Choro, Blues und Jazzmoderne – der Bayerische Hof startet in den Sommerjazz.

Jean-Paul Bourelly bluest mit Kiss The Sky| © Bayerischer Hof

Der Schritt durch die Tür des Night Clubs ähnelt einer Zeitreise. Denn die Aura, die von den dunklen Holzvertäfelungen des Raums, von den livrierten Kellnern und der gedimmten Beleuchtung ausgeht, erinnert an ein Raumschiff der Achtziger, dessen Vintage-Interieur an den Charme der Sechziger anknüpft. Wenn man auf der anderen Seite Revue passieren lässt, wer sich im Laufe der Dekaden von Gal Costa über Michael Brecker bis Marcus Miller, Ahmad Jamal, Randy Weston oder auch Egberto Gismonti auf der vergleichsweise kleinen Bühne die Ehre gegeben hat, bekommt der Ort nostalgisch mythische Qualitäten. Und das, obwohl Katarina Ehmki als künstlerische Leiterin des Konzertprogramms seit mehr als zwei Jahrzehnten einen eigenwilligen Spagat der Ansprüche meistern muss. Denn auf der einen Seite handelt es sich um den Night Club eines namhaften und luxuriösen Hotels der Stadt, um ein Revier der Platzhirsche also, wo die Anzugträger gerne und zuweilen enthusiasmiert lautstark ihre Geschäftsabschlüsse begießen.

Das ist Business, kollidiert aber mit dem Anspruch, neben gepflegtem Entertainment auch Kunst und Kunstverwandtes auf das Podium zu heben. Die Leiterin des Hauses, Innegrit Volkhardt, ist ihrerseits nicht nur Jazzfan, sondern überzeugt, dass gerade die improvisierende Musik im kulturellen Profil des Bayerischen Hofs ihren festen Platz braucht. Und so kann Katarina Ehmki Stars der Szene in den Club laden, die bei Festivals wie dem Jazzsommer und in Reihen wie »New York im Bayerischen Hof« weit mehr als das Übliche bieten.

Hamilton De Holanda zum Beispiel ist einer der führenden Virtuosen der Mandoline. Geboren in Rio de Janeiro und aufgewachsen in Brasilia, griff er bereits im Kindergartenalter zum Instrument und erwies sich als außergewöhnlich begabt. Fasziniert vom Choro, einer Mischform populärer brasilianischer Musik mit Wurzeln sowohl in den europäischen Salons der Kolonialzeit wie den über die Jahre der Sklaverei präsenten Klangtraditionen Westafrikas, spielte er zunächst in einschlägigen Formationen des Genres, interessierte sich aber zunehmend auch für jazzige Strukturen und schaffte es, sich weit über Brasilien hinaus bemerkbar zu machen. Inzwischen gilt erzusammen mit seinem nordamerikanischen Pendant Chris Thile als stilprägende Persönlichkeit des kleinen, aber höllisch anspruchsvollen Instruments und gibt sich am 7.Mai im Night Club die Ehre. An seiner Seite spielen der Akkordeonist Marcelo Caldi und der Percussionist Thiagoda Serrinha, und auf dem Programm stehen neben reichlich Choro auch Popadaptionen und viel Improvisation aus dem Geiste des Jazz.

Weitaus kerniger wirkt im Vergleich dazu der Gitarrist Jean-Paul Bourelly. Seine Welt ist der Blues, mit Stilausläufern in Rock und Jazz. Nach den Anfängen in seiner Heimatstadt Chicago, führte ihn die Musik nach New York in die Free-Funk- und M-Base-Zirkel um Experimentatoren wie Pharoah Sanders, George Adams oder auch die junge Cassandra Wilson. Er spielte Freies, Lautes, Rockiges, zog dann, nachdem er auf zahlreichen europäischen Festivals zu Gast war, nach Berlin und ist längsteine der New-Blues-Koryphäen, der nicht nur die Gitarristen auf die Finger schauen. Am 14. Mai ist Bourelly mit einem neuen Trio im Night Club zu Gast, zusammen mit dem Bassisten Daryl Taylor und dem Schlagzeuger Kenny Martin. Das ist kerniger Stoff und durchaus Musik, die den Champagner aus den Kelchen hebt.

Teil drei der Frühlingsausgabe von »New York im Bayerischen Hof« gehört einem All-Star-Quartett. Denn am 29. Mai biegen der Saxofonist Benjamin Koppel, der Pianist Kenny Werner, der Bassist Scott Colley und der Schlagzeuger Peter Erskine in den Night Club ein. Jeder für sich hat eine beeindruckende Laufbahn als Musiker hinter sich, und insbesondere die Kombination des modernen Romantikers Werner mit dem Meister der groovenden Transparenz Erskine verspricht ein Konzert mit viel gestalterischer Eleganz. Die Konzerte beginnen jeweils um 21 Uhr, jedes für sich lohnt den Weg in den Untergrund des Bayerischen Hofs. ||

NEW YORK IM BAYERISCHEN HOF
Night Club im Bayerischen Hof | Promenadeplatz 2–6 | 7., 14., 29. Mai
21 Uhr | Tickets: 089 2120994