Von Kuckuck bis »O. Twist«: Rund um den Welttag des Theaters für junges Publikum ist in München viel geboten. Aber was ist eigentlich generell so los in der (freien) Kinder- und Jugendtheaterszene?

»Sängerkrieg der Heidehasen« mit Burkhard Kosche, Marina Granchette und Georg Roters (von oben) | © Verena Mittermeier

Am 20. März beginnt in München das Kuckuck-Festival, im HochX gibt das Kindertheater im Fraunhofer einen Workshop für Kinder, die Pasinger Fabrik feiert ihre 20. Kinderkulturbörse – und in der Black Box des Gasteig begeht die freie Szene den Welttag des Theaters für Kinder und Jugendliche. Ob sich aus dieser Veranstaltungsballung Synergieeffekte ergeben oder nur ein heilloser Aktionismus ablesen lässt, ist noch nicht raus, aber klar ist, dass das Kindertheater auch in München längst kein Nischenthema mehr ist, das im Schatten des Theaters für Große nach Luft-, Licht- und Aufmerksamkeitsresten hascht. Sondern eine auch künstlerisch ernst zunehmende Größe. Zum Beispiel das Kuckuck, das in seinen Anfängen »Anfänge(r)« hieß, weil sich hier Theater für Zuschau-Anfänger unter fünf Jahren stark und die Kleinsten mit einem Suchtstoff bekannt machte, der als Hauptnebenwirkung die Fantasie ankurbelt und idealerweise den ganzen Menschen fordert.

Seit die neue Leitung der Schauburg das Festival mit bestückt, heißt es Kuckuck und ist mit heuer zehn eingeladenen Produktionen aus Belgien, Deutschland, Italien, Frankreich und der Schweiz gut doppelt so groß wie zuvor, als die Gesellschaft zur Förderung des Puppenspiels e.V. und die Evangelische Familienbildungsstätte Elly Heuss-Knapp alleine diese Pionieraufgabe stemmten. Vom Figurentheater hat man sich seit 2018 etwas entfernt. Kuckuck 2019 hat dezidiert nach Tanz- und Bewegungstheater gesucht, ein thematischer Fokus liegt auf dem Thema Schöpfung und ein formaler auf aufwendig gestalteten Räumen, die neue Arten der Begegnung zwischen Zuschauern und Performern ermöglichen. Und »Begegnung« ist ein Schlüsselbegriff gerade im Theater für die Allerkleinsten. Das auf unter Einjährige spezialisierte belgische »Theater de Spiegel«, das im vergangenen Jahr mit »Trommeln (Niet drummen)« für das Festivalhighlight sorgte – allein schon mit seiner gigantischen Rauminstallation aus Trommeln, Röhren und allerlei klingendem-klangendem, für kullernde Murmeln und mehrlagige Schatten bereitem Zeug –, leistet diesmalauch den Schauburglern Schützenhilfe. Ihre gemeinsame Produktion »Lumi« hat bereits am 16. März Premiere – und die Zuschauer dürfen keinesfalls schon laufen können.

Derartige Experimente sind wie aufwendige Räume, die die Produktionen schwer verpflanzbar machen, für freie Theatermacher kaum umsetzbar. Dies mag ein Grund dafür sein, dass die freie Münchner Kinder- und Jugendtheaterszene, die erst seit 2015 Fördermittel von der Stadt erhält, seither zwar zusehends an Qualität und Diversität gewinnt, aber noch nicht im Kuckuck-Programm vertreten ist. Überhaupt zeigt sich die Szene, was die jüngste Altersstufe angeht, eher zurückhaltend. Wohl auch aus dem Wissen heraus, dass die Schauburg unter Andrea Gronemeyer für sie ein Faible hat. Dafür öffnen sich Spielräume im Jugendtheaterbereich und immer mehr gestandene (Musik-)Theatermacher wie Dominik Wilgenbus, großartige Tänzer und Künstler aus beinahe allen Disziplinen nehmen das junge Publikum zunehmend ernst. Mit Mischformen aus Figuren- und Erzähltheater, wie sie bereits seit Jahrzehnten Jörg Baesecke und Hedwig Rost mit ihrem Papiertheater oder Alexander Baginskis Theater Pantaleon praktizieren.

