Für Liebhaber des Absurden: Philippe Quesnes hochkomische »Farm Fatale« in den Kammerspielen.

Fidele Landbewohner (v. l.): Gaëtan Vourch, Julia Riedler, Damian Rebgetz, Leo Gobin| © Martin Argyroglo

Wir müssen die Welt retten. Klar. Das wollen nicht nur die Aktivistin Greta Thunberg, Greenpeace und viele andere Öko-Initiativen. Das will auch Philippe Quesne mit seinem Stück »Farm Fatale«, dessen Uraufführung er in den Kammerspielen inszenierte. Der französische Regisseur legt den Erhalt der Zukunft in die manchmal wild flatternden Hände von fünf wunderbaren Vogelscheuchen. Die hätte der Zauberer von Oz nicht schöner erfinden können. Nach und nach schlurfen sie auf die weiße Bühne, schleppen Heuballen mit und richten sich darauf ein. Siesind arbeitslos und ihr Verhalten sehr entschleunigt. Aber sie mussten ja auch vorher nicht viel mehr tun als mit ihren Flatterhänden zu wedeln. Das tun sie weiterhin bei Emotionen. Doch jetzt werden sie kreativ.

Philippe Quesne, der bildende Kunst studiert hat, und seine Theaterguppe Vivarium Studio waren in München zwei Mal bei Spielart-Festivals zu Gast, dann holte ihn Matthias Lilienthal an die Kammerspiele. Dort ging Quesnes erste Inszenierung »Caspar Western Friedrich« mit Schauspielern des Hauses kläglich daneben, seine zweite jetzt geriet zum hochkomischen Glücksfall. Ganz ohne Maulwürfe, die sonst bei Quesne immer irgendwo grundlos rumkrabbeln. Hier sind die Vogelscheuchen die Show: unkenntlich grotesk maskiert, skurril ausstaffiert, Stroh ragt aus Ärmeln und Schuhen (Bühne und Ausstattung von Quesne selbst). Aus dem zunächst schwer verständlichen Sprachgebrabbel der verzerrten Stimmen, meist auf Englisch und ein bisschen Deutsch, schält sich aus vielem Quatsch allmählich raus: Die Vogelscheuchen sind arbeitslos, weil es ihre Farmen nicht mehr gibt. Wegen Industrialisierung, Monokultur, Pestiziden. Aber die Strohpuppen wollen die Natur bewahren: Sie sammeln Naturlaute und Vogelgezwitscher für ihr Piratenradio. Interviewen sogar die letzte Bienenkönigin Margrit, da muss Stefan Merki aus dem Schwyzerdütsch übersetzen, hinreißend burlesk. Auch Wortspiele wie »Let it Bee« gibt’s zuhauf. Und Biene Margrit findet ein zynisches Ende.

Es ist eine sehr simple ökologische Botschaft, die musikalisch auch mit passenden Popsongs oder leise (nur scheinbar dilettantisch) auf kleinen eigenen Instrumenten vermittelt wird. Aber wie Quesne und die Kammerspiele-Mitglieder Julia Riedler, Stefan Merki und Damian Rebgetz sowie Léo Gobin und Gaëtan Vourc’h aus Quesnes Pariser Stammtruppe ihre Themen in wundersamer Langsamkeit erzählen, das ist hirnrissig verrückt und zugleich in seiner Absurdität wundersam überzeugend. Und man wünscht der Rebellentruppe, die sich am Ende mit einem Gefährt voller bunt leuchtender Riesen-Eier auf den Weg macht, dass sie eine bessere Welt ausbrütet.||

FARM FATALE
Kammer 2| 9., 10., 12. Mai| 20 Uhr
Tickets 089 23396600