Mit »Oratorium« und »Unendlicher Spaß« endet eine überzeugende Ausgabe des Brechtfestivals. Die letzte unter der künstlerischen Leitung von Patrick Wengenroth.

Nah am Slapstick ist Devid Striesow in »Unendlicher Spaß« mit Ursina Lardi und André Jung (v.l.) © David Baltzer/Agentur Zenit

Da sitzen sie, die Insassen der Drogenentzugsklinik aus David Foster Wallace Roman »Unendlicher Spaß« und erzählen wortgewaltig ihre alles andere als spaßigen Geschichten. Die Cracksüchtige, die den Drogenrausch mehr liebte als ihr ungeborenes Kind. Erst die Totgeburt trug sie traurig durch die Straßen der Stadt. Der Schweizer, dem die Ausscheidung eines idealen Geschäfts gelang. Der freudschen Analphase verhaftet, erzählt er von der fetischwürdigen Fleischwurstmimikry seines Kots. Oder der Drogendealer Randy Lenz, der im dunklen Container den kalten Entzug probte. Seine Kotze wurde ihm zum Sinnbild der ihm abhandenkommenden Zeit.

Virtuosenstücke der Schauspielkunst: »Unendlicher Spaß« nach David Foster Wallace
Jasna Fritzi Bauer, André Jung, Devid Striesow spielen diese Insassen. Sebastian Blomberg, Ursina Lardi und Heiko Pinkowsi hören ihnen zu, als Mitinsassen, Betreuer, Therapeutin. Und das Publikum! Denn wie diese Darsteller die verschroben-traurigen und dabei doch so komischen Typen aus dem Roman »Unendlicher Spaß« von David Foster Wallace auf die Bühne bringen, sind kleine Virtuosenstücke der Schauspielkunst. Der gibt Regisseur Thorsten Lensing in seiner Theateradaption des über 1000 Seiten langen, in narrative Scherben zersplitterten Romans über Drogensucht und Depression, Vaterkomplexe und Tennis sehr viel Raum. Die Darsteller wissen ihn zu nutzen und zu spielen. Allen voran Devid Striesow, als Zwangsneurotiker Randy Lenz dem Slapstick näher als etwa der leis-schrullige André Jung, wenn er als behinderter Mario seine körperlichen Leiden in einer Art Poesie der Einschränkungen zelebriert. Oder der pure Heiko Pinkowski als ruhender Pol, aber nie vor dem Ausbruch gefeiter Patientenbetreuer Don. Sowie Sebastian Blomberg, der die kauzige Körperlichkeit seiner Figuren bis in die Fingerspitzen erkundet. Die zerbrechliche Ursina Lardi schließlich, die im weißen Bodysuit und Plateauturnschuhen Hal ist, ein intellektuell hochbegabtes Tennistalent und Zentrum des Handlungsstrangs um die drei Brüder der Familie Incandenza. Eine Glanzleistung, wie sie im Monolog über den Selbstmord des Vaters der Figur die Gratwanderung zwischen Trauer, vorgespielter Trauer und Verdrängung abgewinnt.

Haben oder nicht haben ist die Grundfrage in She She Pops »Oratorium« © Benjamin Krieg

Lehrstück vom Erbe und Eigentum: »Oratorium« von She She Pop
Zum Ende des Brechtfestivals am vergangenen Sonntag war »Unendlicher Spaß« ein Fest des Schauspiels und wurde vom Publikum entsprechend gefeiert. Die auch zum Berliner Theatertreffen im Mai eingeladene Aufführung bildete mit ihren Nummern unterhaltsamer Skurrilität, die im zweiten Teil in Melancholie und leider auch in manche Längen abdriftete, fast klassisch anmutendes Theaters. Keine Stückentwicklung, keine Bürgerbeteiligung, keine Interaktion. Zuvor hatte die Aufführung von »Oratorium. Eine kollektive Andacht zu einem wohlgehüteten Geheimnis« von She She Pop das Publikum noch in bester Lehrstücktradition nach Geld, Erbe, Eigentum und Solidarität befragt. Von Schrifteinblendungen angeleitet wurden die Zuschauer zum heterogenen Sprechchor aus Erben und Nicht-Erben, Mietern und Eigentümern, Klassenkämpfern und skeptischen Stimmen. Originell und klug sangen die Performerinnen von She She Pop gemeinsam mit Bürgern aus Berlin den »Katechismus vom Eigentum«, erzählten die »Lüge von der Leistungsgesellschaft« oder die »Fabel von der Entmietung«, ohne einen entsprechenden Schuss an Selbstironie missen zu lassen. Der Irrsinn der urbanen Lebensrealität als kritisches und selbstreflexives Lehrstück. Und ebenfalls ein Höhepunkt im Festivalprogramm, das mit Namen wie She She Pop, andcompany&Co, Turbo Pascal oder (Raum+Zeit) wichtige und avancierte Stimmen des aktuellen freien Theaters präsentierte. Ein bewusst von Festivalleiter Patrick Wengenroth angekündigter Schwerpunkt, der einen mitunter nach der lokalen Verortung des Festivals fragen ließ. Die im Programm aber durchaus vertreten war.

Lokale Positionen im Festivalprogramm
Denn neben der Neuproduktion von »Baal« des Staatstheaters Augsburg, dem Kooperationspartner des Festivals, hatte Wengenroth – wie schon in den Ausgaben zuvor – auch Augsburger freie Gruppen ins Programm genommen. Während der Stadtparcours »Shitty City« von Bluespots Productions – tägliche Kurzperformances zu Gedichten Brechts an unterschiedlichen Orten der Stadt – zwischen Oberflächlichkeit und Hermetik hängen blieb, zeigte das Sensemble Theater mit Falk Richters »Electronic City« eine mitreißend energetische Choreografie arbeitnehmerischer Überforderung. Furios rauschen fünf Schauspieler durch diesen Text über den Absturz des Paares Tom und Joy im rasenden Tempo einer globalisiert-digitalisierten Arbeitswelt. Regisseur Sebastian Seidel nutzt gekonnt Videoprojektionen und Livekamera, lässt die Performer singen, an Fitnessgeräten trainieren, Konstellationen wechseln. Rasant, witzig, zeitgemäß. Weniger in der Geschwindigkeit als im Mut zur Dehnung lag die Komik in »Anarchie in Bayern« von Rainer Werner Fassbinder des jungen theter Theaters um Leif Eric Young. Im weiß-blau ausgekleideten Guckkasten über einem Café in der Innenstadt tanzt etwa ein Schuhplattler eine gefühlte Ewigkeit, bis der Rest des aus Laienspielern bestehenden Ensembles ihn in einen Karton packt und verschickt. Von solchen surreal anarchischen Bildideen lebt diese Nummernrevue und kitzelt lakonisch die Aktualität aus Fassbinders Text über Revolution, politische Utopie und soziale Schwerfälligkeit. Je mehr die Aufführung allerdings Fassbinders Text im buchstäblichen Sinne Raum gab, desto schwächer wurde sie.

Für die letzte Ausgabe unter seiner künstlerischen Leitung hatte Patrick Wengenroth ein »Brechtfestival für Städtebewohner*innen« angekündigt: Ein Festival für, in und mit Augsburg. In der Mischung aus Einladungen auf der Höhe des experimentellen Gegenwartstheaters, lokalen Positionen und brisanter gesellschaftspolitischer Fragestellung ein Programm, das aufging. Man kann den Nachfolgern Wengenroths, Tom Kühnel und Jürgen Kuttner, nur wünschen, den hier eingeschlagenen Pfad weiterzugehen.