Das »Brechtfestival für Städtebewohner*innen« in Augsburg ist mit »Auf der Straße« und »Baal« gestartet

Das Hamsterrad der Armen nimmt Fahrt auf in Karen Breece »Auf der Straße« © Julian Röder

Patrick Wengenroth hat eine Rede vorbereitet, oder besser: ein Statement. Zur Eröffnung des Brechtfestivals 2019 steht er im Theaterfoyer im Martini Park und beschwört die gesellschaftliche Kraft von Kunst. Gegen das existenzielle Grundgefühl unserer Zeit, die Fremdheit, setze die Kunst nicht Disziplinierung, Abschottung und Gefühlskälte, sondern Kommunikation und Kontakt. Gegen den »Zustand mangelnder Vertrautheit«, wie der Duden den Begriff der Fremdheit definiere, schaffe die Kunst Gemeinschaftserfahrung und Emotionsräume. Und genau dies, so die Überzeugung des Festivalleiters, kann die Welt verändern.

Eine ebenso optimistische wie tradierte Einschätzung, der sich bekanntlich auch Bertolt Brecht verschrieben hatte. Eine Einschätzung, die aber zugleich Fragen provoziert: Wie gut vertragen sich Kunst und Zweck überhaupt – auch der der Weltverbesserung, der Aufklärung, der politischen Aktivierung? Und was, wenn sich Kunst – oder der Künstler/die Künstlerin – einer gesellschaftlichen Anbindung ganz entzieht? Weder zur Ware werden will, was ja noch weltveränderndes Potenzial in sich trüge – noch vor den Karren der Weltveränderung gespannt sein? Allesamt Fragen, die auch mit den Eröffnungsaufführungen »Auf der Straße« und »Baal« im Raum standen.

Botschaft sticht Kunst – und kommt trotzdem an: »Auf der Straße« von Karen Breece und Ensemble
Im stilisierten Blaumann steht die Schauspielerin Bettina Hoppe vor der Rampe und zitiert den antiken Lyriker Solon. Kraftvoll und vehement rezitiert sie wuchtige Zeilen über die Krise der griechischen Polis, über Ungerechtigkeit und Gottlosigkeit der Stadt. Aber nicht die Götter hätten die Menschen verlassen, sie in Unglück, Armut und Krieg gestürzt, daran sind die Menschen schon selbst schuld. Denn der Mensch ist seines Glückes – oder Unglückes – Schmied, dreht immer auch selbst am Rad des Schicksals. Weshalb Hoppe nach diesem Prolog denn auch auf die Bühne springt und dort mit ihrem Kollegen Nico Holonic eine große Drehscheibe in Bewegung setzt. Darauf Parkbänke, Wartesitze, Plastikstühle wie aus Behördengängen. Kein Motor treibt hier an, sondern der Einzelne selbst. Nur so kommt das Karussell des Lebens, unterlegt von lauter Technomusik, begleitet von verzerrten Jahrmarktsrufen, in Schwung, nimmt das Hamsterrad der Armen Fahrt auf.

Betroffenenberichte und Destillate gesellschaftlicher Realität
Auf den Bänken sitzen Alexandra, Psy und Uwe. Alle drei stehen als sie selbst auf der Bühne, sind im relativen Sinne »arm« und erzählen davon. Alexandra, akademische Ausbildung aber psychisch erkrankt, bekommt Hartz IV. Uwe sammelt Flaschen und lebt auf der Straße. Psy wurde als Kind geschlagen, lebte im Heim, war ebenfalls lange obdachlos. Die drei berichten vom Verlust der Würde durch Armut, vom Leben im Heute, ohne Zukunft, von der Schutzlosigkeit auf der Parkbank oder der Sehnsucht nach einem anerkennenden Blick. Wie im Interview befragen die Schauspieler sie nach ihren täglichen Ritualen, dann wieder erzählt man gemeinsam von Gewalt, von Scham oder der Mühe, die Not geheim zu halten. Durch Schrifteinblendungen nach Tageszeiten strukturiert und verortet in Straßen und Plätzen Berlins wechseln sich die Erzählungen ab mit gespielten Szenen der beiden Schauspieler. Deren Grundlage sind Interviews, Recherchen und Zitate, die Regisseurin Karen Breece über mehrere Monate in Berlin zum Thema Obdachlosigkeit und Armut gesammelt hat. Schonungslos konkrete Beschreibungen aus einem Berliner Hygienecenter, der berührende Monolog einer alleinerziehenden Mutter, selbstgefällige Rhetorik eines Politikers. Fiktive Personae sind das, aber neben den authentischen Darstellern auf der Bühne doch Destillate realer Ignoranz oder gelebter Empathie. Das Rad des Schicksals schlägt eben doch unverhohlen zu, und die Kraft, es selbstbestimmt in die eigene Richtung zu drehen, ist nicht selbstverständlich in einer Gesellschaft, die die aus dem System Gefallenen nicht aufzufangen weiß.

