Karen Pontoppidan leitet die renommierte Goldschmiedeklasse an der Münchner Kunstakademie. Eine Retrospektive in der Stuckvilla zeigt sie als Künstlerin, die fachliche Konventionen und den gesellschaftlichen Gebrauch von Schmuck faszinierend in Frage stellt.

Karen Pontoppidan: »O.T. (Selbstporträt mit Ziege)«
2002 | Brosche, Silber, Email | © Foto: Antje Hanebeck, VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Glocken sind Klangerzeuger. Egal ob als Musikinstrument oder Warnglocke, das gegossene oder geschmiedete Metall sorgt für entsprechende Schwingungen. Nicht so die Glocken von Karen Pontoppidan: Sie bestehen aus zusammengenähten oder gehefteten Silberblechplättchen oder auch aus Zinn. Harmonisch klingen werden diese Glocken nie. »KNELL – THE GENDER BELL« heißt Pontoppidans Werkreihe aus glockenförmigen Kettenanhängern.

Die Klöppel bestehen aus ganz verschiedenen Materialien: Hirschhorn, Knochen, Eisen, Porzellan, Plastik … Diese Klöppel symbolisieren für Pontoppidan den individuellen Menschen, während die Glocken für die Geschlechterrollen in unserer Gesellschaft stehen. »Manche fühlen sich wohl in den Geschlechterrollen, für diese Menschen ist die Glocke ein Schutzraum. Es gibt aber auch Menschen, die die vorgegebenen Genderrollen als zu eng oder als Gefängnis empfinden, und die müssen Alarm schlagen.« Da die Glocken ausdünnem bzw. weichem Material und nicht sehr festen Verbindungen bestehen, verändert sich ihre Form, wenn man hart genug schlägt. Irgendwann werden sich die Verbindungen ganz lösen und sie fallen auseinander. »Natürlich können die Glocken für andere Menschen eine andere Bedeutung haben, ob man sie direkt mit Geschlechterrollen verbindet, so wie ich, oder ob man darin einen bestimmten Lebensweg sieht oder etwas anderes, das ist offen.« Pontoppidan sieht sich dabei nicht als feministische, sondern eher als normkritische Künstlerin. »Feminismus ist nicht wichtiger als andere Bewegungen, es ist aber wichtig.« Deshalb gibt es ihrer Meinung nach auch noch viel zu selten Schmuckstücke, die sich mit der Gender-Thematik auseinandersetzen.

Seit drei Jahren leitet die 50-jährige Dänin die Goldschmiedeklasse an der Münchner Kunstakademie, eine der renommierteste Schmuckklassen der Welt. Nach Hermann Jünger und Otto Künzli hat mit Karen Pontoppidan nun erstmal seine Frau die Professur inne. Ausgebildet wurde sie am Berufskolleg für Formgebung, Schmuck und Gerät inSchwäbisch Gmünd. Danach hat sie selbst an der Münchner Akademie bei ihrem Vorgänger Otto Künzli studiert und als Assistentin bei ihm gearbeitet. Die Professur empfi ndet sie als großes Privileg. Zuvor hatte sie bereits neun Jahre die Schmuckklasse »Ädellab« an der Konstfack – University College of Arts, Crafts and Design in Stockholm geleitet. »Die Kinderkrankheiten als Professorin habe ich dort durchgemacht. Man ist ja nicht ausgebildet als Professorin, sondern als Künstlerin. Und Lehrende zu sein muss man auch erst lernen.«

Themen statt Stil
Nun hat Karen Pontoppidan ihre erste große Einzelausstellung in München. »THE ONE WOMAN GROUP EXHIBITION« heißt die Schau in der Villa Stuck. Arbeiten aus 20 Jahren werden so präsentiert, als seien sie von sieben verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern geschaffen worden. Pontoppidan spielt hier mit der Tatsache, dass ihre Arbeiten keinen wiedererkennbaren Stil haben. Das hängt mit ihrer Arbeitsweise zusammen: Am Anfang steht das Thema und daraus ergebensich dann die Ästhetik und die Materialien. »Dadurch kam öfter die Frage nach der Künstler-Identität auf. Einige Sammler oder Kuratoren haben sicher gedacht, das ist jetzt sprunghaft, jetzt macht sie ja wieder wasanderes! Aber für mich ist es eigentlich selbstverständlich, dass ich je nach Thematik neue Ausdrucksformen entwickle.«

