In der Reihe »100 Jahre Bavaria« lässt das Filmfest München Dominik Grafs »Die Sieger« wieder aufleben. Wir sprachen mit dem Regisseur anlässlich der restaurierten Fassung seines Films über künstlerische Kompromisse. Und auch ein bisschen über den Stand des deutschen Kinos.

Dominik Graf| © Caroline Link

Herr Graf, ein Vierteljahrhundert hat es gedauert, bis Ihr zwölf Millionen Mark teurer Kinofilm »Die Sieger« in einer digitalen 4K-Fassung restauriert werden konnte und seine Wiederaufführung bei der Berlinale erlebte. Im Rahmen der Mini-Reihe »100 Jahre Bavaria Film« wird er nun während des Filmfests München endlich auch in Ihrer Heimatstadt wieder auf der großen Leinwand zu sehen sein. Zuvor hatte es mehrere Versuche gegeben, Ihr »widerborstiges Kind«, der ein kolossaler Kinoflop war, neu aufzulegen. Warum ging das nicht schneller? Lag es an den Rechten, am schlechten Zustand des Drehmaterials oder schlichtweg am fehlenden Interesse der Bavaria für ihre eigene Filmgeschichte?
Ich glaube, es war niemand daran interessiert, einen Millionenflop zu restaurieren. Die Bavaria hatte nach Chefproduzent Günter Rohrbachs Abgang andere Interessen. Es gab bei mir viele Anfragen von erstklassigen DVD-Editionen, den Film nochmal mit allem drum und dran und geschnittenen Szenen und Extras herausbringen wollten, aber die Rechteinhaberin Bavaria Film und ihre Auswertungstochter Eurovideo lehnten immer wieder ab. Eurovideo hatte sogar 2002 eine »Special Edition« veröffentlicht, die einen derart schlechten Ton hatte, daß im Internet Proteststürme zu lesen waren – egal, der Film war für die Firma Vergangenheit. Diese Haltung hat sich nun unter Markus Zimmer verändert.

Ihr »Director’s Cut« ist mit 146 Minuten nun gut 15 Minuten länger als die Kinofassung von 1994. Das hinzugefügte Material verteilt sich in erster Linie auf zwei zusätzliche Szenen und mehrere kleine Schnitte, die vor allem die Rolle Ihrer Hauptfigur – Karl Simon (Herbert Knaup) –  betreffen sowie dessen Kontrahenten Heinz Schäfer, den Hannes Jännicke eindrucksvoll verkörpert. Inwiefern finden Sie ihn nun selbst in den entscheidenden Passagen runder und verständlicher?
Ich glaube, es ist weniger eine intellektuelle Verständlichkeit, die durch die neuen Szenen unterstützt wird, sondern es entsteht vielleicht mehr ein Gefühl, eine emotionale Basis der Figur Karl Simon, die von Herbert Knaup gespielt wird. Was sein Ex-Kollege und angeblich toter Freund Schäfer- Hannes Jaennicke- verbrochen hat, das unterminiert Simons Selbstverständnis als SEK-Mann. Ein Kindsmörder aus einem beinahe faschistoiden Motiv heraus – man ahnt den Begriff »unwertes Leben« bei seiner Untat- war jahrelang Simons enger Freund gewesen! Das kann er nicht ertragen. Simon schaut bei Schäfer in einen dunklen Spiegel. Ich glaube, diese Motivation spürt man jetzt früher und wesentlich klarer, wenn er sich im Suff vor Verzweiflung über das Zusammentreffen mit dem Totgeglaubten ein Messer in den Arm rennt. Er fühlt vielleicht auch Mitschuld. Und diese Schuld will er tilgen. Am Ende merkt er, sie sind beide Knechte desselben Systems und sie saßen immer schon in der Falle ihrer antrainierten Selbstüberschätzung.

Die ursprüngliche Schnittfassung soll damals knapp drei Stunden gewesen sein. Wo lagert dieses Material heute? Schließlich hat die Bavaria ihr Kopierwerk längst aufgelöst. Und haben Sie für die digitale Restaurierung nicht mit dem Gedanken gespielt, noch einmal eine deutlich längere Fassung zu erstellen?
Nein, mehr als die Szenen, die jetzt dazu gekommen sind, wurde nicht gedreht. Es gab ein Drehbuch von Günter Schütter, das noch ausführlicher war, aber das fiel bei der langen Skriptarbeit unter den Tisch. Es gibt keine längere Fassung mehr.

