Mirja Biel ist auch gelernte Bühnenmalerin. Am Volkstheater inszeniert sie Martin Crimps Überschreibung von Euripides’ »Phönizierinnen«.

Regisseurin Mirja Biel kann ohne Bild nicht denken | © Kerstin Schomburg

Mirja Biel fällt aus dem Rahmen. Sie ist kein »Radikal jung«-Gewächs, wie es Regiedebütanten am Münchner Volkstheater üblicherweise sind. Und sie ist in dieser Spielzeit eine von nur zwei Regiefrauen an diesem Haus und inszeniert Martin Crimps Euripides-Überschreibung »Alles Weitere kennen Sie aus dem Kino« auf der großen Bühne des Volkstheaters. Eigentlich klar, schließlich ist die 42-Jährige seit vielen Jahren im Geschäft. Doch als Mitglied des 2018 gegründeten »regie-netzwerkes« musste sie auch Begriffe wie »gläserne Decke« lernen für das, was Frauen den Sprung nach oben vereitelt. Man kommt in dieser spätgeborenen Interessenvertretung freier Regisseure aber auch ganz generell über »immer katastrophaler werdende« Arbeitsbedingungen ins Gespräch, über massive Honorarunterschiede innerhalb eines Hauses und andere Katastrophen, die mit dem künstlerischen Markt allein nicht zu erklären sind: »Es kann zum Beispiel nicht sein, dass eine Aufstockung des Etats immer nur der Tariferhöhung der Festangestellten dient, und der einzige Posten, an dem gespart wird, ist das künstlerische Personal.« Als freier Journalist kommt einem das nur allzu bekannt vor: zuerst der Apparat und ganz zuletzt der Inhalt.

Doch halt, um den geht es ja hier! Nach München ist Mirja Biel über die Dramaturgin Rose Reiter gekommen, die sie schon lange kennt. Das Stück mit dem sperrigen Titel war ihre Wahl. Es könnte so etwas wie die Antwort des Volkstheaters auf DIE Erfolgsinszenierung der Saison an den Kammerspielen werden, denn wie Christopher Rüpings Antikenmarathon »Dionysos Stadt« stellt auch Crimps fatalistisch-humorvolles Abklopfen der unseligen Geschichte des Herrschergeschlechts von Theben die Frage nach Schicksal und Verantwortung aus heutiger Sicht neu – und beharrlich immer wieder.

Biels Regieansatz wird mit Sicherheit beherzt sein, aber spielerisch bleiben. Eine Kostprobe ihrer Chuzpe ist etwa im Trailer zu »Kasimir und Karoline« auf der Website des Theaters Erlangen zu beschnuppern: schillernde Kostüme, bunte Masken, eine Fülle von Regieideen. Das stilisierte »Shithole«, in das Biel am Theater Heidelberg Elfriede Jelineks Trump-Stück »Am Königsweg« verlegt hat, füllt sich dagegen erst allmählich mit Goldregen, Adlerkacke, Mickymäusen und abgestürzten Freiheitsstatuen. Doch der reine Frauencast behält stets die Übersicht über den trotz allem wohlproportionierten Abend. Dem merkt man an, wie musikalisch Biel arbeitet – und dass sie vor dem Regiestudium an der Theaterakademie Hamburg und einem kunstwissenschaftlichen Zwischenspiel in Berlin bereits Bühnenmalerin war. »Ich kann ohne Bild gar nicht denken und mache auch gerne eine Bühne pro Spielzeit selbst. Mehr aber lieber nicht, weil mir dann der Gesprächspartner fehlt«, sagt Biel. Von 2008 bis 2014 war dieser Partner der bildende Künstler Joerg Zboralski. Als Regieduo Biel/Zboralski waren die beiden zuletzt Hausregisseure am Theater Bonn. Doch es gibt inzwischen wieder ein Team beziehungsweise »verschiedene enge Arbeitsbeziehungen«. In München sind Bühnenbildner Matthias Nebel und Kostümbildnerin Katrin Wolfermann dabei – beide gehören zu Biels engsten Vertrauten. Neu sind Rosanna Graf (Video) und Fee Kürten, die einen »sehr aufwendigen« Soundtrack zur geisterhaften Atmosphäre beisteuert, die Crimps »Phönizierinnen«-Variante prägt.

Ein seltsamer Mädchenchor – sind es Zeitreisende, Anthropologen oder die Handlanger eines Terrorstaates? – zwingt die handelnden Figuren in die Geschichte. Immer wieder, »vielleicht, bis sie etwas daraus lernen«, sagt Biel. Aber das kann dauern. Viel hat die Regisseurin über den Loop zu sagen, in den das Personal um Eteokles und Polyneikes »eingesperrt wird«, über Amnesie, falsche Auftritte und »Spuren« von künftigen oder vielleicht doch schon vergangenen Ereignissen. Und über die Verlockungen der Macht für «zwei eitle Jungen, die ihr Kriegsspielzeug noch nicht aus der Hand gelegt haben und plötzlich mit echten Heeren voreinander stehen«. Doch alles Weitere gibt es auf der Bühne. ||

ALLES WEITERE KENNEN SIE AUS DEM KINO
Volkstheater| Brienner Str. 50 | 18. Juli
19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655