Die Sonderschau EXEMPLA verbindet auf der Internationalen Handwerksmesse Handwerksgeklapper mit Zukunftsmusik. Und die SCHMUCK 2019 zeigt aktuelle Tendenzen im Autorenschmuck.

Mielle Harvey: Three Hanging Birds © Mielle Harvey

»Halle B1«: Der spröde Name klingt nach Lagerraum oder Turnarena, doch für fünf Tage im März wird die Halle B1 alljährlich zum Mekka der Ästheten. Hier findet im Rahmen der Internationalen Handwerksmesse
(IHM) in Riem die Messe »Handwerk & Design« statt. Highlights dieser Messe sind die von der Handwerkskammer für München und Oberbayern organisierten Sonderschauen. Die größte unter ihnen, die EXEMPLA, steht heuer unter dem Motto »Textil – Stoff der Zukunft«.

Vom Teppich bis zum T-Shirt: Textilien prägen große Teile unserer Alltagskultur. Und zwar nicht nur visuell, sondern haptisch: Wir sind mit ihnen auf Tuchfühlung, berühren sie, ja in gewisser Weise dringen sie sogar in unser Ohr ein, sorgen sie in Innenräumen doch füreine angenehme Akustik. Von der Handweberei mit Seide bis zu textilen Architekturen zeigt die Schau, was man mit Natur- und Chemiefasern alles machen kann. Der Polsterer Günter Hammerschall aus München vereint Traditionen und Moderne: Er absolvierte eine Handwerkslehre zum Polsterer, ist aber gleichzeitig auch Diplom-Ingenieur für Innenarchitektur. In seiner Münchner Werkstatt restauriert er jahrhundertealte Möbelstücke, entwickelt aber auch Prototypen mit völlig neuen Lösungen für Architekten und Möbeldesigner.

Um den Erhalt alter Handwerkstechniken geht es auch Bayram Düzgün aus der KelimStadt Konya in der Türkei. Kelims sind Unikate, anders als geknüpfte Teppiche werden sie ohne Vorlagen gewebt. Durch die Verwendung handgesponnener Wolle bleibt das wolleigene Fett Lanilin erhalten, was die Kelim-Teppiche strapazierfähig und schmutzabweisend macht. Bayram Düzgün hat sich auf die Reparatur solcher hochwertigen Kelims spezialisiert, auf der Messe kann man ihm und Günter Hammerschall bei der Arbeit über die Schulter schauen.

Ein völlig neues Textil-Material verwendet die Strickwaren-Firma Peterseim aus dem thüringischen Mühlhausen: Hier werden neben Bekleidung innovative Produkte aus Basaltfaser-Gestrick hergestellt. Basalt ist ein Vulkangestein. Erhitzt man es bis zur Schmelze, lassen sich daraus Fäden herstellen. Die Technik ist bekannt, doch was die Mühlhäuser Firma daraus macht, ist neu: Socken für Offshore-Windräder. Klingt wie ein Witz, ist aber so: Werden die Basalt-Gestricke um die Fundamente gewickelt, schützt das vor Algen- und Muschelbefall. Mit Basaltstrümpfen können die Windräder also steinalt werden. Neben der EXEMPLA locken die Sonderschau TALENTE mit innovativen Arbeiten junger Kunsthandwerker und Künstler sowie die MEISTER DER MODERNE mit Ausstellungsstücken bereits etablierter Künstler. Die Qualität der Ausstellungsstücke kann sich mit jeder guten Museums-Schau messen.

Svenja John: AUSTIN AUSTIN, Brosche | © Svenja John

Zum Wundern und Freuen: aktuelle Tendenzen im Autorenschmuck
It’s Schmuck-time! Jedes Jahr im März reisen Künstler, Galeristen und Sammler aus aller Welt zu den »Münchner Schmucktagen« an und haben die Wahl unter rund 80 Schmuck-Ausstellungen in der ganzen Stadt – von der großen Museumsschau bis zur Pop-up-Ausstellung in Wohnzimmer-Atmosphäre. Dabei geht es nicht um dezente Ringlein aus Gold, sondern eher um tragbare Kunstwerke. Kern der Schmuckwoche ist die von der Handwerkskammer für München und Oberbayern organisierte IHM-Sonderschau SCHMUCK.

