Beim Brechtfestival schreiben Performances Brechts Theaterideen fort.

Brecht (Peter Jecklin) sieht uns direkt an in »Antigone::Comeback« von Raum + Zeit © Heinz Holzmann/Raum + Zeit

Mitten in der schimmernden Opulenz des spätbarocken Kleinen Goldenen Saals steht ein Mann mit einer VR Brille. Wenige Minuten zuvor stand man selbst ebendort, mit eben solch einer Brille. Jetzt aber sieht man zu, wie ein anderer das sieht, was man auch sah. Man steht daneben, so wie Bertolt Brecht es vom Schauspieler und vom Zuschauer gefordert hat. Keine Identifikation, sondern Kopf! Keine Einfühlung, sondern Analyse. Und all dies, für die Sache.

Die Schlusssituation, in die einen die Gruppe (Raum+Zeit) am Ende der Performance »Antigone :: Comeback« schickt, hätte Brecht gefallen. Sie ist Enthüllung einer Methode, Verfremdung 2.0 und Auflösung einer Erfahrung, in der man eben noch selbst spielte. Helene Weigels Erfahrung nämlich, die 1948 am Theater Chur Antigone gab. Nach zehn Jahren Exil bedeutete das Antigone-Projekt für Brecht und Weigel die Rückkehr ans Theater. Eine höchst aufgeladene Sache also, für die Brecht die Weigel extrem forderte, herausforderte, drangsalierte. Der Erfinder des Epischen Theaters so sehr Herr und Meister einer Idee, der sich Weigel unterzuordnen hatte, wie König Kreon aus der »Antigone« Hüter eines Staatsgesetzes, dem Antigone Folge leisten soll. Eine Koinzidenz, die (Raum+Zeit) in „Antigone :: Comeback“ schillern lassen und nicht zuletzt auf den Besucher projizieren.

Mittels VR Brille ziehen sie den hinein in eine fiktive Probensituation mit Brecht, gespielt von Peter Jecklin. Lassen ihn die Position der Weigel einnehmen und das Sterben der Antigone üben. Wo der Raum des Virtuellen das mentale Zurücktreten, also die Brecht’sche Distanz noch relativ leicht zulässt – was passiert denn schon, wenn ich dem Wüterich im Zuschauerraum nicht zuhöre, ihn, der plötzlich Kreon ist, nicht anschaue, »träume«, wie der virtuelle Brecht einem vorwirft? Nichts! – da machen die Livesituationen mit Claudia Renner den Entzug praktisch unmöglich. Für jeden Besucher einzeln spielt Renner im Zimmer einer kargen Künstlergarderobe die Weigel. Im grauen Kittel des Antigone-Kostüms ringt sie mit ihrer Aufgabe, stellt Fragen, fordert, kommt näher, schaut direkt in die Augen. Wie gefangen ist man in dieser Situation der Intimität, die zugleich ein schonungsloser Spiegel ist: Verhält man sich richtig? Sollte man antworten? Sollte man Teil des Ganzen werden, wie Weigel, oder Widerstand leisten, wie Antigone? Wer ist man oder will man hier sein?

Schon seit über zehn Jahren entwickelt die Gruppe (Raum+Zeit) solche performativen Vexierbilder und Selbstbegegnungen, die übliche Theatergrenzen sprengen. Stattdessen entstehen neue Spielsysteme, die höchst raffiniert emotionale Erfahrung mit intellektueller Reflexion koppeln. Im Rahmen des Schwerpunkts »Performance« beim diesjährigen Brechtfestival ein perfektes Beispiel dafür, wie solche Theaterformen eben auch als Weiterentwicklung der Ideen Brechts verstanden werden können. Das beginnt bei der kollektiven Arbeitsweise von Gruppen wie She She Pop, andcompany&Co, (Raum+Zeit) oder Bluespots Productions – allesamt im Festival vertreten. Das setzt sich fort in der Wandlung des Zuschauers zum Mitspieler, wie Brecht sie für das Lehrstück anpeilte. Und geht hin bis zum gesellschaftskritischen Anspruch, der aber mitunter subtiler daherkommt als noch beim Übervater des politischen Theaters.

Etwa bei der Berliner Gruppe Turbo Pascal und ihrem Projekt »Böse Häuser«. Auch sie entführen in andere, allerdings weniger illusorische denn diskursive Welten, und fordern eine aktive – sprich körperliche – Beteiligung des Besuchers. Über Kopfhörer angeleitet von Mitgliedern der Truppe betritt man die titelgebenden »Bösen Häuser«, wie Philosoph Hegel Gedankengebäude nannte, die einem fremd, unangenehm, mitunter gefährlich sind. Mit der Stimme im Ohr werden im Stuhlkreis, auf dem Boden liegend, beim Auf-der-Stelle-Treten oder beim Gang durch den Raum Gedankenexperimente als Gruppenchoreografie unternommen.

Was zunächst harmlos scheint und bereitwilliges Kopfnicken provoziert – wie schön, dass wir uns alle verständigen können, miteinander reden, gut riechen – kippt um in brandgefährliche Gedankenkonstruktionen der Ausgrenzung, bei denen einem eben dieses Nicken buchstäblich im Halse stecken bleibt. Angst vor dem Tod, Religion, blinder Fortschrittsoptimismus oder die Idee von politischen Widerstand stehen auf dem Prüfstand. Auch hier aber mehr als Vexierbilder denn in Form klarer Botschaften. Ein intellektuelles Schillern und ein Spiel auf dem schmalen Grat zwischen geteilten Werten und Ideologie, das zugleich Apell ist. Am Ende steht sich das Publikum geteilt in zwei Gruppen gegenüber. Frontenbildung als erschreckendes Realitäts- und Schlussbild, das letztlich aber die Aufforderung enthält: Wechseln wir Perspektiven, konfrontieren wir uns mit Fremdem, überwinden wir Grenzen. Die Theateraufführungen und Performances beim Brechtfestival sind dafür nur eine, aber eine vielversprechende Möglichkeit. Ι Ι