Ein Original und detailverliebter »Ornamentalist«: Das Stadtmuseum hat den Münchner Jugendstilmaler Carl Strathmann wiederentdeckt.

»Vollmondfest«| 1884 | Aquarell, Tusche, Graphitstift, 48,5 x 69,6 cm || © Münchner Stadtmuseum

Carl Strathmann, das ist heute kein bekannter Name. Um die Jahrhundertwende war der Münchner durchaus profiliert: Kritiker diskutierten seine eigenständige Position unter den Jugendstilmalern. In der ersten Ausstellung der Münchener Secession zeigte er 1893 stilisierte Aquarelle mit humoristischem Touch, gehörte wie Lovis Corinth und Max Slevogt zu den progressiven Modernen der »Freien Vereinigung«. Stellte in den Avantgarde-Galerien Brakl in München und Paul Cassirer in Berlin aus, ebenso in der Berliner Secession. 1903 war er in der Ausstellung von Kandinskys Künstlervereinigung »Phalanx« mit 31 Werken präsent, stellte allein die Hälfte aller Exponate. Er war Mitglied des Werkbundes und mit Jugendstil-Protagonisten wie Peter Behrens, Otto Eckmann und dem »Simplicissimus«-Zeichner Thomas Theodor Heine befreundet. Speziell auch mit Lovis Corinth, dessen feinnerviges Porträt Strathmanns mit goldenem Kneifer, flottem Schnurrbart und Zigarre am Beginn der Ausstellung im Stadtmuseum hängt.

Sammlungsleiter Nico Kirchberger hat den künstlerischen Nachlass Strathmanns entdeckt, der schon 1964 über die Tochter ans Haus kam, und bestens aufgearbeitet. Das heißt: völlig Unbekanntes gefunden und erforscht, verschollen geglaubte, im Krieg halb zerstörte Bilder restauriert, eine Fotodokumentation und reproduktionsreife Abbildungen erstellt, die Biographie Strathmanns und Kontexte seiner Werke in einer instruktiven Publikation gebündelt – und mit 150 Exponaten eine repräsentative Ausstellung komponiert, in der man den skurrilen Jugendstil Strathmanns nun wiederentdecken kann.

Strathmann war ein Original – und ein Sonderling, wie man den Schilderungen und Karikaturen der Zeitgenossen entnehmen kann. Die Sektflasche war sein Markenzeichen; in seiner Stammkneipe, dem Weinhaus Kurtz im Augustinergässchen, glänzte er mit Couplets und Liedern. Als Maler geriet er, in Zeiten rasch fortschreitender stilistischer Modernisierungen, ins Abseits, denn er arbeitete nicht im Wettstreit mit den Avantgardisten oder für die Bedürfnisse des Kunsthandels, sondern für sich, blieb bei seiner
einzigartigen dekorativen Stilisierung. »Seine ornamentale Begabung ist nahezu unerschöpfl ich,« schrieb der Jugenstil-Architekt und -Designer August Endell 1896. »Er bringt unaufhörlich neue Formen. Aber leider spielt er: es macht ihm Vergnügen, immer Neues hinzuzufügen und so verdirbt er sich jeden Effekt. Man lacht über ihn; man thäte besser, ihn eingehend zu studieren: wer für formale Schönheit empfänglich ist, findet reiche Anregung.« Genau verfolgen kann man das nun in der Ausstellung – und dabei ins Staunen kommen, wie er die überbordende Ornamentik bis in die Rahmungen fortsetzt. In den großen symbolistischen Gemälden der 1890er Jahre ebenso wie in den späten Blumenstillleben.

Wie er mit seinen Verschlingungen und Vervielfachungen, den unzähligen Pünktchen, den Applikationen von Materialien haptische Sensationen erzeugt. Auch die frühe Entwicklung ist interessant. Wie Th. Th. Heine, der fast Gleichaltrige aus der Nachbarschaft in Leipzig, hatte Strathmann an der Düsseldorfer Akademie studiert. Eine stimmungsvolle Szene beim »Vollmondfest« (1884) zeugt von seinem frühen Interesse an Japan und seinem skurril-grotesken Humor, denn der Mond grinst schräg. Er wurde in Weimar Meisterschüler des Freiluft-Naturalisten Leopold von Kalckreuth und ging ca. 1891 nach München. Hatte erste Erfolge mit humoristischen Blättern von Gigerln – vergnügungssüchtigen Gecken – und mythologischen, märchenhaften und exotischen Aquarellen. Schuf serienweise in Ornamente verstrickte Fische, dekorativ umrankte Damen im Profil. Malte »Salambo«, die Schlangenbraut. Schuf comicartige Szenen und Dekorationsentwürfe. Sein Spätwerk entstand im Prunkatelier im Rückgebäude der Landwehrstraße 77, mit selbst entworfenen Teppichen, Stoffen und Möbeln. Und nach Strathmanns Tod 1939 überlebte das Œuvre in der Wohnung in der Pettenkoferstraße 29. ||

JUGENDSTIL SKURRIL. CARL STRATHMANN
Münchner Stadtmuseum | St.-Jakobs-Platz 1
bis 22. September| Di bis So 10–18 Uhr
Abendticket 12. Juni, bis 20 Uhr, dazu um 18 Uhr | Dialogführung mit Workshop von Lina Zylla und Steffi Holzer | Der von Kurator Nico Kirchberger herausgegebene Katalog (Wienand Verlag, 240 S., zahlr. Abb.) kostet 29.90 Euro