Julian Monatzeder kleidet Tankred Dorsts Revolutionsdrama »Toller« in den Geist der Blumenkinder.

Alle sind, alle reißen sich um Toller (Ensemble) © Frank Schroth

Die Band setzt mit Buffalo Springfields »For What It’s Worth« von 1966 gleich ein Statement. Die Theatergruppe Happy Drama liefert mit »Toller« nicht nur eine Bestandsaufnahme der Revolution von 1919, sondern auch eine rockmusikalische Überschreibung von Tankred Dorsts szenischer Revue »Toller«, die den Dichter, Pazifisten und zeitweiligen Vorsitzenden der bayerischen USPD ins Zentrum stellt.

Vor allem Tollers expressionistische Dramen »Masse Mensch« über die Revolutionärin Sonja Lerch und das Kriegsheimkehrerdrama »Hinkemann« machten ihn während seiner Haftzeit im Gefängnis Niederschönenfeld zwischen 1919 und 1924 bekannt. Aber das ist eine andere Geschichte. Tankred Dorst reiht in »Toller« von 1968 »Szenen aus einer deutschen Revolution« aneinander.

Happy Drama kleidet sie in den Geist der Flower-Power-Ära. Da mutet die Versammlung der anarchistischen Räte schon mal an wie ein Sponti-Sitzkreis. Regisseur Julian Monatzeder entwirft mit seinem Ensemble aus Schauspielern und Musikern (Aaron Croy, Benjamin J. Edwards, Benjamin Hirt, Dominique Marquet, Mira Mazumdar, Antun Opic, Julian Scheufler, Roman Suschko) einen rasanten Szenenreigen. Er reduziert das Personal auf die Hauptfiguren und lässt die Schauspieler wie beim Staffellauf die Rollen übernehmen. Statt einer Stafette drücken sie sich die Insignien der jeweiligen Figur in die Hand. Den jesusmäßig sanften Landauer (»die Revolution muss eine der Liebe sein«) kennzeichnet die John-Lennon-Brille, Erich Mühsam das Palästinensertuch, den pedantischen Dr. Lipp sein Klemmbrett. Bauernvertreter Gandorfer stemmt einen Bierkrug und will auf jeden Fall das Großbauerntum erhalten. Der militante Reichert hat einen Patronengurt umhängen. Toller schließlich trägt eine Schiebermütze, der technokratische Kommunist Leviné eine Russenmütze.

Versammlungsszenen wechseln ab mit einem schwungvollen Revolutionstanz mit Toller-Plakaten, der sein Vorbild augenscheinlich im Musical »Hair« hat oder auch einer Varietétanznummer im Stil der Zwanziger zu Mühsams Chanson »Revoluzzer Lampenputzer«. Impressionen von einer Brettlbühne illustrieren die politische Gesamtlage: Auf einer Leinwand rechts wird Berliner und bayerische Geschichte abgehandelt. Noske und Ebert als Schatten von Stabpuppen kalauern: »In Berlin wird’s mir zu mühsam, das wird ja immer toller.« Eine Szene bei dem adeligen Herrn, zu dem Toller sich rettet, schwappt geradezu ins Schwankhafte, wie überhaupt komische Szenen mit Schreckensszenarios wechseln. Seien es die Gewaltaktionen der Gegenrevolutionäre oder Levinés Unterdrückungssystem Anderswollender mit umgekehrten Vorzeichen. Vor Gericht sind dann die Überlebenden alle Toller. Ins Gefängnis muss er trotzdem. Aber da hat er noch Glück gehabt. Landauer, Leviné und andere Räte werden ermordet. ||

TOLLER
Giesinger Bahnhof
13., 14., 16. Juni| 20 Uhr | Tickets: 089 18910788