Auch aus Münchner Sicht wird es auf der letzten Berlinale des Festivaldirektors Dieter Kosslick spannend.

8 Tage | © Stephan Rabold / Neuesuper / SKY

Anfang Februar wird in Berlin wieder traditionsgemäß der rote Teppich ausgerollt und Dutzende Fotografen und Kamerateams werden vor dem Berlinale-Palast bereitstehen. Nur die amerikanischen Schauspielsuperstars werden in diesem Jahr deutlich seltener als zuletzt in die deutsche Hauptstadt eingeflogen: Keine Nicole Kidman, kein James Franco, keine Julianne Moore und auch kein Michael Fassbender ist im Filmcastder bisher bekannt gegebenen Filme vermerkt. Und auch ebenso gestandene wie künstlerisch kreative Autorenfilmer wie Werner Herzog, Peter Greenaway, Gus van Sant oder Terrence Malick sucht man in den diversen Festivalsektionen vergebens. Was ist da passiert?

Es liegt nicht alleine am vorgezogenen Datum für die »Oscar«-Verleihung oder an der wiedererstarkten Strahlkraft Venedigs oder Locarnos, die in den vergangenen Jahren dem Berliner A-Festival einige Regie- wie Darstellernamen weggeschnappt hatten. Sondern vieles fühlt sich bereits aus der Ferne wie ein klassischer Übergangsjahrgang an, was nicht nur, aber eben auch mit dem Ende der Ära Kosslick zusammenfällt. Der langjährige Festivaldirektor und Geschäftsführer war immerhin seit 2001 – und je nach Beobachterrolle – als oberster »Gute-Laune«- oder primärer »Problem«-Bär für diesen gigantischen Filmkulturevent verantwortlich.

Nach der aufgeheizten »Bärenland ist abgebrannt«-Stimmung von 2017 hat sich die Hauptstadtpresse in der Zwischenzeit deutlich beruhigt und auch viele Filmkritiker wie Filmemacher sehen ab dem nächsten Jahr erneut mit einer spürbaren Vorfreude nach Berlin. Das hat in erster Linie mit der Nachfolgeregelung für Dieter Kosslick zu tun, dessen Vertrag nicht mehr verlängert worden war. Ihm folgt der ausgewiesen cinephile Italiener Carlo Chatrian, seines Zeichens künstlerischer Leiter in Locarno,der ab 2020 die künstlerischen Geschicke am Potsdamer Platz übernimmt. Er ist ein Mann mit Mut zum künstlerischen Risiko, was für das in den letzten Jahren zu pomadig-träge gewordene Megafilmfestival nur positiv sein kann. Ihm zur Seite gestellt wird die gebürtige Niederländerin Mariette Rissenbeek als neue Geschäftsführerin, was auch verwaltungstechnisch Sinn ergibt. Zuvor wird aber noch einmal in der 69. Festivalausgabeunter der Leitung von Juliette Binoche als Jurypräsidentin– und mit bereits veränderten Kernmannschaften im Rahmen
der Programmsektionen Panorama und Forum – die Bärenjagd eröffnet. Bayerische Filmvertreter müssen sich dieses Mal allerdings deutlich geringere Hoffnungen auf einen der zahlreichen Preise machen, obwohl Filmemacher und Produzenten aus München numerisch weiterhin ordentlich vertreten sind.

Herbert Knaup in »Die Sieger«| ©Bavaria

Da wäre zum Beispiel Dominik Grafs frisch restaurierter »Die Sieger« (1994) mit Herbert Knaup in der Hauptrolle, der nun in der Nebenreihe »Berlinale Classics« als neun Minutenlängerer Director’s Cut seine digitale Wiederauferstehung erlebt: hoffentlich mit einem erstmals überzeugenden Sounddesign und vielen zusätzlichen Szenen, die Grafs einst vollkommen vermaledeitem Actionthriller made in Germany ein neues Publikum eröffnen könnten. In der Reihe Generation Kplus feiert Nina Wesemanns Dokumentarfilm »Kinder« seine Weltpremiere. Die gebürtige Kölnerin, die bereits an der HFF München, beimDOK.fest München (»First Class Asylum«) oder als Kamerafrau von Corinna Belz’ bezauberndem Peter-Handke-Porträt (»Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte«) auf sich aufmerksam gemacht hatte, erzählt darin »Paradise Lost«-Geschichten um Marie, Arthur, Emine und Christian, die als Zehnjährige in Berlin und schon sehr nah an der Welt der Erwachsenen leben. In einem Film über »Schwellenwesen« und »Transformationen« hat die Regisseurin diese über ein Jahr lang begleitet.

Als Berlinale Special wird außerdem ein weiterer Dokumentarfilm mit weiblichem Blick seine Uraufführung erleben: »Lampenfieber« der 1966 in München geborenen Drehbuchautorin und Regisseurin Alice Agneskirchner (»Ein Apartment in Berlin«/»Umschalten im Kopf – Therapie für Schwerverbrecher«). Stark vertreten sind Münchner Regisseurinnen auch innerhalb der Retrospektive, die in diesem Jahr den Titel »Selbstbestimmt. Perspektiven von Filmemacherinnen« trägt und sich dezidiert feminin gibt: oftmals kreiert von Absolventinnenoder Ex-Lehrenden der HFF München. Unter ihnen befinden sich lange Zeit nicht gesehene Filme wie etwa Nina Grosses Berlin-Drama »Der gläserne Himmel« von 1987 oder Marianne S.W. Rosenbaums (1940 –1999) Schwarz-Weiß-Film »Peppermint Frieden« (1983) mit Peter Fonda, aber auch Klassiker des Jungen deutschen Films wie May Spils’ Schwabinger Slackerfilm »Zur Sache, Schätzchen« (1968) mit Werner Enke
und Uschi Glas.

Mario Adorf in »Es hätte schlimmer kommen können« © Ralf Weber / Coin Film

Gespannt darf man auch in die jährlich wachsende »Seriensektion« blicken: Hier werden unter anderem zwei Episoden der SKY- und Neuesuper-Produktion »8 Tage« präsentiert, die aus der Feder von Rafael Parente (»Hindafing«/»Blockbustaz«) und Peter Kocyla stammen: beide wie ihre Produzenten Simone Amberger und KorbinianDuftervonder HFF München. Regie führt in dieser Endzeitserie, in der ein Asteroid das Leben einer Berliner Familie akut bedroht, neben »Oscar«-Preisträger Stefan Ruzowitzky der Schweizer Genrespezialist Michael Krummenacher (»Sibylle«/»Heimatland«), der ebenfalls ein HFF München-Absolvent ist.

Außerdem wird in der »Perspektive Deutsches Kino« David Dietls Porträt dreier prominenter Türsteher seine Erstaufführung feiern, das sich als ausgewiesener Berlin-Film versteht, in den Partygefilden der Hauptstadt wildert und zugleich eineGeschichte des Nachtlebens nach dem Mauerfall erzählt. »Es hätte schlimmer kommen können« heißt nicht nur Dominik Wesselys filmische Annäherung an Mario Adorf, sondern im Grunde umreißt das auch ganz passend die Gefühlslage vorder 69. Berlinale. Und wer weiß: Vielleicht wird es ja am Ende doch noch ein viel besserer Jahrgang als gedacht. ||

INTERNATIONALE FILMFESTSPIELE BERLIN
7.–17. Februar| Programm