Zu viel des Guten
Indem Karen Breece, eine Spezialistin für aktuelles Dokumentartheater, das recherchierte Textmaterial überarbeitet, mit literarischen Texten ergänzt, Spielsituationen erfindet, die Betroffenen mit professionellen Schauspielern mischt und schließlich sogar den integrativen Chor »Different Voices of Berlin« singen lässt, versucht sie die Überformung des Materials in Theater. Ein Bemühen, das ebenso wie die inhaltliche Botschaft – dass der Ausschluss aus der Gesellschaft uns schneller ereilen kann, als wir ahnen; dass Arme, Kranke und Obdachlose aber trotzdem als Teil eben dieser Gesellschaft Wahrnehmung und Respekt verdienen – permanent spürbar bleibt. Dabei erweist sich die Mischung aus Profis und Laien als nicht immer produktiv, etwa dann, wenn die beiden brillanten Darsteller in ihren Szenen den anderen die Show stehlen. »Auf der Straße« leistet Aufklärung, berührt und hat eine klare Mission, die mit einer Vielzahl an inszenatorischen Mitteln eben auch vielfach unterstrichen wird. Bei aller Information und Richtigkeit des Anliegens, eben auch das ein oder andere Mittel zu viel.

Das Augsburger Staatstheater rockt Brechts »Baal« (Ensemble) © Jan-Pieter Fuhr

Anarchie als Konzert – Natalie Hünig rockt »Baal«
Von der (Über-)Fülle inszenatorischer Einfälle und Szenen gesellschaftlicher Asozialiät lebt auch »Baal«, der Beitrag des Staatstheaters Augsburg für das Festival. Mit Natalie Hünig in der Titelrolle inszeniert Regisseurin Mareike Mikat Brechts Erstling als furios-anarchisches Konzert. Schon der Brecht’sche Baal war buchstäblicher Sänger, sich nie zu schade zu performen, seine Kunst hinauszuschleudern in die Welt, völlig ungeachtet der Anerkennung des Publikums, seiner Mitmenschen, geschweige denn des Marktes. Aus heutiger Sicht also nur konsequent, Baal zum Leader einer Punkband zu erklären, mit Anleihen an die subversive und zugleich verletzliche Persönlichkeit eines Kurt Cobain. Und außerdem – nicht zuletzt um sich als Inszenierung selbst anarchisch zu zeigen – das Prinzip der Baalschen Wildheit und Wut an eine Frau zu delegieren, deren weibliche Opfer wiederum von Männern gespielt werden.

Spiel jenseits der Geschlechter
Natalie Hünig rollt die Zunge, agiert breitbeinig und mit lauter, brachialer Stimme im improvisierten Bandprobenraum, der noch Reste bürgerlicher Existenz aufweist: Perserteppich, Wohnzimmerstühle, Sessel. Dahinter ein Baugerüst mit riesigen, leuchtenden Buchstaben des Protagonisten-Namens, BAA. Das L ist eine Ebene tiefer gefallen und lehnt halb angeschlagen an der Bühnenwand. Trotz dieser bildlich markierten Angeschlagenheit gibt Hünig die furiose Bandleaderin, ist zugleich Dompteuse ihrer männlichen Bandkollegen. Ein launisches Kind, das mal Lust hat mit seinen Puppen zu spielen, dann wieder lieber an der Mutterbrust saugt, die schlapp am gepolsterten Nacktkostüm von Andrej Kaminski hängt. Gemeinsam singt diese Band Lieder von Nick Cave, Ton Steine Scherben, Beyoncé oder Enik alias Dominik Schäfer.

Rebellion im Konfettiregen
Der Dramaturgie des Konzerts entsprechend – eine aktuelle, quasi »junge« Übersetzung des schon bei Brecht eher sprunghaft und schlaglichtartig gezeichneten Weges von Baal in die Verwahrlosung – wechselt der Abend zwischen Songs und lauten, absurden, gewaltvollen Szenen. In denen verführt und vergewaltig Baal die Frauen, feiert Orgien, wird mit dem Kopf gegen eine Trommel gerammt oder schmiert im grotesken Kabarett als Riesenpenis. Gibt man es als Zuschauer auf, Psychologie, genaue Figurenkonstellationen oder eine klare Handlung nachvollziehen zu wollen, und lässt man sich ein auf die szenische Wucht, auf musikalisch-popkulturelle Referenzen, auf die stoisch-spielerische, von Kostümen gestützte und die Geschlechtergrenzen überwindende Verwandlungskunst des männlichen Ensembles, vermittelt sich auf ganz eigene Weise ein Baal’sches Lebensgefühl zwischen Revolte und Nostalgie. Ein Lebensgefühl, das an diesem Abend – anders als bei Brecht, wo Baal in einer Holzhütte verreckt – nicht totzukriegen ist. Während am Schluss die Jungs noch einmal die Anfangssätze des Abends mit der Frage, wer dieser Baal eigentlich sei, zitieren, steht Natalie Hünig auf dem Gerüst, lässt den Ballon einer Weltkugel platzen und den Konfettiregen rieseln. Dazu gestreckter Mittelfinger und Pose des ewigen Punk. Rebellisch und rührend zugleich. ||