes Hip Hop, fulminante Eigenkompositionen. Hören und sehen, denn der neueste Star am französischen Jazzhimmel mag das Stillstehen auf der Bühne nicht.

Was auch für die Jazzdiva China Moses gilt. Wie ihre Mutter Dee Dee Bridgewater würzt sie Konzerte mit darstellerischen Qualitäten und ausufernden Ansagen. Musikalisch gibt es neben Jazzstandards auch viel R&B, Soul und Anverwandtes. Die Konzerte werden wie gewohnt gerahmt von einer Ausstellung musikbezogener Gemälde (Abstraktes von Milan Mihajlovic) und handverlesenen Dokumentarfilmen in der astor@CINEMA LOUNGE im Hause zu einschlägigen Themen: Gilberto Gil als politisch engagierter Weltreisender, sein Landsmann João Gilberto oder John Coltrane – weshalb man in die Nächte dieses bemerkenswerten Jazzsommers schon um 18 Uhr einsteigen kann. ||

JAZZSOMMER 2019
Bayerischer Hof| 22.–27. Juli| Tickets: 089 2120 920