Die Festspiele sprießen und bieten vom roten Teppich bis »Oper für alle« das ganze Spektrum des Genusses. Ein launiger Streifzug von Wolf-Dieter Peter.

Freiluft-Trubel mit Aussicht: Oper für alle am Max-Joseph-Platz © Wilfried Hösl

Immer diese Engländer! Da stehen sie in zuweilen in die Jahre gekommenen Abendkleidern und Smokings spätmittags in der brülllauten Paddington Station, steigen in den Zug in dieses südenglische Dorf und stürzen sich, kaum angekommen, nicht an den Kartenschalter oder an die Bar, einst der alten Scheune, heute des exquisiten neuen Opernbaus. Nein, sie eilen auf die grüne Wiese, sichern mit dem Schottenmusterplaid und schwer bestücktem Picknickkoffer den besten Platz, mit Blick aufs Herrenhaus des Gründers, aufs Opernhaus und auf die Kühe gleich nebenan hinter einem Elektrozaun. Das ist der Festspielklassiker »Glyndebourne«, seit den 1930er Jahren unverändert populär und in seinen Spielformen fröhlich variiert.

Damit stehen die Briten Pate für eine epidemische Sucht, die nur eine Autostunde von der bayerischen Weltstadt der Musik auch möglich wäre, zum Beispiel vor dem Festspielhaus Erl. Doch der kommende künstlerische Direktor Bernd Loebe, edler Kulinarik durchaus zugetan, hat schon abgewinkt: »Champagner und Lachs auf den Wiesen müssen nicht sein.« Also noch etwas näher als Tirol und dann eben mit Kartoffelsalat, Wurst und Bier. Denn die Epidemie, die inzwischen alljährlich europaweit ausbricht, hat längst auch München erfasst. Infektionsherd ist der Max-Joseph-Platz, die frei verfügbare Droge »Oper für alle«.

Während drinnen im Nationaltheater die besten Sitzplätze bis 343 Mäuse und Stehplätze auch noch 25 Euro kosten, geht es vor der Traumfassade von Residenz und Musentempel für lau nur um den richtigen Blickwinkel auf den großen Bildschirm, zu Beginn bei Noch-Tageslicht. Später kann es sommerabendlich traumhaft werden oder unter dem Regencape bayerisch-trotzig: Jetzt erst recht! Und es ist unschnöselig fast alles erlaubt: Schnitzel und Lachs, Käse und Schinken, Sekt und Wein und Bier, selbst Wasser, vor allem aber legere Kleidung, aus Sicherheitsgründen keine Hocker oder Campingstühle, sondern eine dicke Decke auf den Katzenkopfsteinen am Boden.

Anders als die Beziehungsreichen im Inneren des Nationaltheaters erleben viele weniger betuchte, aber oft kenntnisreiche Opernbegeisterte eine der Festspiel-Neuinszenierungen, diesmal am 6. Juli »Salome« samt Schleiertanz für alle, visuell und klanglich akzeptabel. Ist es ein Hauch von Klassik-Woodstock? Jedenfalls sind viele am Ende sogar näher dran. Wenn die Künstler samt Intendant oben auf dem Treppenpodest des Kunsttempels zum Schlussapplaus draußen erscheinen und man von »ihr« oder »ihm«, vom Star nur ein paar Stufen entfernt ist. Wer an diesem Abend nicht kann, findet Trost am 20. Juli auf dem Marstallplatz zu einem populär durchmischten Festspielkonzert mit Kirill Petrenko und Thomas Hampson, auch ein Erlebnis. An die schon im Vorfeld oder bei der Nachbereitung Erschöpften denkt da kaum jemand, die Hautarztpraxen, die Kosmetik- wie Coiffeursalons, speziell die Schönheitschirurgen und die Couturiers. Sie haben eine seit Monaten präzise geplante Hochkonjunktur, worum sie der Rest der bundesdeutschen Wirtschaft glühend beneidet: volle Terminkalender, lange Bestell- und Wartelisten, präzise Produktionsabläufe, exakte Lieferdaten, Krisentelefone und Hysterie-Handling-Teams. Alle sollen sie punktgenau ein Endprodukt liefern, eine gestraffte, geschminkte und gestylt schöne Jugendlichkeit! Auch für alle und bestmöglich
vermittelbar durch die vielen Kameras, die inzwischen zu einem gesellschaftlichen Event gehören.

Ein weiteres Medienspektakel ist allerdings schwer zu toppen: die Auffahrt der Festspielgäste am Grünen Hügel in Bayreuth. München muss topografisch da leider passen, hat aber das weitaus schönere Festspielhaus. Und als Trost winkt die elegante und optisch eindrucksvolle Treppe, auf der man sich »oben« fühlen und und stilecht präsentieren kann. Für das Dilemma der unübersichtlichen sieben Eingangstüren hat die Staatsregierung in den letzten Jahren außerdem Abhilfe geschaffen. Der mittlere Eingang wurde durch einen roten Teppich effektvoll aufgewertet und durch Seile großstadtdemokratisch abgegrenzt: Wer hier aus- und aufsteigt, der gehört eben zu den »ein bisschen gleicheren« à la Baby Schimmerlos.

Da filmen die TV-Teams und flitzen die Vor-Ort-Reporter, vor allem die der privaten Dampfradios. Wer und wie mit wem ist beim Boulevard noch immer eine Meldung wert. Und es ist auch über München hinaus ein wichtiger Teil der Festivalitis. Denn dem Verlangen nach dem roten Teppich wird auch an Augsburgs Rotem Tor, in Regensburgs Schlosshof, Wunsiedels Felsen, Hersfelds Ruinen, in Heidenheim, Schwetzingen, Ludwigsburg bis hinauf in schleswig-holsteinische Scheunen nachgegeben. Es sind eben allenthalben Festspiele.

Noch eine Anmerkung, denn eine besondere Form des Veranstaltungsreigens hat abermals München zu bieten. Auf dem Odeonsplatz zum Weltklasseorchester des Bayerischen Rundfunks am 13. Juli wie auch im September auf dem Königsplatz zu Anne-Sophie Mutters Star-Wars-Klangrausch »John Williams forever« erscheint das Konzertpublikum zum »Opern Air« doch dominant in edler Abendkleidung. Zwar sind hier die Preise dem Konzertsaal vergleichbar, dafür ist trotz technischen Aufwands von Toprundfunktontechnikern die Akustik hörbar schlechter. Es ist eben »das andere, unvergleichliche Erlebnis«, womöglich romantisch, vielleicht auch mückenstichperforiert oder platzregengebadet. Man ist aus dem Alltag heraus und vielleicht sogar nahe an der klassischen Festspieldefinition, die da vorgibt »das besondere Werk am besonderen Ort auf besondere Weise« zu bieten. Darauf ein Pils, ein Kombucha oder gleich einen Kir Royal! ||

MÜNCHNER OPERNFESTSPIELE (und andere)
Staatsoper / Prinzregententheater / Cuvilliéstheater
bis 31. Juli| verschiedene Zeiten | Tickets: 089 21851920