Der senegalesische Schriftsteller und Ökonom Felwine Sarr legt mit seinem Manifest »Afrotopia« eine Vision für die intellektuell-spirituelle Neuerfindung des afrikanischen Kontinents vor.

Der Bericht zur Rückgabe des afrikanischen Kulturerbes, den die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und der senegalesische Ökonom Felwine Sarr Ende 2018 vorlegten, sorgte bei seinem Erscheinen für Furor. Darin empfehlen die beiden Autoren eine großzügige Rückgabe aller Kunstobjekte, die nicht mit Zustimmung der afrikanischen Eigentümer nach Frankreich gebracht wurden. Auch in Deutschland sorgte der Bericht für Debatten. Nun bringt der Verlag Matthes & Seitz Felwine Sarrs bereits im Jahr 2013 erschienene Schrift »Afrotopia« heraus. Viele der dort getätigten Überlegungen und Forderungen spiegeln auch den vieldiskutierten Bericht wider.

Sarrs Buch beginnt mit einer Untersuchung zweier gängiger westlicher Interpretationsrahmen, die gerne bemüht werden, wenn es darum geht, den augenblicklichen Zustand des afrikanischen Kontinents zu erfassen. Die eine Lesart sei dabei, so Sarr, von einer »Kollektiven Fantasie des Scheiterns« getragen. Sie betrachtet Afrika als einen Problempatienten, vornehmlich anhand seiner Defekte, Handicaps und gar Geburtsfehler. Diese latent zum Katastrophischen neigende Sichtweise zeige sich unter anderem in Medienbeiträgen etwa zur Aids-Krise, in denen das apokalyptische Bild eines Kontinents am Abgrund und kurz vor der Apokalypse gezeichnet wird. Sarr konstatiert hierbei eine »symbolische Gewalt«, mit der Afrika von westlichen Kommentatoren immer wieder gezeichnet wird. Die andere Lesart zeichne ein optimistischeres Bild des afrikanischen Kontinents, in seiner Wirkung sei sie aber ebenso fatal. Ihr zufolge gehört die Zukunft in weltökonomischer Hinsicht den Afrikanern, ist ihr Land doch reich an Ressourcen und Rohstoffen. Imaginiert werde ein zukünftiges »Eldorado des Weltkapitalismus«.

Beide Ansätze eint, so Sarr, dass sie von einem westlichen Traum herrühren, einem Fortschrittsmythos, der seit dem 15. Jahrhundert in die ganze Welt exportiert wurde, häufig mit Waffengewalt. Sowohl beim positiven als auch beim negativen Bild »handelt es sich um die Träume anderer (…), bei dem die
Hauptbetroffenen nicht zum kollektiven Träumen eingeladen sind«. Felwine Sarr betreibt sein vielschichtiges intellektuelles Projekt also im Sinne einer »Dekonstruktion der kolonialen Vernunft«. Ein Erbe dieser westlichen Vernunft sei der Kapitalismus, der sich mit seiner auf Effizienz und ausschließliche Wirtschaftlichkeit ausgerichteten Verwertungslogik zersetzend auf die traditionellen afrikanischen Kulturen auswirke. Sarr verweist besonders auf den wirtschaftlichen Schaden, den der
transatlantische Sklavenhandel im 19. Jahrhundert den afrikanischen Ländern zugefügt hat – Auswirkungen, von denen sich die Ökonomien auf dem Kontinent nie wieder erholt haben.

Daher argumentiert Sarr für eine selbstbewusste Neubestimmung des afrikanischen Kontinents, jenseits von Abhängigkeiten des Westens. Notwendig sei eine Emanzipation »vom weißen, westlichen Experten, der einem zeigt, wie man dieDinge richtig macht«. Verloren gehe im kulturellen Sinne eine afrikanische Identität, die es wiederzuerlangen und zu erhalten gelte. Als Positivbeispiel führt Sarr den, seiner Meinung nach, geglückten Spagat der japanischen Gesellschaft zwischen Traditionsbewahrung einerseits und technologischer Aneignung wissenschaftlichen Fortschritts andererseits an. Ob dieser Vergleich angesichts weitreichender gesellschaftlicher Probleme in Japan sinnvoll ist, sei dahingestellt. »Der homo africanicus ist kein homo oeconomicus« hält Sarr desweiteren fest und empfielt afrikanischen Gesellschaften einen selbstbewussten Rückbezug auf die eigene Kultur und Sprache. So etwa solle ein eigenständiger Künstlerkanon gepflegt werden, und die Universitäten sollten ihren Unterricht in afrikanischen und nicht in westlichen Sprachen abhalten.

In seinem Postulat der Besinnung auf eine afrikanischeIdentität umschifft Sarr leider mit einer gewissen Scheu die zeittypisch heiklen Konsequenzen seiner Argumentation. Er will sein Projekt zwar explizit nicht im Sinne eines Kulturalismus und Essentialismus verstanden wissen – eher als eine
Rückbesinnung –, konsequent durchexerziert wäre es das aber wohl. Angesichts der Gewalterfahrungen des afrikanischen Kontinents wäre es jedoch ein nachvollziehbarer Rückzug auf das Eigenbewusstsein. Sarrs Buch lädt ansonsten auf sehr lohnende Weise zu einer Infragestellung der westlichen Sicht auf den afrikanischen Kontinent ein. Woran denken wir, wenn wir an Afrika denken? »Afrotopia« zeigt, von welchen Klischees, Gemeinplätzen und Pseudogewissheiten dieses Denken oft befallen ist und dass es zu einem »Afrotopos«, der Utopie eines neuen Afrika noch ein weiter Weg ist. ||

FELWINE SARR: AFROTOPIA
Aus dem Französischen von Max Henninger | Matthes & Seitz, 2019 | 176 Seiten | 20 Euro