Georg von der Vring Quelle: Bayerische Staatsbibliothek/Bildarchiv

An Bewunderern mangelte es dem Übersetzer, Autor und Lyriker Georg von der Vring nicht. Karl Krolow beschied den Gedichten, ihre Beleuchtung sei niederdeutsch. W.E. Süskind äußerte: »Man mag nicht sagen Gedanken – und man mag nicht sagen Naturlyrik, vielmehr ein Gespinst aus beiden, als ob die Natur denke.« Selbst Helmut Heißenbüttel, lyrischer Antipode par excellence, musste 1980 eingestehen: »Da sÜberraschende (…) ist, dass diese Verse sich gehalten haben.«

Im vergangenen Jahr jährte sich der Todestag Georg von der Vrings zum 50. Mal. Doch Würdigungen, sieht man einmal von der norddeutschen Lokalpresse ab, blieben aus. Auch in München, wo der 1889 in Brake an der Unterweser geborene Dichter von 1951 bis zu seinem Suizid in der Isar 1968 mit seiner dritten Ehefrau Wilma in der Nibelungenstraße gelebt hatte, ist der Autor mittlerweile (fast) gänzlich vergessen. Ein Prozess, der bereits zu Lebzeiten – etwa ab Mitte der 50er Jahre – einsetzte und den häufig mit Depressionen kämpfenden Dichter noch mehr in die Vereinzelung trieb. Die Zeit und die Literatur sind über ihn hinweggegangen, nachdem Autoren seiner Generation, die während des Dritten Reichs im Land geblieben sind und durchaus auch Kompromisse geschlossen haben, in den frühen Nachkriegsjahren viel gelesen und geehrt worden sind. Vring, Mitglied aller wichtigenAkademien, erhielt in den 50er Jahren u. a. den Literaturpreis des Landes Niedersachsen, den Förderpreis Literatur der Stadt München und das Große Bundesverdienstkreuz. Wenige Wochen vor seinem Tod zieht der 78-Jährige Bilanz: »daß ich trotz dieses Scheißlebens vielleicht einhundert gute Gedichte geschrieben habe.«

Gedichte, die im Grunde Lieder sind. Einnehmend in ihrem zarten Ton, die romantisch zu nennen auch Vring selbst nicht abgelehnt hat, wenn es »sachlich« gemeint war. Gerade ihr Hang zur Melancholie, zu verschatteter Thematik – die Vergänglichkeit der Liebe, der Natur und des Lebens – wecken dies Assoziation. Peter Hamm nannte von der Vring einmal sehr schön den »Matthias Claudius unseres Jahrhunderts«. Der Dichter selbst hegte für Nikolaus Lenau und Detlev von Liliencron Bewunderung. Eine formvollendete Miniatur wie »Die Beeren« mag das Gesagte belegen: »Es sind im Oktober die Beeren / Roter als irgendwann. / Doch kommenden Herbst – was dann, / Wenn wir nicht wiederkehren? / Sie mögen, als ob wir noch wären, / Sich röten – aber sie waren / In all unsren wenigen Jahren / Roter als irgendwann.«

Vrings Verse besitzen etwas Leichtfüßiges, Müheloses. Genau darin besteht ihre Virtuosität. Sein Credo war es, dass man einem Gedicht die Plackerei seines Entstehens nicht anmerken dürfe. In den Worten Dirk Dasenbrocks, der mit der Biografie »Georg von der Vring. Vier Leben in Deutschland« Maßgebliches leistete: »Lyrische Verzauberung: das war das proklamierte poetologische Programm, umzusetzen in formaler Meisterschaft.« Viele Gedichte liegen in Varianten vor und erzählen uns so von ihrer akribischen Entstehung. In der Handschriftenabteilung der Bayerischen Staatsbibliothek kann man den reichen Nachlass von der Vrings einsehen.

Vier Leben: Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich, Bundesrepublik. Vring wurde in eine
Seefahrerfamilie geboren. Er selbst schlug andere Wege ein, besuchte das Evangelische Lehrerseminar in Oldenburg, schrieb erste Gedichte und lernte Peter Suhrkamp kennen – eine lebenslange Freundschaft entstand. Alle anderen Freunde aus jener Zeit sollten den Ersten Weltkrieg nicht überleben. Vring, der noch im Frieden zwei Jahre in Berlin Malerei studiert hatte, wurde »nur« schwer verwundet. Ein Lichtblick in dunkler Zeit: die Heirat mit seiner großen Liebe Resi Oberlindober 1917. Mit ihr verlebte er bis zu ihrem frühen Tod 1927 – der Verlust wird häufig Thema der Lyrik sein – seine wohl glücklichsten Jahre, in denen er als Zeichenlehrer in Jever arbeitete und Vater wurde. Dann entschied er sich endgültig für die Literatur. Im selben Jahr, in dem Resi starb, erschien der Roman »Soldat Suhren«, der noch vor Remarques »Im Westen nichtsNeues« die Gräuel des Kriegs beschreibt. Ein Erfolg. Danach zog er fort, erst ins Tessin, dann nach Wien, schließlich ging er zum Rundfunk nach Stuttgart.

Von der Vrings Haltung während der NS-Diktatur ist ambivalent, liegt irgendwo zwischen Subversion, Anpassung und Rückzug ins Ästhetische. 1934 flog er aus dem Funk, weil er den Hitlergruß verweigert hatte. Trotzdem trat er 1936 in den Eutiner Dichterkreis ein und nahm 1938, 1940 und 1942 an den »Großdeutschen Dichtertreffen« in Weimar teil. Allerdings um dann, wie 1942 geschehen, als Redner das Oberthema »Dichter und Krieger« vollkommen zu ignorieren und über »Das Einfache in der Dichtung« zu referieren. Auch sein Gedichtband »Dumpfe Trommel, schlag an!« von 1939 klingt nur dem Titel nach martialisch und feiert an keiner Stelle den Heldentod, sondern beklagt das sinnlose Sterben. Von 1940 bis 1943 war er für die Frontzeitschrift »Furchtlos und treu« zuständig, dann wurde er »mangels Verwendungsmöglichkeit« aus der Wehrmacht entlassen. Die Nachkriegsjahre waren von der Vrings produktivste Zeit und gehörten ganz der Lyrik. Der Band »Kleiner Faden Blau« zeugt ebenso davon wie die Übersetzungen englischer Lyrik in der Anthologie »Englisch Horn«. Dann setzte das Verdämmern ein. ||