Aureliusz Smigiel inszeniert Azar Mortazavis »Stille Nachbarn« als Parcours der Einsamkeit.

Die Nachbarn in kollektiver Lieblosigkeit vereint | © Thomas Aurin

Was hält Leben zusammen, wo entstehenerste, feine Risse, die sich später zu Abgründen ausweiten, wann kippt Optimismus in Selbstbetrug, Ernüchterung in blanken Hass?Die vier Figuren, die die Dramatikerin Azar Mortazavi in ihrem Wohnblockdrama »Stille Nachbarn« aufeinandertreffen und aneinander abprallen lässt, sind auf diesem Weg schon ziemlich weit fortgeschritten. Ganz offensichtlich, wie die demenzkranke Charlotte (Barbara Melzl), die sich im Seniorenheim, auf ihren in Koffer gepackte Erinnerungen sitzend, hinter Trotz und Selbstmitleid verschanzt. Oder noch schwungvoll um Contenance bemüht wie ihre Tochter Isabell (Katrin Röver), die die Mutter dort einquartiert hat und sich nun für ihre leere Eigentumswohnung einen migränekranken Ehemann erfindet und bei den Nachbarn Anschluss sucht.

Etwas Hals über Kopf lässt Mortazavi sie dort mit der Tür ins Haus fallen, mit einem Satz um Kaffeemilch bitten und im nächsten schon den unerfüllten Kinderwunsch offenbaren und bald auch latente Ressentiments gegenüberdem vermutlich Fremden. Leyla und Ibrahim, das junge Paar von nebenan (Bijan Zamani und Esther Schwartz), bemühen sich noch um eine gemeinsame Zukunft. Aber die erste Euphorie ist verflogen. Er hat das Studium geschmissen, vielleicht weil ihm die einstige Schwäche des Vaters noch in den Knochen steckt, arbeitet stattdessen als Übersetzer im Flüchtlingsheim gegenüber und wird davon so deprimiert, dass er nächtelang trinkt und herumstreunt, um dann zu Hause an der sanften Leyla herumzunörgeln. Die hält zwar noch zu ihm, aber das Kind, das sie erwartet, wird wohl rasch angesteckt werden von der Angst, die
durch die Generationen hindurchwächst.

In Charlottes Fall war es gar schroffeste Ablehnung der eigenen Tochter von Kindheit an, die Melzl bös biestig noch immer aus sich herausschleudert, während sie zwischendurch an lautlosen Schreien würgt. So liegen die Karten offen auf dem Tisch, Wohnungen werden zu Gefängnissen, ebenso wie Partnerschaften, Vorurteile und Erinnerungen, am Ende klafft die Einsamkeit wie ein auswegloser Schlund. Um nicht zu früh in Endzeitstarre zu verfallen, haben Regisseur Aureliusz Śmigiel und sein Bühnenbildner Martin Eidenberger die »lonely hearts« auf einem Minigolfparcours verteilt, jeder aufs einer Bahn. Das Seniorenheim ist eine Abwärtsspirale, das Paar hat noch ein paar Wellen vor sich, und die finale Isolierstation ist ein stillgelegtes Golfcart unter einer Plastikplane, aus dem giftige Dämpfe aufsteigen. Nach der Pause finden sich dann alle unter einer luftigen Pyramide in kollektiver Lieblosigkeit vereint und haben noch einmal ausgiebig Gelegenheit, sich aneinander vorbei auszusprechen. Trotzdem überwiegt hier in jeder Beziehung die Abstoßungsreaktion, nur in dem düsteren Chorgesang (komponiert von Torsten Knoll), der zwischen den Szenen wie zu einem jüngsten Gericht ruft, finden Stimmen zusammen. Wo Mortazavis Text mitunter den Subtext gleich mitformuliert, liegt es nicht zuletzt bei den starken Schauspielern, den Figuren ein Geheimnis zu bewahren und den Abend zu einem nachdenklich leisen Kammerspiel zu machen, das in der Erinnerung nachklingt. ||

STILLE NACHBARN
Marstall| 6. März| 20 Uhr | 22. März| 19 Uhr
Tickets: 089 21851940