Da ist etwa eine Werkgruppe mit linearen Zeichnungen, eingraviert auf glatt polierte Silberplättchen. Zu sehen sind schmuckuntypische Motive, zum Beispiel ein Pissoir oder ein Paar Socken. »Selbstporträt mit Ziege« heißt eines dieser Werke, das einen Ziegenkopf inmitten einer Rosette aus drei eherherkömmlichen Ringen zeigt: Ein humorvoller Bezug auf die eigene Biografie, denn die Schmuckkünstlerin kommt tatsächlich von einem dänischen Großbauernhof.

Ganz anders die Arbeiten aus der Gruppe »CASH«: Flach gepresste und damit stark ausgedehnte Münzen wurden mit dicker Farbe bestrichenund zu dreidimensionalen Objekten zusammengefügt. Die Arbeit kreist um das Problem des ökonomischen Ungleichgewichts zwischen Kunst und Handwerk. Wieder anders die Serie »CONTEXT«. Die 100 Broschen sehen aus wie kleine Schachteln. Sie bestehen aus bemalter Leinwand, die gefaltet und zusammengetackert wurde. Die Arbeit ist im Kollektiv entstanden: Maler haben die Leinwand bemalt, Goldschmiede haben die Silberarbeiten ausgeführt, Designer haben alles zusammengeheftet. Pontoppidan hat die Broschen nur signiert: ein Seitenhieb auf den Kult der Autorschaft. So unterschiedlich all diese Arbeitenseinmögen, es geht immer darum, die Möglichkeiten von Schmuck zu erforschen.

Neben ihrer eigenen Präsentation in der Villa Stuck kuratiert Karen Pontoppidan auch die große Schmuck-Ausstellung in der Pinakothek der Moderne, die Mitte März parallel zur Internationalen Handwerksmesse gezeigt wird. Unter dem Titel »Schmuckismus« hat sie 30 Künstlerinnen und Künstler ausgewählt, die wie sie selbst Schmuck als einen Ausdruck von Gruppenzugehörigkeit sehen. »Man muss nur einmal auf der Straße schauen, wer welchen Schmuck wie trägt. Die Gruppenzugehörigkeit vermittelt Sicherheit.« Deshalb wird Autorenschmuck ihrer Meinung nach so selten getragen: weil man damit aus der Rolle fällt. »Allein das ist schon ein Beweis dafür, dass Schmuck nicht nur einfach etwas Spielerisches ist, sondern wirklich Gewicht hat – auch wenn die Gesellschaft das nicht wahrnimmt.« ||

THE ONE WOMAN GROUP EXHIBITION. KAREN PONTOPPIDAN
Museum Villa Stuck | Prinzregentenstr. 60 | 14. Februar bis 5. Mai | Di bis So, 11–18 Uhr; erster Freitag im Monat bis 22 Uhr (Friday Late: ab 18 Uhr Führungen und Eintritt frei) | Einblicke-Führung mit Kuratorin Ellen Maurer-Zilioli: 20./27. März, 3. April, jeweils 17 Uhr (Eintritt frei)
Künstlergespräch mit Karen Pontoppidan und Ellen Maurer-Zilioli: 10./17. März,14 Uhr; Apéro: 15. März,17 Uhr, danach Ausstellungseröffnung »Schmuckismus« in der Pinakothek der Moderne | Rundgang mit Karen Pontoppidan und Maria Muhle, Prof. für Philosophie und Ästhetische Theorie an der Kunstakademie: 5. April, 19 Uhr