Mirjam Loibl beweist ihre Qualität als Menschenzeichnerin, doch verebbt »Begehren« im Ungefähren und unbestimmt Wabernden.

Die geheimnisvollen Fremden (Barbara Romaner, Philip Dechamps) vernebeln den Alltag eines jungen Paares | © Thomas Aurin

Warmes Licht scheint aus den Fenstern des kleinen Hauses. Ein Paar werkelt in der Küche. Und dass ihr die Zweisamkeit zu engist, weil die neue Wochenend-Enklave, die die beiden renovieren, viel zu weit weg ist von allem, spürt man in jeder ihrer Gesten. Während er plappernd auf pflegeleicht macht,artig Handwerksspuren beseitigt und auf ausgetretenen Zuneigungsspuren vor sich hintapst.

Arthur Klemt und Hanna Scheibe sind das namenlose Paar in Mirjam Loibls Inszenierung von Josep M. Benet i Jornets »Begehren«. Die Quereinsteigerin in den Regieberuf, die zum zweiten Mal im Rahmen der Resi-Ausprobierreihe Marstallplan ihr Können zeigt, ist eine feine Menschenzeichnerin, die die beiden Schauspieler das unheilvolle Knistern ihrer Beziehung eher unterspielen lässt. Und sie mag es düster. Deshalb das dreißig Jahre alte Stück des Katalanen, dem man die Jahre nicht anmerkt, weil seine knappe, stimmungsvolle Sprache und das mysteriöse Raunen, das es verbreitet, ort- und zeitlos sind. Aber es tritt auch sehr bald auf der Stelle, weil sein Plot immerfort verbalen und psychologischen Nebel versprüht, ohne je eines Teilrätsels Lösung preiszugeben. Es gibt da nämlich eine Angst in dem Stück, die die Frau hat; eine Anruferin, die stumm auflegt – und einen Mann, der immer an derselben Straßenecke eine Panne zu haben scheint, wenn die Frau zum Einkaufen fährt. Philip Dechamps spielt diesen Mann als melancholischen Todgeweihten, als alles verstehenden Beobachter, als fast automatenhaft hilfsbereiten Verkehrsteilnehmer ohne Gedächtnis und Gast aus einer anderen Welt, was zumindest das spacige Hoodie andeutet, unter dem ihn Kostümbildnerin Anna Maria Schories fast versteckt hat und das den vermeintlichen Thriller vage futuristisch färbt.

»Sie« führt ihr erstes Zusammentreffen mit ihm in den Selfservice um die Ecke, wo es seltsam mondän zugeht wie vielleicht in ihrer oder seiner Vergangenheit. Danach kehrt sie nackt unter ihrem grünen Pullover nach Hausezurück und ist komplett von der Rolle. Und so sehr man auch ahnt, dass der geheimnisvolle Typ und die noch geheimnisvollere Liebende in seinem Schlepptau (Barbara Romaner) dafür verantwortlich sind,so hübsch das nur angedeutete Haus sich zu immer neuen Ansichten dreht und so gut die breite Filmmusik von Constantin John zu den wechselnden Lichtstimmungen passt: Das Interesse an all dem läuft sich leider schnell tot.

Klar ist, dass hier alle Figuren das Glück verfehlten und nun die verdrängte Vergangenheit, eine Psychokrise oder eine Kombination aus beidem ihren Tribut fordern. Doch während man sonst oft dankbar ist, wenn das Theater die eigene Fantasie nicht unter lauter Eindeutigkeiten erstickt, wünscht man sich hier doch etwas mehr inhaltliche Substanz. Aber in diesem – ja was? – Vexierspiel von Bewusstseinszuständen ist immer alles erneut anders, als man denkt. Und das ermüdet. Loibl hat sich in diesem Nebel hübsch eingerichtet, doch der Assoziationsraum bleibt weitgehend unmöbliert. ||

BEGEHREN
Marstall| 21. März| 20 Uhr | Tickets: 089 21851940