Der südkoreanische Regisseur Lee Chang-dong bringt mit »Burning« ein hochästhetisches Verwirrspiel ins Kino.

Yoo Ah-in, Jeon Jong-seo und Steven Yeun (v.l.n.r.) in »Burning« © Capelight Pictures

Was passiert hier eigentlich? Lee Chang-dongs »Burning« ist ein filmisches Rätsel, wie man es selten auf der Leinwand sieht. Die Haruki-Murakami-Adaption wirft Unmengen an Fragen auf, die Antworten liefert sie nur in dechiffrierter Form. Sicher ist nur: Was hier vorgeht, ist ganz großes Kino.

Die Ratlosigkeit teilt man sich durchgehend mit Jong-su (Yoo Ah-in), einem angehenden, aber ideenlosen Schriftsteller. Eines Tages trifft er seine Schulkameradin Hae-mi (Jeon Jongseo) wieder. Der Kontakt beschränkte sich damals auf die Äußerung Jong-sus, wie hässlich sie sei, doch die junge Frau freut sich trotzdem, endlich einen Vertrauten um sich zu haben. Hae-mi steht kurz vor einer Afrikareise und bittet ihren schüchternen Freund darum, sich währenddessen um ihre Katze zu kümmern. Unter diesem Vorwand holt sie ihn auch in ihre Wohnung, was damit endet, dass sie miteinander schlafen.

Während ihrer Abwesenheit häufen sich merkwürdige Dinge. Irgendjemand ruft Jong-su immerfort an, legt jedoch gleich wieder auf. Die Katze hinterlässt leere Näpfe und volle Katzenklos, lässt sich aber nie blicken. Lee Chang-dong erzählt diese Geschichte auf ruhige, unaufgeregte Weise. Diese Aspekte wirken nicht gleich wie unheilvolle Vorboten, aber dennoch lässt es sich nicht übersehen, dass etwas nicht in Ordnung ist. Dieses Unwohlsein schwebt durch den ganzen Film, wird aber nie fassbar. Und so zieht »Burning« die Zuschauer in seinen Bann, auch wenn gerade nicht viel passiert.

Ein weit größerer Schock für Jong-su ist Ben (Steven Yeun), mit dem seine Angebetete aus Afrika zurückkehrt. Er ist schön, reich und »hört Musik beim Pastakochen«. Hae-mi ist von ihm ungeheuer fasziniert. Im Marihuanarausch erzählt Ben auch noch von seiner großen Leidenschaft, dem Abbrennen von Gewächshäusern. Bald darauf ist seine Geliebte verschwunden. Natürlich muss ihre Pyromanen-Freund etwas damit zu tun haben. Bei seiner Suche merkt Jong-su, dass das Rätsel weniger ihr Aufenthaltsort, sondern mehr sie selbst und ihre Vergangenheit sind.

Die kleinen Merkwürdigkeiten setzt Chang-dong zu einem großen Mysterium zusammen. Daraus entsteht ein Klima, dessen Höhepunkt nicht zu erraten ist. Das Ganze aufzulösen ist jedoch nicht der Hauptreiz an seinem Meisterwerk. Es sind die Details, die Zwischentöne, die sich einbrennen und immer neue Wegweiser bilden – auch wenn sie in die Irre führen. Die einzigartige Atmosphäre von »Burning« bleibt noch lange nach dem Verlassen des Kinosessels hängen. Mehr kann man sich kaum wünschen. ||

BURNING
Südkorea 2018 | Regie: Lee Chang-Dong | Mit: Yoo Ah-in, Steven Yeun, Jeon Jong-seo | 148 Minuten | Kinostart: 6. Juni
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