Sie ist die wichtigste Ausstellung für zeitgenössischen Schmuck weltweit. In diesem Jahr findet die Messe zum 60. Mal statt. Kuratorin im Jubiläumsjahr ist Dr. Sabine Runde vom Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt am Main. Aus fast 800 Bewerbungen hat sie 65 Teilnehmer aus 22 Ländern ausgewählt. Mit dabei in diesem Jahr: Mielle Harvey. Die Lieblingsmotive der Amerikanerin scheinen tote Vögel und Insekten zu sein. Solche meist als eklig empfundene Tierkadaver als Kettenanhänger oder Brosche präsentiert zu sehen, ist höchst verwirrendund lässt niemanden kalt. Harvey trägt gewissermaßen die Sterblichkeit aller Lebewesen öffentlich zur Schau. Anstelle der naiven Fokussierung auf die Schönheit der Natur, wie man sie aus traditionellem Schmuck mit seinen vielen Pflanzen-, Blüten- und Tiermotiven kennt, lenkt sie den Blick auf die Realität, auf die Fragilität des Lebens, auf Schönheit und Härte der Natur.

Ganz anders die Deutsche Svenja John: Sie fertigt Schmuck aus Makrolon, einem High-Tech-Kunststoff, der leicht, bruchfest undtransparent ist und jede erdenkliche Farbe annehmen kann. Johns Ketten und Armbänder sind aus tausenden Einzelteilen zusammengesteckt, die Formen erinnern an wissenschaftliche Modelle, an Darstellungen komplexer Molekülverbindungen etwa oderan komplizierte astronomische Umlaufbahnen – verwirrend, spannend und wunderschön!

Als »Klassiker« wird dieses Jahr Daniel Kruger gewürdigt, ehemaliger Professor für Schmuck an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein in Halle. Beim Blick auf sein Werk fällt auf, wie viele unterschiedliche Materialien er verwendet: Fahrradreflektoren, Glasperlen, Steine oder auch mal Pommes-Spießer aus Plastik. Der gebürtige Namibier ist auf einer Farm aufgewachsen. »Wir hatten wenig gekauftes Spielzeug und ich war angeregt, mit meinen Händen was zu machen, und da habe ich natürlich mit dem gespielt, was ich gefunden habe: Steine, Knochen, verrostete Büchsen.« Den unverstellten Blick auf nutzbare Materialien hat sich Kruger erhalten. Eine seiner Halsketten ist aus Glas: Fünf große, längliche Bruchstücke aus transparentem Flachglas, konzentrisch angeordnet als Anhänger. Alle Scherben ähneln sich in der Grundform, sie bilden eine Art kantigen Tropfen. »Glas bricht häufig in dieser Form«, erklärt Kruger. »Es geht um die Ästhetik undum die Wertschätzung von Material, von Form, auch von Tradition und darum, sich zu wundern und zu freuen. Es geht einfach darum, etwas Schönes zu machen, das Aufrichtigkeit in sich trägt und spiegelt.« ||

HANDWERK & DESIGN AUF DER INTERNATIONALEN HANDWERKSMESSE
13.–17. März| 9.30–18 Uhr

SCHMUCK IN MÜNCHEN
Empfehlungen der Redaktion: »21 Grams« in der Galerie Handwerk (14. März bis 21. April):
120 Schmuckstücke mit dem Gewicht der menschlichen Seele || »SCHMUCKISMUS« in der Pinakothek der Moderne (16. März bis 16. Juni) || Bereits jetzt zu sehen: »Karen Pontoppidan – THE ONE WOMAN GROUP EXHIBITION« in der Villa Stuck (bis 5. Mai) || Gisbert Stach »Schmuck und Experiment« in der Galerie des Bayerischen Kunstgewerbevereins in der Pacellistraße 8 (bis 19. April) | Programm und Termine