Die Kammerspiele präsentieren beim Minifestival Warszawa – Munich polnisches Avantgardetheater.

Cezary Tomaszewskis schickt seine Jungs in »Cezary goes to war« ins Aerobic-Bootcamp © Patrycja Mic

Seit 2015 regiert die reaktionäre, katholisch-nationalistische PiS-Partei Polen und überzieht nicht nur die Kulturschaffenden des Landes systematisch mit Willkür und Zensur. In Wroclaw und Krakau wurden Intendanten abgesetzt, weil sie nicht der verordneten Linie folgen wollten und stattdessen die Freiheit der Kunst reklamierten. Gelder werden gestrichen, um Theatermacher und Festivals finanziell unter Druck zu setzen und Arbeiten zu verhindern, die sich kritisch mit dem Zustand der Welt im Allgemeinen und dem Polens im Besonderen auseinandersetzen.

Umso wichtiger ist es, dass die Arbeit polnischer Theatermacher im Ausland wahrgenommen wird. In den Kammerspielen gibt es im Februar vier Tage lang ein Minifestival mit drei Inszenierungen aus Warschau zu sehen. Als vierte Produktion ist Marta Górnickas Inszenierung für die Kammerspiele »Jedem das Seine« Bestandteil des Festivals. Mit »Hymne an die Liebe« avancierte die Regisseurin 2017 zum Liebling des Spielart-Festivals. In einem Chorwerk des Schreckens aus nationalistischen, religiösen und völkischen Liedern, Aussagen von politischen Fundamentalisten und katholischen Gebetstexten stürmten 25 Performer in Marschformationen und Kampfchoreografien auf das Publikum zu, skandierten Parolen von Hass und Dummheit oder legten sie einem Zoo aus Kuscheltieren in den Mund. Ganzso verstörend ist »Jedem das Seine«, in dem Górnicka die Rolle von Frauen als Opfer und Täterinnen thematisiert, nicht, gibt aber einen starken Eindruck von ihrer Arbeit. Begleitend dazu setzen sich Prof. Dr. Bożena Chołuj, die Aktivistin und Journalistin Kazimiera Szczuka und die Künstlerin und Galeristin Zofia Nierodzinska mit der Frage auseinander, warum es viele Frauen gibt, die rechte Parteien wählen, obwohl diese Fraueninteressen brutal unterdrücken.

Anna Karasinskas Performance »Fantasia« vom TR Warszawa findet in einem Setting statt, das an eine Probe erinnert. Karasinska, die vom Film kommt, sitzt im Zuschauerraum und gibt sechs Schauspielerinnen und Schauspielern Anweisungen, die diese in manchmal nur minimale Aktionen umsetzen. So entsteht eine fiktive Erzählung durch Live-Improvisation, bei der Text und Darstellung auseinanderdriften und die die Frage aufwirft: Was ist hier eigentlich real? Um reale Erfahrungen beim Militärdienst und Männlichkeitsklischees geht es in Cezary Tomaszewskis Aerobic-Bootcamp »Cezary goes to war«, das vom wichtigsten freien Avantgardetheater Polens Komuna // Warszawa produziert wurde.

Angetrieben vom Klavierspiel einer Art Korrepetitorin tanzen und turnen vier Schauspieler wie in einem Ballettsaal oder einem Fitnessstudio Erfahrungen aus dem Militärdienst nach und übertragen die Kriterien der Musterung auf das Leben. Gesungen wird in diesem vergnüglichen Turnstunden-Varieté auch, zum Beispiel polnische Volkslieder über Liebe, Vaterland und Schmerz.

Superman steht in Wojtek Ziemiskis »The Polaks explain the future« vom Nowy Teatr am Mischpult. Eigentlich ist es Piotr Polak, der mit seiner Schwester Jaśmina einen Einblick in die Zukunft gibt. Einer Zukunft ohne Eisenbahn, ohne Socken, ohne Eier, ohne Feuerwerk und – ohne Theater. Aber mit Müttern. Was nicht immer von Vorteil ist. Die beiden kämpfen in ihrem DJ-Set fürs Jahr 2118 gegen eine düstere Version der Zukunft. Können sie sich vom Pessimismus ihrer Mütter befreien? Das alles und noch viel mehr erfahren wir in den Performances und im umfangreichen Rahmenprogramm mit Künstlergesprächen, Vorträgen und Diskussionen. ||

FESTIVAL WARSZAWA – MUNICH
Kammer 2 und 3| 14.–17. Feb. | Programm und Tickets:
089 23396600