Die Rathausgalerie präsentiert wundersame »Repetitive Skulpturen« der Performance-Künstlerin Maren Strack.

Zwei Krokodile und ein kippender Tisch: Maren Stracks »Potlatch«| 2016

Krankhaftes sucht man vergeblich. Selbst wenn uns die Ausstellung der Bildhauerin, Tänzerin und Choreografin Maren Strack in der Münchner Rathausgalerie im Titel verspricht: »Eine Neurose ist eine Neurose ist eine Neurose«. Zu sehen sind hauptsächlich Installationen, die ohne die Prinzipien ihrer tänzerischen Solo-Performances nicht denkbar wären. In Stracks Auftritten – in einem Videokabinett lassen sich auch einige bewundern – experimentiert die an der Münchner Akademie ausgebildete Künstlerin mit den visuellen und akustischen Charakteristiken von Objekten. Und, ganz wichtig: mit einer Balance, die sie – absichtlich – zu verlieren droht. So malträtiert sie etwa mit Schuhen, unter die sie an Steigeisen erinnernde scharfe Stollen geschraubt hat, einen Ytongstein so lange, bis dieser zu einem kleinen Bröckelchen geschrumpft ist, auf dem sie kaum mehr stehen kann. Auch an Flamenco fühlt man sich erinnert, dem Strack ein destruktives Moment untergeschoben hat – was dem Klackern eine ganz eigenartige, nicht besonders erotische Komponente verleiht.

Die vielen Schuhe, die Strack für ihre Performances einst verwendete, hat sie in die Installation »Gehmaschine« (1996) eingebracht, in der diese Objekte an Gestängen und angetrieben von diversen Motoren nun ihre eigene schrullige Performance abhalten. Ohne Tanz-Künstler. Strack, das ist fast die Regel, ersetzt in ihren bildhauerisch-plastischen Werken den Künstler durch Maschinchen: bizarr zusammengebastelte (und dadurch freilich auch sehr fragile) Motoren und Apparaturen, Ventilatoren und Gebläse, die für die Umsetzung der Choreografie verantwortlich werden – Thema: Mensch und Maschine. Dem widmete sie sich ja auch schon in ihrer Performance »Latex« (2000). Dort liefert sie sich, eingehüllt in ein am Boden kreisrund festgetackertes Abendkleid aus Latex, das nun völlig anti-erotisch, aus der Zeit gefallen und wie eine Krinoline wirkt, mit einer per Seilzug an ihren Haaren festgezurrten Nähmaschine einen skurrilen Kampf um Vorherrschaft und Gleichgewicht. Auch da steckt natürlich mehr dahinter. Denn die Nähmaschine ist ein weiblich konnotierter Gegenstand. Ansonsten spielt Strack auch schon mal mit Pneus von Rennautos.

Lustig, zumindest auf den ersten Blick, wirkt »Potlatch« von 2016. Zwei weiße Märchen-Figuren mit Krokodilsmäulern schieben sich auf einer Tischplatte, beweglich wie eine Waage, diverse auf Rädern montierte Küchenutensilien zu – hin und her. Mit riesigem Geschepper und Gekrache, weil mitunter sogar eines der Objekte herunterfällt. Wer aber Potlatch, ein indianisches, lange in den USA und Kanada verbotenes Ritualfest, kennt, sieht die humorvolle Installation mit anderen Augen. Beim Potlatch wurden mitunter so kostbare Geschenke verteilt, dass die Gabe oft den eigenen Besitz auffraß. Man ehrte so die Vorfahren, sicherte das soziale Gleichgewicht der Gesellschaft. Denn es kam bei den Indianern nur selten zu einer dauerhaften Häufung von Reichtümern Einzelner. Versteckte Strack’sche Sozialkritik.

Auch die »Voodoo Style«-Werke (2015) lassen sich so deuten. Figuren, die Strack aus grünem und gelbem Drachenpapier zusammenklebte, sitzen recht harmlos auf einem Wohnzimmerimitat in Bühnenform: Vater, Mutter, Kind, die obligatorische Stehlampe, ein Fernseher. Aber dann lässt sie abwechselnd die Luft raus, aus diesen aufgeblasenen Gesellen, die nacheinander in sich zusammensacken – und wieder auf(er)stehen. Wenn ihnen der im Stuhlrücken integrierte Ventilator genug Luft zugefächelt hat. Eine Art Sinnbild des Lebens. Das Auf und Ab – Strack nennt ihre Werke »Repetitive Skulpturen« – hat freilich auch etwas mit Tanz zu tun, in dem Wiederholung und Rhythmus eine besondere Rolle spielen. Um den subversiven Charme der Kreationen wirklich würdigen zu können, muss man noch wissen, dass sie in Schaufenstern von Optikern wie Döser oder Die Brille in Ulm und Hartogs in der Leopoldstraße zur Auslage von Brillen verwendet wurden. Bei »Voodoo Style«, wo auch Elemente von Schaufensterpuppen verwendet wurden, lagen die Brillen etwa im hohlen Fernsehapparat.

Wer etwas über den mysteriösen Ausstellungstitel erfahren will, muss die Installation »Topfpflanzen« befragen. Da erblüht und verwelkt nämlich eine Rose – ohne »Neu-« – im rhythmischen Wechsel. Und erinnert an Gertrude Steins »The Autobiography of Alice B. Toklas«, wo der Satz »A ROSE IS A ROSE IS A ROSE IS A ROSE« ringförmig auf dem Einband eingeprägt war. Rose kann auch als Anagramm von »Eros« gelesen werden – und ruft damit wieder die Assoziation eines erotischen Tanzes hervor. Auch ist Maren Strack, die mit ihren verspielten Maschinen-Skulpturen in Jean Tinguelys Fußstapfen treten könnte, eine Meisterin der Anspielungen, Assoziationen, Ambivalenzen. So könnte die Rose mit ihrem Schnappmechanismus etwa auch eine fleischfressende Venusfliegenfalle sein. Der Ausstellungstitel und weitere Wortspiele zeigen Maren Stracks Freude an Surrealismus und Dadaismus.Besonders beeindruckend ist die große Portion an Humor und Ironie, die sie in all ihre Werke hineinkomponiert. Dabei näht sie – ganz weibliches Klischee – alle ihre Kostüme selbst, strapaziert in den Installationen das eingesetzte Material aufs äußerste. Und sucht immer die Gratwanderung an den Grenzen des Möglichen. So ist Kunst nun mal. ||

EINE NEUROSE IST EINE NEUROSE IST EINE NEUROSE. REPETITIVE SKULPTUREN VON MAREN STRACK
Rathausgalerie/Kunsthalle| Marienplatz 8
(Innenhof) | bis 6. Juni| Di–So, 11–19 Uhr
Einritt frei | Der Katalog kostet 5 Euro