Hans Christoph Buch wandelt auf Traumpfaden.

Die Geschichte, die Jörg Magenau in seinem Buch »Princeton 66« kolportiert hat, kommt nicht vor: Angeblich habe der junge Hans Christoph Buch, als er das ihm bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton zugeteilte Doppelzimmer zum ersten Mal betrat, tatsächlich geglaubt, seine Gastgeber hätten ihm sogar ein Mädchen ins Bett gelegt. Es war aber kein Mädchen, sondern Peter Handke. 53 Jahre ist das her. Jetzt blickt Buch zurück auf seine Anfänge, die prägenden Jahre im »Ostwestberlin« der sechziger und siebziger Jahre.

»Berlin war trotz oder wegen des Mauerbaus die Hauptstadt der deutschen Literatur.« Dort lebt der in Wetzlar geborene Diplomatensohn seit 1964. In den achtziger und neunziger Jahren war er wesentlich daran beteiligt, dass Schriftsteller aus Ost und West im Literarischen Colloquium am Wannsee über Menschenrechtsverletzungen und Zensur reden und sich über das literarische Schreiben vor und nach der Wende miteinander austauschen konnten – das Motto dieser Literatentreffen, »Tunnel über der Spree«, wurde jetzt zum Buchtitel.

Literaturgeschichte in Literaturgeschichten – darum geht es. Man lernt Martin Walser, Hans Magnus Enzensberger, Marcel Reich-Ranicki, Reinhard Lettau, H.C. Artmann, Nicolas Born und zahlreiche andere näher kennen. Gesehen werden sie durch die Brille eines Autors, der mit Urteilen nicht geizt: »Es war schwer, fast sogar unmöglich, mit Günter Grass befreundet zu sein, weil er sich mit subalternen Höflingen umgab, die allem, was er sagte, schrieb und tat, ihren Segen erteilten, während er allergisch reagierte auf Kritik und von seinen Freunden Gefolgschaft verlangte … Hinzu kommt, dass er bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Kollegen ungebetene Ratschläge gab.« Immer geht es in diesen leichtfüßigen Porträts von Zeitgenossen auch um das eigene Verständnis von Literatur, und oft bezieht sich Buch dabei auf seine literarischen Vorbilder, zu denen Homer ebenso gehört wie Goethe, Chamisso, Kleist, Heine oder Kafka, aber auch erstaunlich viele Russen und natürlich der hochverehrte Alejo Carpentier.

Vom Literaten Hans Christoph Buch kann man nicht sprechen, ohne seine andere große Leidenschaft zu erwähnen, das Reisen. In die Sowjetunion und die USA, nach Kanada, Mexiko, Brasilien und China gelangte er schon als junger Mann. Haiti, wohin sein Großvater um 1900 ausgewandert war, ist zum Schauplatz mehrerer seiner Bücher geworden, auch seines bekanntesten Romans »Die Hochzeit von Port-au-Prince« (1984). Nicht weniger bedeutend als seine Reportagen aus Kriegs- und Krisengebieten der Welt, von Liberia und Ruanda über Tschetschenien und Afghanistan bis Bosnien und Kosovo, sind Romane wie »Baron Samstag oder das Leben nach dem Tod« (2013) oder »Stillleben mit Totenkopf« (2018).

Immer wieder suchte der Kosmopolit Politik und Ästhetik zu versöhnen, und er hat sich damit nicht nur Freunde gemacht. »Die Literaturkritik wollte mich immer anders haben als ich bin«, stellt Buch in seiner Dankrede zum Schubart-Preis der Stadt Aalen fest. Dieser Schubart »passt in keine Schublade«, heißt es dort weiter – das gilt auch für den Redner selbst. ||

HANS CHRISTOPH BUCH: TUNNEL ÜBER DER SPREE. TRAUMPFADE DER LITERATUR
Frankfurter Verlagsanstalt, 2019 | 200 Seiten | 20 Euro