Wenn Künstler Filme über Künstler machen, drängt sich manchmal der Verdacht auf, der Filmemacher erzählt mehr von sich selbst als von seinem Sujet. So auch bei Julian Schnabel.

Willem Dafoe (Vincent van Gogh) malt Doktor Paul Gachet (Mathieu Amalric) | © Foto: DCM

Wie viel Julian Schnabel steckt in seinem Film über Vincent van Gogh? Welcher Blick ist es, den Schnabel dem Zuschauer aufdrängt? Die zappelige Handkamera verursacht leichte Seekrankheit, auch wenn man nicht in der ersten Reihe sitzt. Wenn sie sich beruhigt, seufzt man innerlich erleichtert auf, bis es wieder losgeht. Das hat System: Wenn van Gogh querfeldein durch die Natur rennt, ist das Bild regelrecht hysterisiert beweglich. Sobald er vor der Leinwand sitzt, findet die Perspektive des Künstlers ihren Fokus. Das hat man schnell verstanden, was Schnabel dem Zuschauer aber offenbar nicht zutraut.

Also zieht sich der Wechsel aus Zappelbild, Ruhemomenten und verschwommenen, zerlaufenden Aufnahmen in unregelmäßigen Intervallen durch den gesamten Film, untermalt von einer dickflüssigen, viel zu dominanten Klaviermusik. So viel zu dem Pathos, mit dem von dem Maler, der sich das Ohr abschnitt und dessen Sonnenblumen jedes Kind kennt, erzählt wird. Dabei sollte man nicht annehmen, dass der Film eine Biografie des Malers abbildet. Eher waren die Dreharbeiten wohl eine Art rauschhafter Van-Gogh-Workshop: Schnabel verschmolz quasi ideell mit van Gogh, Dafoe nahm Malunterricht bei Schnabel, um zu erleben, wie sich ein Gefühl materialisiert und wie sich der Pinsel in der Hand und auf der Leinwand anfühlt, und Benoît Delhommes lief mit der Kamera in Van-Gogh-Kleidung über die Felder. Schnabel schrieb van Goghs Geschichte, abgesehen von den verbürgten Fakten, nach seinem Gusto mehr oder weniger neu, als »Ode an den künstlerischen Geist«. Dem Regisseur ging es vor allem darum, die Abläufe des Malens zu zeigen, den Prozess, wie aus zunächst scheinbar chaotisch gesetzten Pinselstrichen ein plastisches Bild wird.

Manche Textpassagen stammen aus Büchern und Briefen, weite Strecken sind jedoch frei erfunden, wie die Dialoge zwischen Gauguin und van Gogh über Maltechniken und philosophische Betrachtungen. Was den Film allerdings tatsächlich sehenswert macht, ist die Riege der Schauspieler, die Schnabel auffährt: allen voran Willem Dafoe, der mit seinem unfassbar narrativen Gesicht das Genie übersetzt. Alles ist da zu sehen: die Freude und die Verzweiflung gegenüber seinem Freund Paul Gauguin (Oscar Isaac), die kindliche Zuneigung zu seinem Bruder Théo (nach »Homeland« kaum wiederzuerkennen: Rupert Friend), die glückliche Faszination beim Blick in die Natur. Dafoes zerfurchte Visage ist selbst schon eine Landschaft, die es sich zu studieren lohnt, und dazu hat man bei den vielen Nahaufnahmen ausreichend Gelegenheit.

Wer kein Kunsthistoriker ist, wird sich schwertun, »echte« Van-Gogh-Kommentare und Schnabels Fantasie zu trennen. Damit zwingt der Maler-Regisseur seinem Sujet Haltungen auf, die man in ihrer kitschigen Banalität so nicht unbedingt mit van Gogh in Verbindung bringen möchte. Aber wer weiß? Vielleicht sind sie ja tatsächlich von ihm. Diese Ungewissheit hat einen unangenehmen Nachgeschmack. Man braucht einen klaren Gestus beim Malen, lässt Schnabel van Gogh sagen. Zweifellos behauptet Schnabel diesen Gestus auch für sich selbst, ertränkt ihn jedoch in der narzisstischen Sehnsucht, doch lieber einen Film über sich selbst zu drehen. Ich, van Gogh – so hätte der Film auch heißen können. ||

VAN GOGH – AN DER SCHWELLE ZUR EWIGKEIT
Schweiz, Irland, Großbritannien, Frankreich, USA, 2018 | Regie: Julian Schnabel
Mit: Willem Dafoe, Rupert Friend, Mads Mikkelsen, Oscar Isaac, Mathieu Amalric, Emmanuelle Seigner u. a. | 111 Minuten
Kinostart: 18. April
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