Besonderes Augenmerk haben Sie bei der Restaurierung auf den aufwändigen Tonmix von Michael Kranz gelegt. In der bisher vorliegenden DVD-Fassung von Eurovideo war das schlichtweg eine Katastrophe. In welchem Zustand befand sich das Originaltonmaterial generell und wie sind Sie dabei konkret vorgegangen? 
Die disaströse Tonfassung war bei Eurovideo einfach ein schwerer technischer Übertragungsfehler, es gab dort offenbar keine Qualitätskontrolle. Und nachdem die Käufer-Proteste tobten, wurde in der Firma nur mit den Schultern gezuckt. Die neue Tonbearbeitung finde ich jetzt wirklich erstklassig, ja. Gott sei dank.

Im Rückblick wirkt Ihr gescheitertes »Sieger«-Projekt wie ein einziger Kompromiss: Die deutlich längere Drehbuchfassung Günter Schütters wurde nie umgesetzt, Bernd Eichingers Verleihinteresse ging plötzlich gegen Null und auch der damalige Bavaria-Chef Günter Rohrbach konnte sich mit diesem anspruchsvollem Mix aus SEK- und V-Mann-Welten, Korruptionsprozessen in höchsten Politsphären und einer konsequent düsteren Geisteratmosphäre nicht permanent anfreunden, wie es aus dem Umfeld ehemaliger Bavaria-Mitarbeiter zu hören ist, obwohl er den Film selbst angestoßen hatte. Welche Lehren haben Sie aus diesen Negativerfahrungen für Ihre weitere Regiekarriere gezogen?
Der Film, so wie er jetzt zu sehen ist, ist kein Kompromiss. Ich habe damals aus der Produktions-Situation versucht, das Beste zu machen, habe mich bemüht bei den Dreharbeiten und ich habe nun mit dem Film auch meinen Frieden geschlossen. Eichingers erlahmtes Verleih-Interesse mit der Begründung »das sind ja keine Sieger sondern Verlierer« war typisch Eichinger-ig, und ich habe seinen Satz eher als Kompliment und Ansporn für den Stoff und das Drehbuch empfunden – wenn auch die Ablehnung der Constantin damals natürlich die Finanzierung problematisiert hat. »Die Sieger« wurde nach dem Start als ein Fiasko für alle Beteiligten dargestellt. Bei mir hat die Arbeit zu dem Entschluss geführt, von nun an den Autoren mehr zu vertrauen als den Produzenten, die Drehbücher ab jetzt 1:1 umzusetzen und dies auch durchzusetzen, und letztlich hat sich diese Methode dann in der Serie »Angesicht des Verbrechens« verwirklicht. Zwar war das auch wieder eine grössere inhaltliche und finanzielle Auseinandersetzung mit dem Produzenten, aber diesmal hat dann das Drehbuch – von Rolf Basedow- den Kampfplatz als Sieger verlassen. 

Wie nahe ist die vorliegende Version nun Ihrer Idealfassung gekommen und warum sollte man sich diese heute ansehen? Inwieweit verdient er aus Ihrer Sicht eine filmgeschichtliche Neubewertung?
Es ist nicht so wichtig, was über einen Film historisch oder feuilletonistisch gesagt wird, und ob ihn sich heute, gerade heute, jemand ansehen will oder nicht. »Sieger« ist in der jetzigen Fassung doch sehr nah an meiner damaligen Vorstellung von Kino einer gewissen erzählerischen Größenordnung. Ich sehe die klassische, wenn auch komplexe Erzähl-Form des Films heute als sowas an wie ein Versuch einer State of the art-Kinoproduktion vom Anfang der 90er. Ein damaliger Traum vom Filmemachen. Heute würde ich ihn anders machen, aber ich bedauere auch manche aktuellen Entwicklungen des aktuellen Filmemachens. Wir werden filmisch ärmer, vor allem durch politische Rücksichtnahmen und durch aufgesetzte Zeitgemässheiten, die die erzählerische Weite und Kraft des Kinos erodieren lassen.

