Okwui Enwezor (* 23. Oktober 1963 † 15. März 2019) © Max Geuter

Als bekannt wird, dass Okwui Enwezor gestorben ist, macht sich eine eigenartige Melange aus Gedanken breit. In die Betroffenheit über Enwezors dann doch plötzlichen und in jedem Fall viel zu frühen Tod schleicht sich eine diffuse Beschämtheit. Was hat man als denkender Mensch vernachlässigt bei der leidigen Auseinandersetzung um das Haus der Kunst? Was hat man übersehen an kuratorischer Leistung, verdeckt von dem skandalumwehten Gewaber und Gelaber über Personal und Geld? München war noch nicht bereit für einen Museumsdirektor wie ihn. Weil München keine Weltstadt ist. Die Konfrontation mit dieser Erkenntnis, die nicht zum ersten und zum letzten Mal stattfindet, ist auch ein Vermächtnis des Okwui Enwezor. In keiner Weltstadt wäre es Thema gewesen, dass ein Weltbürger nicht die Sprache der Mehrheit der Bewohner sprach, so es denn überhaupt noch eine gemeinsame Sprache gibt. München war noch nicht reif für ihn, der 2002 die documenta für die aktuelle Weltkunst, für den Dialog zwischen westlichem Blick und postkolonialen Perspektiven geöffnet hatte, und so war seine Zeit am Haus der Kunst geprägt von Missverständnissen. Während glamouröse Event-Kultur in München gut ankommt, wie sie unter seinen Vorgängern Christoph Vitali und Chris Dercon gepflegt wurde, haben es komplexe Diskursangebote schwerer.

Die letzte von ihm kuratierte Ausstellung ist die des in Ghana geborenen, in Nigeria arbeitenden Bildhauers El Anatsui, dessen riesige Wandskulpturen aus Flaschenverschlüssen und anderen Materialien mit Vorleben, Holzplastiken, Keramiken, Zeichnungen und Drucke nun die Räume des Museums füllen. Die Ausstellung hat seit 15. März eine doppelte Bedeutung: Sie erzählt zum einen von dem Künstler und seinem Werk, zum andern unüberhörbar vom Kurator dieser groß angelegten Werkschau. Das zentrale Objekt »Logoligi Logarithm«, ein ebenso großartiges wie poetisches Labyrinth aus zusammengenähten Flaschenverschlüssen, berührt besonders: Das Bild von Mauern, Jerusalem, Berlin, drängt sich auf, Wände, die Distanz schaffen, die aber gleichzeitig durchlässig sind. Die 66 Elemente des Labyrinths sind hart wie Kettenhemden, dabei zart und transparent. Das Spiel mit den Gegensätzen in dieser Installation ist überwältigend: Der Besucher befindet sich zwischen Licht und Schatten, Bewegung und Stillstand. Die schöne Stimme von Senta Berger teilt auf dem Audioguide mit: Für El Anatsui sind Mauern keine undurchlässigen Grenzen. Sie schränken das äußere Sichtfeld des Betrachters ein, nicht aber die innere Sicht, das »innere Auge«, also die Vorstellungskraft eines Menschen. »Logoligi Logarithm« bezeichnet in der Muttersprache des Künstlers eine organische, sich schlängelnde Linie, aber auch ein Gefühl der Unsicherheit, der Orientierungslosigkeit, das einen in einem Labyrinth übermannen kann. Das Werk baut auf einer früheren Arbeit von 2010 auf und
wurde in Zusammenarbeit mit Okwui Enwezor extra für das Haus der Kunst geschaffen.

Man kann »Logoligi Logarithm« so auch als Hommage an den Kurator verstehen. Wer spüren will, was ihn, der nur 55 Jahre alt wurde, möglicherweise sein Leben lang angetrieben hat, wird es hier finden: Mauern durchlässig zu machen, selbst wenn es die martialischen Wände des Hauses der Kunst sind. ||

El Anatsui: »Rising Sea« (Detail)| 2019 | Ausstellungsansicht Haus der Kunst | Foto: Maximilian Geuter

EL ANATSUI. TRIUMPHANT SCALE
Haus der Kunst| Prinzregentenstr. 1
bis 28. Juli| Mo–So 10–20 Uhr, Do bis 22 Uhr
Talk & Tours mit Nadine Siegert: 7. Mai, 18.30 Uhr | Vortrag von David Adjaye: 8. Juli, 19 Uhr
Der Katalog (Prestel Verlag, 320 Seiten, 190 Abb.) kostet 49 Euro