Auch ein Spitzenensemble wie das MKO leidet an Münchens Raumnot. Und die Situation spitzt sich zu.

Das Münchener Kammerorchester, mit vielen Plänen und wenig Raum| © Sammy Hart

Dem Münchener Kammerorchester (MKO) sind gleich mehrere Kunststücke gelungen. Zunächst hat es sich von einem Siemens-Werksorchester der Nachkriegsjahre zu einem weltweit angesehenen und vielfach prämierten Klangkörper entwickelt, der vor allem mit Blick auf zeitgenössisches Repertoire in einem Atemzug mit den Münchner Philharmonikern genannt wird. Es hat erfolgreiche Konzertreihen und Education-Aktivitäten etabliert, die konstant ein großes Publikum anziehen. Komponisten schreiben für das MKO, internationale Solisten geben sich die Ehre, denn es gilt als agiles, stiloffenes, neugieriges Ensemble. Es ist ein kulturelles Aushängeschild der Stadt – und es hängt in der Luft. Denn es gibt auf Dauer keinen geeigneten Ort, wo das Orchester proben kann. Zwar wird ein räumlich beengtes Probenquartier in Schwabing voraussichtlich noch weiter erhalten bleiben. Es ist aber eine Basislösung, die nur einen kleinen Teil der MKO-Aktivitäten abdeckt. Und es bietet keine Perspektive für die lange Distanz. Florian Ganslmeier, der 2005 zum MKO gestoßen ist und als Geschäftsführer die Geschicke des Ensembles mitbestimmt, geht daher mit Hoffnungen und einem Appell an die Öffentlichkeit.

Das MKO ist eine Institution. Wie ist es dazu geworden?
Neben der großartigen künstlerischen Entwicklung haben wir uns auch wirtschaftlich erst einmal selbst geholfen, haben Sponsoren gesucht, unser 10-Prozent-Gehaltsmodell erfunden, bei dem jeder von uns als Risikorücklage 10 Prozent seines Gehalts prophylaktisch zur Verfügung stellt, was es sonst bei keinem anderen Orchester gibt. Als ich dazukam, haben wir uns erst einmal darum gekümmert, uns selbst zu entschulden, in der Annahme, dass dann die Politik einsteigt. So kam es dann auch. Die Leute haben gesehen, dass wir nicht nur gute Konzerte spielen, sondern seriös wirtschaften. Beim Freistaat fallen wir in den Bereich nichtstaatlicher Orchester, bei der Stadt ist es eine individuelle Förderung, und wir können uns bei beiden Zuschussgebern für den guten Kontakt und die Unterstützung nur bedanken. Nur Probenräume sind ein Riesenproblem.

Was braucht man als Orchester im Besonderen?
Seit 2011 suchen wir einen Probenraum, der den Anforderungen eines professionellen Orchesterbetriebs genügt. Wir haben Musiker im Ensemble, die von einer Tutti-Stelle bei uns zu einer Solo-Stelle bei den Philharmonikern oder den Bambergern wechseln. Das Niveau ist extrem hoch, man spürt ja auch als Zuschauer bei einem Kammerorchester jeden einzelnen Musiker viel mehr als bei einem großen Ensemble. Wenn man da nicht in der obersten Liga spielt, ist das sofort existenzgefährdend. Dann kommen zum Beispiel die Solisten, die wir brauchen, nicht zum zweiten Mal. Wir haben also nur die Möglichkeit, auf höchstem Level zu spielen, aber das bedeutet auch, dass wir auf einer qualitativ zumindest akzeptablen Grundlage proben können müssen. Also in einem Raum, den man kennt, wo man mit der Akustik vertraut ist, der keine Hindernisse für Klang und Kommunikation wie zum Beispiel Säulen hat. Zurzeit ist es jedoch so, dass wir etwa Dreiviertel unserer Proben in wechselnden Räumen verbringen. Das heißt, die künstlerische Arbeit geht immer von vorne los. Man muss erst den Klang einstellen, um dann an den Stücken zu arbeiten. Ganz abgesehen vom logistischen Aufwand, denn dafür ist unsere Verwaltung viel zu klein. Das ist als Dauerzustand für die Musiker nicht erträglich und hilft uns natürlich auch nicht, neue Musiker zu finden.

