Im Rahmen der Festspiel-Werkstatt arbeitet Nanine Linning erstmals mit dem Bayerischen Staatsballett.

Nanine Linning © Annemone Taake

»DUO« heißt das Stück, das Nanine Linning beim Bayerischen Staatsballett kreiert, und auf die Frage nach der Bedeutung des Titels greift die Choreografin zum Stift. Zeichnet zwei gegenüberliegende Rechtecke, dazwischen ein Quadrat: zwei Bühnenflächen und den Platz für die Musiker des Bayerischen Staatsorchesters. Die spielen »Schnee« (2008) des dänischen Komponisten Hans Abrahamsen, »Ten canons for nine instruments«, eine intensive, elementare, flirrende, auch vertrackte Komposition von einer Stunde Dauer. »Die Musik basiert auf Kanons, mit Frage und Antwort: 1A und 1B, 2A und 2B. Ein ständiger Dialog zwischen zwei Stücken«, erklärt Linning in einer Probenpause. »Das habe ich choreografisch zu übersetzen versucht in einen Dialog zwischen Frage und Antwort, in ein Echospiel zwischen den zwei Gruppen von Tanzenden, zwischen den zwei Bühnen. Raum und Visuals hat der Londoner Künstler Alexandros Tsolakis konzipiert. Von oben werden Videos auf die Tanzflächen projiziert. Alles ist ständig in Bewegung. Wie Welle und Stille, Ebbe und Flut, Abend und Morgen. Eine Serie von aufeinander folgenden Reaktionen. Das Zyklische in der Natur, der Rhythmus des Organischen ist sehr präsent in diesem Stück.«

Das erinnert ein wenig an Isadora Duncans Konzept vom »Tanz der Zukunft«, aber nur auf solch eine Harmonie zwischen Weltall und Individuum ist die Niederländerin Nanine Linning nicht aus. Sie arbeitet multidisziplinär zwischen den Künsten, und ihre innovativen Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet. Linning hatte an der Rotterdamer Tanzakademie CODARTS studiert, war von 2001 bis 2008 Hauschoreografi n des Scapino Balletts, widmete sich dann eigenen Projekten. Für »Bacon« erhielt sie 2006 den Golden Swan für die beste Tanzproduktion der Niederlande. Nach einer Station in Osnabrück leitete sie 2012 bis 2018 die Dance Company Nanine Linning am Theater Heidelberg. Drei Mal ist ihr zu Abrahamsens »Schnee« entwickeltes Stück »for 16 dancers and 9 musicians« im Rahmen der Opernfestspiele zu erleben.

Proben zu »Duo« von Nanine Linning: das Ensemble beim Lichttest| © Sigrid Reinichs

Linning gibt ein Beispiel für die Echo-Struktur: »Auf dem einen Feld agiert eine Gruppe, sie bewegen sich vorwärts – und auf dem anderen tanzt eine Frau, die sich in umgekehrter Weise bewegt. So wird ein Bezug bemerkbar, die beiden Bühnen atmen zusammen.« Drei Wochen vor der Aufführung wird intensiv geprobt, und es gibt noch grundsätzliche Dinge zu klären. Die Tänzerinnen und Tänzer wechseln nämlich auch zwischen den Bühnen. »Ich muss mit dem Dirigenten Gregor Mayrhofer besprechen, ob sie sich nur seitlich am Orchester vorbei oder auch durch die Musiker hindurch bewegen können. Oder mit den Musikern interagieren. Aber die Musikproben haben noch nicht begonnen.«

