Ein schweres Thema, spielerisch leicht inszeniert: »Amsterdam« im Volkstheater.

Philipp Lind, Nina Steils und Jonathan Hutter geben die Stimmen im Kopf der Protagonistin wieder | © Gabriella Neeb

Eine unbezahlte Gasrechnung. Aus dem Jahr 1944. Aufgelaufen auf 1700 Euro. Die erhält eine junge Israelin, die in Amsterdam an der Keizersgracht wohnt. Eine Gasrechnung an eine Jüdin – zynisch. Im Kopf der hochschwangeren Geigerin dreht sich ein unaufhörliches Gedankenkarussell: Wer lebte vorüber 70 Jahren in dieser Wohnung, warum wurde die Rechnung nie bezahlt? Die Israelin Maya Arad Yasur schrieb mit »Amsterdam« ein raffiniertes Vexierspiel um viele mögliche Wahrheiten, preisgekrönt 2018 beim Stückemarkt des Berliner Theatertreffens. Im Volkstheater inszenierte Sapir Heller, ebenfalls Israelin, die seit zehn Jahren in München lebt, die deutschsprachige Erstaufführung als rasant choreografierte Revue mit verblüffender Leichtigkeit.

Wie sieht sich eine Jüdin in Europa konfrontiert mit dem Holocaust und dem neu aufkeimenden Antisemitismus? Das fragt sich die namenlose Erzählerin pausenlos, selbst an der Supermarktkasse überlegt sie, was wohl der Mann hinter ihr über sie denkt. Sie grübelt nach einer Erklärung für die Rechnung, setzt ihre Fantasie frei. Die Regisseurin Heller weist ihren drei fabelhaften Darstellern Nina Steils, Jonathan Hutter und Philipp Lind keine festen Rollen zu. Sie sind Performer einer Show, in der jeder die Stimmen im Kopf der Protagonistin auffängt, als Ideenball weiterspielt. Sie sind ironische Entertainer in blaugrün schillernden Outfits, unter einem halbrundem Stahlbogen, der Showportal, Brücke und Klettergerüst ist (Bühne und Kostüme: Anna van Leen). Sie entwerfen Szenarien, was könnte 1944 im von Deutschen besetzten Amsterdam, wo viele verfolgte Juden wie Anne Franks Familie Unterschlupf gefunden hatten, passiert sein? Historische Kommentare liefert die Musikerin Kim Ramona Ranalter.

Trotz kleiner Ausrutscher ins Illustrative bleibt die Aufführung spielerisch leicht. Klischees werden unterlaufen und gebrochen, ausgesponnen zum möglichen Krimi-Narrativ, durchsetzt mit den Alltagsreflexionen der Erzählerin, die ständig ihre Identität hinterfragt. Sie will kein Requiem für 551 tote Kinder in Gaza komponieren, wie ihr die Agentin rät, sondern ihr Konzert »Das Paradox der Stare« gespielt wissen. Die Spurensuche nach Wahrheit und Schuld zeichnet allmählich ein dramatisches Szenario aus dem Zweiten Weltkrieg. Aber alles bleibt unsicher, ungefähr, spekulativ. Es könnte so gewesen sein. Oder nicht. ||

AMSTERDAM
Volkstheater – Kleine Bühne|22., 24. März, 7. April | 20 Uhr
Tickets: 089 52234655