Sie haben über die Jahre bestimmt schon 150 Räume angesehen. Woran hakt es?
Der Probenraum muss mindestens ca. 200 Quadratmeter haben, eine Deckenhöhe von ca. 5 Metern, akustisch geeignet und abgeschirmt und klimatisiert sein. Dazu kommen Nebenräume, Erreichbarkeit und Infrastruktur. Und die Verwaltung sollte mit dem Orchester zusammengelegt sein. Das klingt nicht gerade utopisch, ist aber in der Münchner Immobilienlage extrem schwierig – erst recht zu wirtschaftlich akzeptablen Bedingungen. Um Förderung privater Art zu finden, muss man ein Objekt oder Projekt habe, das man vorzeigen kann, etwas, wo man sagt: »Hier, das ist es, da könnten wir einziehen!« Eine Option, an der wir schon lange arbeiten, ist beispielsweise der Gasteig. Da ist durch den Chef Max Wagner Bewegung in die Diskussion gekommen, und es kam der Gedanke auf, dass es ja schön wäre, ein Residenzensemble neben den Philharmonikern zu haben, das auch im Education-Bereich sehr aktiv ist, Konzertreihen gestaltet, vielleicht auch mit Mischformen etwa mit Theater oder Film oder experimentellen Sachen. Würde man das MKO dort verankern, wäre das mit Sicherheit ein Beitrag, der den Gasteig als Kulturzentrum bereichern würde. Und man hätte Konzertaktivitäten, die direkt für die Stadt sind. Das ist die Idee, die aber vom Umbau des Carl-Orff-Saals abhängt. Der ist für klassische Musik eigentlich nicht bespielbar. Solisten weigern sich zum Beispiel, dort aufzutreten, er ist vor allem akustisch inakzeptabel. Außerdem müsste sich das MKO dann den Probenraum mit dem Chor der Philharmoniker teilen, den man auch umbauen müsste. Aber das wäre machbar, man könnte ihn gemeinsam bespielen, und auch die Nebenräume und Büros wären im Gasteig. Das MKO wäre institutionell damit verankert, was auch für die Zukunft der Education-Programme sehr wichtig wäre. Das alles ist aber momentan eine höchst unsichere Konstruktion – die SPD hat ja gerade erst einen Vorstoß gemacht, die große Gasteig-Lösung fallen zu lassen, – dann hätte sich das sofort zerschlagen.

Wenn sich keine Lösung findet, wird dann das Münchener zum Regensburger oder Augsburger Kammerorchester?
Wir wollen natürlich ein Münchener Kammerorchester bleiben. Wir haben hier sehr erfolgreiche Reihen aufgebaut, mit einem großartigen Publikum. Mir sagen auch andere Musiker und Komponisten: Wo sonst findet man in Deutschland 1000 Leute, die sich genauso einen Lachenmann, eine experimentelle Komposition von Clara Ianotta wie eine Mozart-Symphonie anhören? Und alles mit großer Offenheit miterleben? Das ist ein Publikum, das über 20 Jahre gewachsen ist, im Durchschnitt jünger als bei anderen Orchestern.

In Freiburg zum Beispiel tut das Ensemblehaus für Barockorchester und das Ensemble Recherche ja gute Dienste …
Wenn du als Kulturbetrieb einen identifizierbaren Ort hast, wo die Leute von der Schulklasse bis zum Seniorenverein hinkommen können, dann kannst du die Musikvermittlung auf ganz andere Füße stellen. Das heißt nicht, dass die Musiker nicht mehr in Schulen gehen oder vor Ort arbeiten. Trotzdem hilft ein fester Ort immens. Allein das Prozedere, an irgendwelchen Orten, wo wir proben, Zuhörer zum Beispiel für Workshops mit anzumelden, ist oft unglaublich aufwendig.

München tut sich weiterhin schwer, sehr schwer. Und das MKO hangelt sich von Provisorium zu Provisorium.
Einerseits tun wir so, als wären wir ein international wettbewerbsfähiges Münchener Orchester, das übrigens auch weltweit am meisten unterwegs ist. Andererseits ist es ein vollkommenes Rätsel, wie das trotzdem irgendwie geht, wenn wir den Probenbetrieb anschauen. Und das wieder verleitet schnell die Politik zu sagen: Ja, es geht ja! Doch das ist keine Dauerlösung. Die Entscheidung, was sich für die Zukunft auftut, wird in den kommenden Wochen und Monaten fallen, sowohl für uns selbst als auch für den Gasteig. Wenn die Gasteig-Alternative uns erhalten bleibt, dann ist immer noch nicht geklärt, wie es die nächsten zehn Jahre aussieht. Wenn sie wegfällt, ist überhaupt kein Land in Sicht. Wenn sich da keine politische Lobby für uns findet, ist das sehr schnell existenzgefährdend. ||

MÜNCHENER KAMMERORCHESTER