Glauben Sie, dass Ihr Film in der gegenwärtigen Kinolandschaft ein Publikum finden würde? Die Deutschen und das Genrekino: Das ist gelinde gesagt eine ausbaufähige Beziehung. Und auch die meisten Fernsehanstalten und Filmförderer erlauben sich nur ab und an experimentellere Drehbücher, wobei Thriller-, Film Noir- oder Polizeifilmstoffe so gut wie überhaupt nicht gefördert werden. Warum riskieren die Verantwortlichen aus Ihrer Sicht so wenig? Sie hatten als junger Regisseur zum Beispiel das Glück, mit Hellmut Haffner vom BR-Teleclub arbeiten zu können. Und warum gehen nur so wenige Zuschauer in einen deutschen Thriller, Action-, Fantasy- oder Science Fiction-Film?
Ich glaube, daß alle Filme auch ohne Publikum existieren. Das Kino ist in erster Linie eine Kunst und erst in zweiter Linie ein Markt. Es gibt grandiose Filme, die ihr Publikum – wie es so schön heißt- »nicht gefunden haben«, was sich aber letztlich oft als unerheblich herausstellte, denn etliche grosse Flops der Filmgeschichte stecken aber hunderte doofer erfolgreicher Filme in die Tasche. Viele Flops haben das Kino enorm weiter entwickelt, u.a. »Peeping Tom« von Michael Powell, »Bad Timing« von Nicolas Roeg, »Heaven`s Gate« von Michael Cimino. Ich will mich natürlich damit nicht vergleichen, ich will sagen, der jeweils regierende Zeitgeist hat Filme selten richtig beurteilen können. Zum Genre: Thriller waren einst ein populäres Genre und ein Publikumsmagnet. Die Gesellschaft hat sich heute geändert und sucht im Kino – wenn überhaupt – andere Attraktionen, Zerstreuungen, Vergessen und Gelächter. Heute müssen Thriller, wenn sie dem Genre an sich und dem Lauf der Welt gerecht werden wollen, komplex und vielschichtig sein, sonst sind sie halt banal. Es ist also zwangsläufig ein elitäres Genre geworden. Das provoziert natürlich empörte Ablehnung, aber schützt andererseits auch ein wenig vor Verblödung.

Einen adrenalingeschwängerten »Männerfilm« amerikanischen Zuschnitts, wie es etwa Michael Althen in seiner SZ-Kritik zu den »Siegern« formulierte, produziert inzwischen überhaupt keiner mehr in Deutschland. Die »kleinen, schmutzigen Filme« wie etwa Nikolai Müllerschöns »Harms« oder AKIZ’ »Der Nachtmahr«, von denen Sie oft schwärmen, können überhaupt kein Publikum finden, weil sie sofort aus den Kinos verschwinden. Woran liegt das? Und glauben Sie da nochmal an eine Wende bei der Rezeption?
Ja, beispielsweise »Harms« war ein völlig überraschendes Juwel, und es war eine Schande, wie das Publikum – und übrigens auch die ganze deutsche Branche selbst – ihn verachtet hat. Er war seiner eigenen Entstehungszeit sozusagen schon wieder voraus, weil er mit seiner modernen Härte gleichzeitig eine quasi spitzengeklöppelte Schleppe von sehr schmutziger Grünwalder »Derrick«-Vergangenheit hinter sich her zog. Wunderbar. Die Zuschauer im Kino – oder die, die auf die Kinoprogramme starren wie auf Ziegen – haben ans Kino kleinbürgerliche Wünsche. Sie sind alle vollgepumpt mit Blödsinn wie Junkies. Und daher kommt es auch eigentlich echt nicht mehr auf das Publikum an, sondern nur noch darauf, die Sachen, die man machen will, wirklich zu machen. Ohne Zugeständnisse.

Wie wird man »Die Sieger« nach dem Filmfest München wieder sehen können? Wird es dazu eine DVD- oder Blu-ray-Version geben? Und können Sie daran persönlich mitarbeiten (z.B. beim Bonusmaterial)?
Ja, wird es geben. Ich habe empfohlen, die kleine Vorabend-Folge »Über dem Abrund« aus der Reihe »Fahnder« mit auf die DVD zu nehmen, weil sie gewissermassen in der Nussschale die Story der »Sieger« bereits enthält. Geschrieben von Bernd Schwamm, dem Autor, der »Schimanski« und »Fahnder« erfand.  ||

»DIE SIEGER« AUF DEM FILMFEST MÜNCHEN
5. Juli, 16 Uhr | Gasteig, Carl-Orff-Saal