Das Theater am Sozialamt bringt Beate Faßnachts gereimtes Wald- und Wiesenstück »Der letzte Dreck. Ein Königsdrama« zur Uraufführung.

König Summserum (Arno Friedrich) auf der Erbse und Frau Gänseblümchen (Gabi Geist) | © Hilda Lobinger

Nein, hier möchte man sich nicht ins Gras legen! Auf der schmalen Handtuchbühne des Theaters am Sozialamt tun sich Abgründe auf zwischen Bienen und Blumen, Halmen und Heimchen. Was Dramatikerin (und Kostümbildnerin) Beate Faßnacht in ihrem neuen Stück »Der letzte Dreck. Ein Königsdrama« beschreibt, ist ein gehässiges Völkchen von Kleinstlebewesen, die sich ganz wie die Großen mit zotigen Reimen verbal an die Gurgel gehen, mit dem Kampfruf »Der Wurm muss weg!« kollektiv gegen einen vermeintlichen Eindringling zu Felde ziehen und sich schließlich ängstlich voreiner drohenden Ameiseninvasion verbarrikadieren. Das vergiftete Idyll bringt notorische zwischenmenschliche Schwachstellen wie Angst vor Fremden und hartnäckige Schwärmerei für den und die Falschen auf den Punkt, tritt aber als politische Fabel am Ende doch etwas auf der Stelle, weil Borniertheiten und Ressentiments, einmal verteilt, nur immer wieder repetiert werden.

Dabei fängt alles verheißungsvoll knisternd und zwitschernd an: Mit einem Rundhorizont aus gleißendem Glitzerlametta, Goldfischteich und rustikalem Holzmulch auf dem Boden bietet die Bühne von Claudia Karpfinger reizvolle Kontraste, und Katharina Schmidts Kostüme charakterisieren Käfer, Schnecke, Löwenzahn und Gänseblümchen originell und alltagstauglich ohne Kinderfasching-Klischees. Als König Summserum, der Gattung nach wohl ein spilleriger Moskito, vollführt Arno Friedrich mit Krone und schütterer Fransenfrisur gleich zu Beginn verzweifelt-komische Slapstickakrobatik beim Aufschichten und Erklettern seines wackeligen Matratzenthrons. Eingespielte Lacher und Anfeuerungsrufe vom Band geben das Tempo vor und zeigen, dass es sich um mediale Selbstinszenierung handelt. Aufstieg ist schwer, oben bleiben allerdings auch.

Mit Witz und nicht ohne Sympathie für die charakterlichen Schwächen der Figuren dirigiert Regisseur Lorenz Seib sein vergnügt auf spielendes Ensemble: Irene Rovan als heillosausgerechnet in den ficklüsternen Saufbold Löwenzahn (Axel Röhrle) verschossene Frau Marienkäfer, Gabi Geist als stillvergnügtes Gänseblümchen und Marion Niederländer als fies verbiesterte Agatha Schneck nutzen jede Chance, um dem seinerseits ungeliebt der Käferin huldigenden König eins auszuwischen. Helmut Dauner als bedächtig schlängelnder Regenwurm dagegen lässt alle Aggressionen und Vereinnahmungsversuche stumm und stoisch gelassen an sich abperlen.

Um aus dem gesellschaftlichen Spiegelkabinett nochmehr Funken zu schlagen, hätte es allerdings einer tieferen Durchdringung auf der Textebene bedurft, die in der Variationsbreite des vulgären Vokabulars zwischen Rotze, Kotze, Fotze doch etwas beschränkt bleibt und allenfalls zu bescheidenen Erkenntnissen wie »man kann nicht einfach jeden töten, nur weil man sexuell in Nöten« vordringt. Zum Schluss wird es dann noch theologisch, wenn bei vorübergehendem Reimverbot der Allmächtige für Ordnung im Biotop sorgen soll, was prompt im Beschluss eines Solidarbeitrags zur Unkrautvernichtung mündet. Durchaus möglich, dass die bereits akustisch aufmarschierenden Ameisen (Sound: Max Bauer) da ein sozial verträglicheres Weltbild verkörpern. ||

DER LETZTE DRECK. EIN KÖNIGSDRAMA
TamS| Haimhauser Str. 13 | bis 25. Mai
Mi bis Sa 20.30 Uhr | Tickets: 089 345890
www.tamstheater.de