In dem Mystery-Drama »Kirschblüten & Dämonen«, einer Art Fortsetzung ihres Erfolgsfilms von 2007, »Kirschblüten – Hanami«, gibt Doris Dörrie ein unmissverständliches Statement gegen jegliche Form von Rechtsradikalismus ab. Und auch an Japan, jenem Land, in dem sie schon fünf Filme gedreht hat, lässt sie kein gutes Haar.

Doris Dörrie im Kreise ihrer Darsteller Golo Euler, Aya Irizuki und Felix Eitner und Kameramann Hanno Lentz © 2018 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor

Frau Dörrie, seit Jahren schon lieben Sie es, Ihre Werke im kleinstmöglichen Team zu realisieren. Gibt es für Sie beim digitalen Filmemachen auch negative Aspekte?
Für mich gibt es da gar keine Nachteile. Es ist wirklich einfach nur ein großes Glück, dass ich so arbeiten kann. Für mich ist dadurch außerdem der Traum vom Cinéma direct in Erfüllung gegangen, der Traum, den die Nouvelle vague um Godard, Truffaut und all die anderen geträumt hat, nämlich mit der Kamera auf die Straße zu gehen und einfach drauf los zu filmen.

Ich gehe einmal davon aus, dass Sie auch Ihren Studenten an der HFF, an der Sie seit 1997 lehren, die Meister der Nouvelle vague ans Herz legen. Aber wen empfehlen Sie noch?
Zum Beispiel einen Film von Hiro Kore-Eda. Das ist der Regisseur, der mit »Shoplifters« letztes Jahr die Goldene Palme in Cannes gewonnen hat. Ich halte seine Filme, die er davor gemacht hat, für noch schöner und toller, etwa »Nobody Knows«. Aber auch die alten Japaner, ob nun Ozu oder Mizoguchi, lege ich ihnen schon immer sehr ans Herz. Das hat natürlich mit meiner eigenen Begeisterung zu tun. Aber auch ganz ganz
besonders und immer wieder den kürzlich verstorbenen Jonas Mekas, der zu meinem Haus- und Hof-Heiligen geworden ist.

Kommen wir nun zu Ihrem neuen Film. Eigentlich dachte ich ja, »Kirschblüten – Hanami« sei auserzählt.
Das dachte ich auch (lacht).

Aber jetzt haben Sie mich eines Besseren belehrt.
Danke, das freut mich. Ich war auch erstaunt, was ich da noch so alles herausgefunden habe. Ich wollte ja nie ein Sequel drehen. Und »Kirschblüten & Dämonen« ist ja auch ein eigenständiger Film. Aber durch die Beschäftigung mit den Geistern bei »Grüße aus Fukushima« hatte ich dann irgendwann tatsächlich diese Idee, dass die Eltern als Gespenster zurückkommen. Jetzt stehen die Kinder im Fokus, Sie haben gewissermaßen einen Perspektivwechsel vollzogen. Im ersten Teil habe ich die Geschichte knallhart aus der Sicht der Eltern erzählt. Da sind die Kinder einfach nur furchtbar, und Rudi Angermeier sagt diesen Satz: »Kinder sind so enttäuschend«, den er jetzt als Geist auch nochmal wiederholt. Aber was denken eigentlich die Kinder über ihre Eltern? Das hat mich damals schon beschäftigt. Da gab es jedoch den Platz nicht dafür. Mich interessiert dabei strukturell und prinzipiell, wie wir alle in unseren Familienkonstellationen unser Drehbuch schreiben. Wer sind wir, wer war unsere Familie? Da besitzt jeder seine eigene Interpretation, seine eigene Geschichte. So wie in meinem Film jeder seinen Teller hat und niemals einen anderen haben darf.

Können Dämonen einem helfen, mit seiner eigenen Geschichte klarzukommen?
Wenn man den Mut hat, sich umzudrehen, um ihnen eine Tasse Tee anzubieten, dann schon. Wenn man ständig vor ihnen auf der Flucht ist, eher weniger.

Fasziniert Sie es, wie die Japaner im Alltag mit diesen Dämonen umgehen?
Das ist kompliziert. Diese Geister sind zwar Alltag. Aber das Sprechen darüber ist komplett tabuisiert. Niemand wird in Japan öffentlich über seine Dämonen und seine Ängste Auskunft geben. Das tut man nicht.

In »Kirschblüten & Dämonen« geben Sie ein klares politisches Statement ab.
Das ist mir sehr wichtig, auf vielen Ebenen. Ich wollte noch einmal klar erzählen, dass jede deutsche Familie eine Nazi-Vergangenheit hat. Dass wir nicht plötzlich so tun können, als wären wir alle Opfer gewesen. Wir müssen alle mindestens Mitläufer in den Familien gehabt haben, sonst hätte es das Nazi-Regime nicht geben können. Wir sollten uns umdrehen und diesen alten Dämonen ins Gesicht schauen. Dann können wir ganz anders mit dem umgehen, was gerade in unserem Land passiert. Jetzt sind wir alle aufgerufen zu kämpfen und die Demokratie zu verteidigen.