Spezielle Bewegungsformen bieten auch die Kostüme, neben Trikots und der Haut sind auch Kostümelemente der Designerin Irina Shaposhnikova mit im Spiel, die als mobile skulpturale Elemente fungieren. Linning zeigt Fotos, auf denen die Kleider, Jacken und Hosen auf der Stange hängen mit parallel gefalteten Stofflagen wie Lamellen. Die falten sich in Bewegung auf, lösen sich, schwingen: wie Wellen. »Der Gedanke war: Wie kann ich die Musik umsetzen in Kostüm? Wir haben die Musik in ein Rechnerprogramm eingespeist und grafi sch visualisiert. Da zeigt sich eine untere und eine obere Lage, man sieht die Linien und auch wie sie sich bewegen. Diese Kräuselungen, diese Wellenbewegung haben wir versucht in ein rhythmisches Muster zu übersetzen.« Außen sind die Lamellen hell, innen kann man die dunkle Seite erkennen. »Das ist wieder der Dialog: Hell und Dunkel.« In der Bewegung öffnen sich die Oberfl ächen der Faltungen, entsteht Transparenz. Sind Echos zu spüren. »Aus der Ferne betrachtet entsteht ein Schimmer.« Auch in solchen Details geht es Linning um einen Ausgleich der Gewichtungen, der Kontraste, um eine Polyphonie der Bezüge, der zugleich ein Fließen innewohnt.

Das Publikum ist einbezogen in diese Transformationen, denn man sitzt – um die Spielflächen herum – ganz nah an den Tanzenden, erlebt aus zwei Metern ein intensives Pas de deux, kann den Blick aber auch auf das Geschehen im entfernten anderen Feld richten. Linning liebt an diesem Setting die Nähe des Publikums. »Man spürt so viel mehr, sieht alle Augen, sieht jedes Detail. Auch für die Tanzenden ist es spannend, dass das Publikum so nah, überall drumherum ist. Als Choreografi n freilich muss ich darauf achten, ob es aus der 360-Grad-Perspektive immer und für alle stimmig ist. Auch, dass man mit einem Blick nicht zu lange an einer Sache fixiert bleibt.«

Proben zu »Duo« von Nanine Linning: das Ensemble beim Lichttest| © Sigrid Reinichs

Die Beleuchtungssituation in diesem Setting sei komplex, bemerkt Linning. Seitenlicht würde das Publikum blenden, eigentlich kann auch kein Licht von oben kommen, denn von da werden ja die Videos auf den Boden projiziert. »Mit der Videowelt schaffen wir Bilder aus Linien. Die wachsen, wie zusammenfließendes Wasser, das auch wieder verschwindet. Ein Gebilde umfasst die Tänzer von außen, oder die schieben es weg: ein permanentes Atmen zusammen.«

Abrahamsens »Schnee« basiert trotz des Flirrens auf einer – sinnlich angereicherten – Einfachheit und elementaren Konzeptualität. »Zwischen die Kanons sind drei Intermezzi eingeschaltet«, so Linning, »die Musiker stimmen ihre Instrumente. Das ist keine Auszeit für die Musiker, sondern komponiert und dirigiert. Mir erschien das wie eine Reinigung, ein frischer Neubeginn.« Linning antwortet darauf szenisch. »Wir wollten gleichsam auch die Bühne leerstreichen: kein Video mehr, kein Tanz.« Linning tut das mit Licht, einer Idee des Münchner Beleuchtungsmeisters Benedikt Zehm folgend. Leuchtstäbe werden langsam über den Boden gerollt. »Wie ein Ausatmen. Kein Schnitt, aber ein Neuanfang.«

Ein wichtiger szenischer Faktor muss noch genauer erarbeitet werden. »Der Dirigent ist eigentlich der Motor. Er gibt am Anfang auch das Zeichen für einen Beleuchtungseffekt, der langsam über das Publikum streicht, so als ob ich jede einzelne Person berühre. Eine Verbundenheit entsteht. Das Licht bewegt sich synchron im Takt der Musik – wobei die Kanonstruktur sich verändert, was die Zeit betrifft. Am Ende dauert ein Kanon nur mehr eine Minute.« ||

NANINE LINNING: DUO
Reithalle| Heßstr. 132 |12./13. Juli, 20 Uhr,14. Juli, 18 Uhr | Tickets