Ende des Jahres schließt das Gabriel Kinoseine Pforten. Gleichzeitig erstrahlt das Arri als Astor Film Lounge in neuem Glanz. München verliert also einen liebevoll geführten Familienbetrieb und gewinnt ein protzig-glamouröses Lichtspielhaus.

ASTOR Film Lounge © Jan Bitter

»Ich liebe den Geruch von warmem Popcorn am Abend«. Dieses, zugegeben, etwas abgewandelte Zitat von Captain Kurtz alias Marlon Brando aus Coppolas »Apocalypse Now« hat für mich bald keine Relevanz mehr. Zumindest, was mein Lieblingskino, mein heimliches Wohnzimmer, meine zweite Heimat betrifft. Denn das Gabriel macht Ende des Jahres zu. Schmerzlich ist es immer, wenn ein Kino unwiederbringlich seine Pforten schließt,aber in diesem Fall tut es besonders weh.

Denn mehr als 20 Jahre lang pilgerte ich nahezu täglich in die Dachauer Straße, um mir im Schichtbetrieb manchmal drei, vier Filme hintereinander anzuschauen, gigantische Hollywood-Blockbuster, deutsches Betroffenheitskino, britische Social Comedies, süßes Prinzessinnen-Märchen, das volle Programm. Dabei genoss ich nicht nur das totale Leinwanderlebnis, sondern auch die Rundumbetreuung von Herrn Büche und seiner Tochter Alex, die sich rührend und immer gut gelaunt um ihr Publikum kümmerten, beim Fachsimpeln Kinoexpertise an den Tag legten und jedem Stammgast den Getränkewunsch von den Lippenablesen konnten (bei mir:»Große Apfelschorle mit Leitungswasser?«).

Warum die zwei idealistischen Cinema-Enthusiasten mit dem Lichtspieltheaterbetrieb aufhören, hat mannigfaltige, wenn auch wenig überraschende Gründe: Das mächtige Mathäser, das jeden potenziellen Kinobesucher um den Hauptbahnhof-Distrikt wie ein Schwamm in sich aufsaugt, die generell rückläufigen Zuschauerzahlen und die Orientierung hin zu den Streaming-Diensten, um nur ein paar zu nennen. Doch Jammern hilft nichts, ich werde dem familiengeführten Gabriel jedenfalls bis zuletzt die Treue halten, im März freue ich mich dort auf den herrlich blutigen Liam Neeson-Thriller »Hard Powder« und den nicht weniger packenden Neo-Noir-Krimi »Destroyer« mit Nicole Kidman. Ich werde wohl am Dienstag gehen. Da ist Kinotag und der Eintritt kostet nur 6 Euro 50!

Exakt das Doppelte, 13, in Worten, dreizehn Euro musste ich berappen, als ich mir vor kurzem »Bohemian Rhapsody« im neu eröffneten Arri, jetzt »Astor Film Lounge im Arri«, angesehen habe. Aber man bekommt auch was für sein Geld: starken Atmo-Sound, perfekte Beinfreiheit, bequeme Liegesessel,die zum Eindösen verleiten (aber nicht bei diesem Film). Und dann der Clou: Fünf Minuten vor Filmbeginn bestellt man bei einer verbindlich freundlichen Dame (in ihrem früheren Leben hat diese wohl mal Eiskonfekt verkauft) ein Getränk, in meinem Fall Gin Tonic, das dann stilecht im Glas, und garantiert noch bevor das Licht ausgeht, serviert wird. Ansonsten wird man schon beim Eintritt ins Foyer förmlich erschlagen von Samt und Seide, von Glas und Glitzer, das Ganze erinnert in seiner perfekten Eleganz fast ein bisschen an ein Luxushotel aus den dekadenten 1920er Jahren. Und schon kommt bei mir die Frage auf: Wer kann, wer will sich so etwas (öfter als einmal im Jahr) leisten? Die Amazon-Netflix-Jugend, die einst als Kassengarant das Kino bevölkerte, sicher nicht. Und die Alten, die abends schon immer lieber vor dem Fernseher saßen? Vielleicht lockt die ja ein guter Tropfen vom edlen kalifornischen Roten ins neue Arri? Denn an der Bar dort wird, ganz filmaffin, Francis Ford Coppola Director’s Cut Cabernet Sauvignon kredenzt. Für 69 Euro 50 die Flasche! Nichtsgegen Ihren Wein, Mister Coppola, aber dann bleibe ich doch lieber beim Popcorn und im Gabriel. ||

Website des Gabriel Filmtheaters