Der Neffe von Golo Eulers Figur Karl greift zu einem drastischen Mittel und lässt sich ein Hakenkreuz auf die Stirn tätowieren. Haben Sie nicht gezögert, das umzusetzen?
Nein, denn ich habe mich sehr mit diesem Thema beschäftigt. Die Jungen wissen ganz genau, welche Knöpfe man bei den Erwachsenen drücken muss. Und das finde ich auch in dieser Familienstruktur sehr interessant, dass es eben der Jüngste ist, der den Finger in die Wunde legt.

Was will der junge Mann mit seiner Provokation erreichen?
Er will erpressen, dass der Vater aus dieser Partei austritt. Dafür hat er eigens für seine Eltern ein raffiniertes Double Bind aufgebaut. Entweder er kommt wieder aus seinem Zimmer heraus und alle werden ihn fragen, was es denn mit dem Hakenkreuz auf sich hat. Oder er zieht sich komplett zurück, wird unsichtbar und tut damit das, was diese Familie schon immer betrieben hat.

Mit diesem Fanal auf der Stirn leben zu müssen, ist allerdings heftig.
Sehr mutig. Vor allen Dingen, wenn man es macht, um etwas zu erreichen. Denn es entspricht ja nicht seiner Überzeugung, sondern ist das Gegenteil davon. Aber er ist nun mal der einzige, der die Dinge beim Namen nennt. Da gibt es eine direkte Verbindung zu den Urgroßeltern, was ja immer geleugnet wird. Der Antisemitismus, der Rechtsruck, der neue Faschismus, die Neonazis – all das gäbe es ohne die Alten nicht.

Still aus »Kirschblüten & Dämonen« © 2018 Constantin Film Verleih GmbH / Mathias Bothor

Wenn ich »Kirschblüten & Dämonen« einem Genre zuordnen müsste, würde ich es Mystery-Drama nennen.
Schön. Das werde ich mir sofort merken, ich sag dazu immer: eine deutsch-japanische Gespenstergeschichte.

Oder was halten Sie von »tieftraurige Komödie«?
(Lacht) Das klingt auch gut: tieftrauriges, komisches Mystery-Drama.

Sie scheinen Gefallen daran zu finden, die Genres stets durcheinander wirbeln zu lassen?
Das ist das, was mich auch am meisten am Schreiben und am Filmemachen interessiert: Wenn sich die Grenzen auflösen.

Könnten Sie sich eigentlich vorstellen, in Japan zu leben?
Nein. Da würde mir schon diese absurde Macho-Gesellschaft tierisch auf den Keks gehen. Und ich könnte auch nicht japanischer werden als ich eh schon bin. Die Formen und diese unendlichen Konventionen befolgen zu müssen, das würde ich niemals schaffen. Mir würde aber auch der extreme Rassismus in Japan auf den Geist gehen.

Ist dieser Rassismus tatsächlich so stark vorhanden?
Ja, der ist sogar extrem stark. Alles, was nicht japanisch ist, ist der Feind. Das ist nicht gern gesehen. Das erduldet man, aber man möchte es nicht an sich heranlassen, ins Land lassen. Und es gibt eine absolut erschreckend reaktionäre Politik. Gerade gab es einen neuen Gesetzentwurf, nachdem alle Transgender-Personen sterilisiert werden sollen, bevor sie heiraten. Und Fukushima ist immer noch nicht wirklich aufgearbeitet worden, blieb auch politisch ohne Konsequenzen. Es gibt wahnsinnig viele Dinge, die mich unendlich aufregen.

»Kirschblüten & Dämonen« ist auch zu einem Vermächtnis für Kiki Kirin geworden, die Sie ein letztes Mal vor die Kamera holen konnten.
Die wunderbare Kiki! Dass sie überhaupt zugesagt hat, war für mich ein so großes Geschenk. Und die letzte Einstellung, diesie im Film hat, war dann auch tatsächlich die letzte Einstellung ihres Lebens. Ich glaube, die Zusage, hier mitzuspielen, kam deshalb, weil sie genau in diesem Zimmer, wo sie jetzt die letzte Einstellung ihres Lebens gedreht hat, 1958 mit ihrer Karriere und mit Ozu begonnen hatte.

Eine letzte Frage: Werden sie Ihr nächstes Projekt wieder in Japan drehen?
Nein, nächstes Mal ist nicht Japan dran. Aber ich muss bestimmt bald wieder hin. Denn obwohl ich das Land manchmal so stark kritisiere, werde ich schnell wieder sehr heimwehkrank und muss dann doch immer wieder hin. ||

KIRSCHBLÜTEN & DÄMONEN
Deutschland 2019 | Regie: Doris Dörrie | Mit: Golo Euler, Aya Irizuki, Hannelore Elsner | Kinostart: 7. März
Trailer