Oder in jüngerer Zeit und mit einem wunderbar anarchischen Drive Christiane Ahlhelms Theater Kunstdünger, das mit einfachsten Objekten maximalfantastische Dinge anstellt und mit seinem staubtrockenen Humor stets weit weg bleibt von kulleräugiger Kinderbelustigung. Es entstehen vielversprechende junge Gruppen wie das aus einer Musikerin, einer Schau- und einer Puppenspielerin bestehende Theater Ananas, das bislang zwei charmante, leicht chaotische Stücke gemacht hat. Die Themen sind vielfältig, oft auch politisch, die Dramaturgie ist bei vielen noch ein Manko. Über dem Spaß am Detail verliert sich der Blick aufs Ganze. Toll dagegen ist die Power von »Erzählerinnen« wie Gabi Altenbach und Ines Honsel, von Tänzerinnen wie Sahra Huby, die das Energiezentrum in Annette Gellers »Ayda, Bär und Hase« war (und ein solistischer Orkan in Anna Konjetzkys »Move More Morph It!«), oder die fragile, fast magnetische Präsenz von Ceren Oran, die in Gellers»Record PlayStop Rewind«einNetzaus Musik, Geräuschen, Bändern alter Tonträger und zeitgenössischen Tanzbewegungen errichtete.

Der Tanz gewinnt innerhalb der Kinder- und Jugendtheaterszene zusehends an Gewicht. Aber auch die Musik, das Performative, die Mischungen von Genres und Disziplinen, das Experimentdes Sich-selbst-neu-Erfindens. Ceren Oransnächstes eigenes Projekt wird erstmals mit abstraktem Tanz arbeiten und das Thema Anderssein erkunden. Die compagnienik wird in »Als die Bäume gen Himmel flogen« neu mit Schattenspiel experimentieren. Und das interdisziplinäre Team von Traummaschine Inc. verlässt mit »O. Twist!« den städtischen Raum, wo noch »Die katastrophale Johanna« (Isarauen) und »Kids Carraldo« (Olympiaberg) spielten,und will im Theater einen Schlafsaal für obdachlose Kinder errichten. Der Mix zwischen immersivem Ansatz und ausgeklügeltem Raumkonzept verspricht spannend zu werden. Und er wird möglich, weil Traummaschine-Mitglied Judith Huber neuerdings Co-Leiterin des Pathos-Theaters ist, wo künftig viel mehr Kinder- und Jugendtheater stattfinden wird. Neben dem HochX, das damit entlastet wird, dem Hofspielhaus, dem Theater Blaue Maus, dem Theater im Fraunhofer, der neuen Kulturbühne Spagat im Domagkpark und über den Gastspielring auch in etlichen Stadtteilkulturzentren. War das freie Kindertheater in München vor Jahren noch weitgehend unsichtbar, findet man es jetzt nahezu überall Jetzt müsste diese Vielfalt nur noch besser erkennbar sein und von den Eltern, Schulen und Kitas wahrgenommen werden. Doch leider landen allzu viele Kinder am Ende doch nur im jährlichen Familienstück des Resi oder im Theater für Kinder in der Dachauer Straße. Dass dieses künstlerisch unsägliche Privattheater 2018 immer noch 250 000 Euro von der Stadt erhielt und damit weit mehr als die 2018 noch mit nur 100 000 Euro beglückte Einzelprojektförderung für die freie Kinder-und Jugendtheaterszene, bleibt ein fortwährendes Ärgernis. ||

KUCKUCK-FESTIVAL
Verschiedene Orte| 20.–27. März
Programm und Tickets | Veranstaltungen zum Welttag des Kindertheaters auch unter: www.hochx.de, www.kindertheater-im-fraunhofer.de, www.pasinger-fabrik.de