Exklusiv online: Das Deutsche Theater zeigt »Cabaret« und unser Musik-Redakteur Ralf Dombrowski ist begeistert.

Sally Bowles (Helen Reuben) und der Conférencier (Greg Castiglioni)| ©Deutsches Theater, Martin Kaufhold

Kurz überlegt man, wie sie aus dieser Nummer wieder rauskommen. Denn da stehen die Schauspieler auf der Bühne, markieren den Hitlergruß und singen »Tomorrow Belongs To Me«. Aber dann ist Pause, man kann applaudieren, schließlich geht es nicht um Würdigung des einzelnen, beklemmenden Lieds, sondern um die ganze erste Hälfte des Musical-Gastspiels »Cabaret« im Deutschen Theater, das die englischsprachige Inszenierung des English Theatre Frankfurt für zwei Wochen nach München holt. Und wie in diesem speziellen, vom Drehbuch geschickt zugespitzten Fall, gelingt es dem Ensemble unter der Regie des West-End-erfahrenen Briten Tom Littler und der Choreographie von Sydney Uffindell-Phillips über den ganzen Abend hinweg, die Spannung zwischen Innen- und Außenwelt der Figuren, zwischen Schein und Leben, den kleinen Fluchten des Zirzensischen und der düsteren Bedrohung des kollektiven Wahns zu halten.

Und das ist ein Kunststück durchdachter Dramaturgie. Denn in »Cabaret« laufen mehrere Ebenen gleichzeitig ab, die Liebesgeschichten von Sally Bowles (Helen Reuben) mit Cliff (Ryan Saunders) und Fräulein Schneider (Sarah Shelton) mit Herrn Schultz (Richard Derrington), die Unvereinbarkeit von Karriere und kleinem Glück, Ernst und Naivität im Umgang mit faschistischen Haltungen und vor allem die vom Conférencier (Greg Castiglione) geklammerte Darstellung der erotischen Offenheit und im satirischen Theater kultivierten Meinungsfreiheit, eingebunden in den kulturellen Kontext der frühen dreißiger Berliner Jahre. Es ist ein melancholischer Plot, eingebettet in die Illusion der Illusion, die in der Hysterie des Theaterhaften gipfelt. Und damit gestalterisch eine Herausforderung, das Entertainment nicht mit Botschaft zu überfrachten.

Denn es geht schließlich um »Cabaret« und dem Ensemble gelingt es mit famoser Präzision, die Waage zwischen Ernst und Leichtigkeit zu halten. Die flexible Bühne ermöglicht Umbau während des Geschehens, Band, Tänzer, Schauspieler gehen in ihren Funktionen ineinander über. Tempo bestimmt das Geschehen, ohne hektisch zu werden, vor allem die beiden Protagonisten Reuben und Castiglioni singen und spielen brillant, überhaupt wirkt der ganze Abend auf eine faszinierende Art geschmeidig und nachhaltig unterhaltsam, wie man es sich von Musical-Inszenierungen wünscht. Und im Unterschied zu Geschichten aus phantastischen Welten wirken nicht nur die Melodien, sondern auch der Plot noch eine Weile nach. Auch er ist Theater, aber mit Wurzeln in der Wirklichkeit – unbedingt sehenswert! ||

CABARET
Deutsches Theater| bis 30. März| 19.30 Uhr
(11 Uhr am 19. / 26. März) | Tickets: 089 55234 444