Festivaldirektorin Diana Iljine und der neue künstlerische Leiter Christoph Gröner über die Zukunft des Filmfest München.

Christoph Gröner und Diana Iljine © Filmfest München

Bei seiner Eröffnungsrede im letzten Jahr äußerte Markus Söder ja recht deutlich, dass er das Filmfest München gerne als Konkurrenz zur Berlinale sehen würde. Kann es das denn sein und ist es überhaupt erstrebenswert?
Diana Iljine: Wir haben mit Sommer, Sonne, München ein anderes Alleinstellungsmerkmal als Berlin. Dass ein bayerischer Ministerpräsident sich von Deutschlands größtem Festival herausgefordert fühlt, ist eine sportliche Denkweise, die uns hilft und gefällt.
Christoph Gröner: Wir strahlen eine große Entspanntheit als Sommertreffpunkt der Branche, des Publikums und von Multiplikatoren aus. Das wollen wir auf keinen Fall verlieren. Man sollte nicht versuchen, in den gleichen Feldern zu reüssieren, sondern muss neue Felder und Vorgehensweisen finden, mit denen man spannende Gegenpunkte setzen kann.

Welche neuen Felder haben Sie denn da im Blick?
DI: Wir wollen zum modernsten Festival Europas werden. Wir sind zwar schon ein großes Schiff, aber kein so großes wie andere Festivals. Dass wir ein wahnsinnig dynamisches und flexibles Team sind, haben die letzten Jahre schon gezeigt. In vielen Dingen waren wir bereits innovativ.
CG: Wir haben uns traditionell immer als Filmfest gesehen, das heißt wir haben uns jeder Form von Ausspielung letztlich geöffnet und immer wieder ins Kino zurückverwiesen. Die Reihe Neues Deutsches Fernsehen nimmt die Fernsehpreise vorweg, Diana hat als Erste Serien eingeführt. Wir haben uns punktuell der Frage von Games geöffnet. Jetzt ist die Frage, welches der nächste Schritt ist in einem Umfeld, in dem sich die Rezeption von Filmen stark verändert. Wir denken zum Beispiel nicht mehr nur drüber nach, mit Virtual Reality zu arbeiten, sondern wir tun es schon jetzt intensiv. Im letzten Jahr begannen wir eine lockere Kooperation mit dem Bayerischen Filmzentrum, deren »i4c«- Konferenz in unserem zeitlichen Rahmen stattfand. Das wächst jetzt weiter in unser Programm hinein. Natürlich soll es künstlerische Virtual Reality werden. Und das Tolle ist, wir implementieren VR als Publikums-, nicht nur als Branchenerfahrung.
DI: Das ist der Link zum Kino. Oft sind diese Dinge sehr technikbasiert, wir wollen die Inhalte in den Vordergrund stellen.

Trotzdem klingt es ja nach einem deutlichen Fokus auf die Technik.
CG: Wir wollen in diesem Jahr Sachen zu uns holen, von denen wir glauben, dass sie sofort gemacht werden müssen. Sie haben viel mit der Zukunft audiovisuellen Erlebens und der Entwicklung des Kinos zu tun. Unsere DNA ist Film und natürlich auch, ihn im Kino zu feiern. Aber wir öffnen uns dahingehend, mit manchen Erfahrungen aus dem Kino herauszugehen. Ein anderer Punkt ist, dass wir im Filmbereich weitere Kooperationen eingehen wollen. In diesem Jahr wird zum Beispiel der Starter-Filmpreis der Stadt München zum ersten Mal im Rahmen des Filmfest München vergeben.
DI: Wir glauben, dass es heute nicht mehr nur genügt, gute Filme im Kino zu zeigen und einen Kreativen auf die Bühne zu stellen, der mit dem Publikum spricht. Wie gesagt, das ist unsere DNA, das, was wir lieben und was uns motiviert, aber wir möchten auch darüber hinauswachsen.

Sehen Sie bei einem Filmfestival dann auch eine Verantwortung für den Erhalt des traditionellen Kinoerlebnisses?
DI: Den verschiedenen Ausspielformen, die immer stärker zum Zuge kommen, müssen wir Rechnung tragen. Das Filmfestival kann kein Kinoretter sein. Wir sind dazu da, die besten Filme im Sommer nach München zu holen.
CG: Ich sehe es gar nicht traditionell, sondern zeitlos. Wir bringen aber zudem seit Langem Filmerfahrungen auf das Festival, die nicht immer automatisch im Kino ihren Platz haben, wie ja zum Beispiel Fernsehfilme und -serien. Wir bringen das Kino raus in die Öffentlichkeit und beflügeln das Gespräch darüber. Das ist das Tolle an München, hier kann man mit Leuten dann über die Filme reden. Bei größeren Festivals wird das oft nicht mehr geleistet.

Herr Gröner, Sie kuratieren die Reihe »Neues Deutsches Kino«. Wollen Sie deutsche Produktionen vielleicht in Zukunft noch stärker aufstellen?
CG: Ich glaube, da sind wir jetzt schon sehr, sehr stark. Vor allem, was den jungen Film angeht, der schon kein Versuch mehr ist, sondern bereits komplett und künstlerisch überzeugend. Von »Oh Boy« bis »Alles ist gut« waren immer Erstlingswerke dabei, die begeistern. Darüber hinaus zeigen wir im Spotlight auch große Publikumsfilme aus Deutschland. Die gesamte Bandbreite ist also vollständig abgebildet, da brauchen wir kein »mehr«. Wir stehen für Selektion und Gatekeeping im besten Sinne. Es kann nur darum gehen, dass wir jedes Jahr besser werden und noch bessere Angebote machen.

Sehen Sie im Filmfest München auch das Potenzial, junge Leute wieder mehr ins Kino zu bringen?
DI: Wenn ich junge Leute zum Film bringen will, muss ich Partys und Musik bieten. Das tun wir auch schon mit den Filmfest Nights Out. Und wir versuchen aus den einzelnen Filmen ein Event zu kreieren. Ich sehe ja auch immer die jungen Besucher an den Kartenvorverkaufsstellen, aber wir wollen noch mehr drum herum machen. Ich mag das Schlagwort»Eventisierung«, das Wort ist zwar schon ein bisschen ausgelutscht, aber der Kern, um den es geht, nämlich Erlebnisse zu schaffen, ist großartig.
CG: Es geht auch auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene darum, dass ein Festival etwas gegen die Vereinzelung, den abnehmenden Austausch und das Gegeneinander unternimmt. Wie Diana sagt, es muss ein Kontextprogramm geben, das Spaß macht und Austausch ermöglicht. Das gibt es bei uns auch schon. Es geht hier darum, es noch besser zu bewerbenund größer zu machen.
DI: Wir wollen uns auch in die Richtung eines Volksfests entwickeln. Ich fände es schön, wenn Jung und Alt sagen »Heute ist Filmfest, da gehen wir jetzt hin.« ||

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