Die Bavaria-Studios in Geiselgasteig und das Filmmuseum laden ein zu 100 Jahren Bavaria Film.

Still aus dem Bavaria-Film »Eisenhans« © Filmmuseum München

»Memories are made of this …«, singt Rosel Zech ebenso ernst wie melancholisch am Flügel stehend in Rainer Werner Fassbinders »Die Sehnsucht der Veronika Voss«, dem Gewinner des Goldenen Bären von 1982. Zu ihrem hundertjährigen Bestehen zeigt die Bavaria Film GmbH in einer interaktiven Jubiläumsausstellung sehenswerte Schätze aus Archiv und Fundus. 200 Exponate und zahlreiche unveröffentlichte Fotos laden zu einer (Wieder-)Begegnung mit der BavariaFilmhistorie ein, die Ende der 1970er/Anfang der 1980er Jahre ihren künstlerischen Zenit erreichte.

Der legendäre Kino- und Fernsehproduktionsstandort im Münchner Süden geht ursprünglich auf die Münchner Lichtspielkunst AG (M.L.K.) – ab 1920: Emelka-Filmgesellschaft – des Mühldorfer Filmpioniers Peter Ostermayr zurück, der 1919 nach einem Intermezzo am Stachus ein passendes Produktionsgelände suchte. Und so ließ er im Herbst des ersten Nachkriegsjahres im Grünwalder Ortsteil Geiselgasteig ein Glasatelier erbauen, dem in den folgenden Jahren viele Studiobauten folgen sollten: Der Grundstein für 100 bewegte Jahre mit vielen Höhen (unter Helmut Jedele und Günter Rohrbach) und einigen Tiefen (mit viel Fernsehmassenware und dem zeitweiligen Ende großer Kinoproduktionen) war gelegt. Seit 1932/1938 firmiert der weiterhin bedeutende europäische Produktionsstandort unter dem Namen Bavaria Film.

Der Jahresumsatz für 2017 lag zuletzt bei 250 Millionen Euro und derzeit verdienen dort knapp 2000 feste und freie Mitarbeiter täglich ihr Geld mit der Erschaffung von TV-, Kino-, Web- und VR-Träumen. Ein blutjunger Alfred Hitchcock (»The Pleasure Garden«) drehte hier seine ersten beiden Spielfilme, aber auch bereits weltbekannte Regie-Asse wie Billy Wilder (»Fedora«) oder Max Ophüls (»Die verkaufte Braut«/»Lola Montez«) gastierten gleich mehrfach am Isarhochufer. Natürlich nicht alleine, sondern mit deutschsprachigen (u. a. Romy Schneider, Lil Dagover, Heinz Rühmann, Oscar Werner, O. W. Fischer) und mitunter auch internationalen Filmstars (z. B. Dirk Bogarde, Orson Welles, Tony Curtis, Liza Minelli, Liv Ullmann) im Schlepptau. Und Ausnahmeregisseur Stanley Kubrick lernte bei den Dreharbeiten zu »Wege zum Ruhm« am selben Ort eine gewisse Christiane Susanne Harlan kennen: seine spätere Ehefrau. Außerdem realisierten gerade Rainer Werner Fassbinder (»Despair– eine Reise ins Licht«/»Berlin Alexanderplatz«) wie auch Ingmar Bergman (»Das Schlangenei«/»Aus dem Leben der Marionetten«) im »bayerischen Hollywood« ihre künstlerisch wagemutigsten Projekte, die allesamt Filmgeschichte schrieben.

Im Zuge der Geburtstagsausstellung können dort nun unter anderem O.W. Fischers prächtiger Hermelinmantel aus Helmut Käutners »Ludwig II« (1955) und diverse Modelle aus Wolfgang Petersens »Bavaria«-Welterfolgen »Das Boot« (sechs »Oscar«-Nominierungen) und »Die unendliche Geschichte« (Produktionsbudget: 60 Millionen DM) bestaunt werden. Weitere sehenswerte Requisiten sind Steve McQueens Motorrad aus »Gesprengte Ketten« und vereinzelte Originalkulissen aus Billy Wilders Ost-West-Satire »Eins, zwei, drei« sowie der TV-Kultserie »Raumpatrouille Orion«.

Das Filmmuseum München hat den hundertsten Geburtstag der Bavaria Film außerdem zum Anlass genommen, drei »Emelka«-Stummfilmproduktionen (»Opium«, »Nathan, der Weise« und den Monumentalfilm »Helena. Der Untergang Trojas«) aufwendig zu restaurieren, die bereits Anfang des Jahres zu sehen waren. In der Fortsetzung der laufenden Hommage sind im April nun fünf weitere »Bavaria«-Filme zu sehen, die ohne den Glücksdrachen Fuchur auskommen und weiterhin nicht als Blu-ray-Discs verfügbar sind. Dazu zählt beispielsweise Franz Peter Wirths »Al Capone im deutschen Wald« (1969) mit einem jungen Rainer Werner Fassbinder als »Heini«, Reinhard Hauffs gelungene »Mathias Kneißl«-Interpretation sowie Tankred Dorsts »Eisenhans« (1983) mit Susanne Lothar in ihrer ersten Kinorolle, die ihr sofort den Bundesfilmpreis bescherte. So anarchisch-wild ging es mal zu in der Bavaria … Hoffentlich wird das bald wieder so – und nicht erst in hundert Jahren! ||

JUBILÄUMSAUSSTELLUNG AUF DEM GELÄNDE DER BAVARIA IN GEISELGASTEIG
Infos zur Ausstellung
100 JAHRE BAVARIA FILM
Filmmuseum München| bis 14. April
Programm