Sie spürt Themen auf, wo andere nie hinschauen würden: Judith Schalanskys »Verzeichnis einiger Verluste« ist ein eigenwillig kluges Buch – und wie immer auch wunderschön.

Vorsicht, 60 Watt in der Birne sind das absolute Minimum, problematisch ist indirekte Beleuchtung, am besten funktioniert Sonnenlicht. Zu nachlässig ausgeleuchtet würde das Lesen über Verluste schnell selbst zum Erleben eines solchen werden: Denn die schwarzschwarzen Illustrationen, die die Schriftstellerin und Grafikerin Judith Schalansky ihrem »Verzeichnis einiger Verluste« mitgegeben hat, sind so unverschämt schön und gemein, so präzise und ungreifbar, so da und fast schon weg, wie es sonst eben nur Erinnerungen sein können. Dunkel glänzend auf hochwertigem mattschwarzem Papier gedruckt, dienen die zwölf Graphiken zugleich als Trennblätter und als Starthilfen in zwölf Kapitel, die ihren Zauber hartnäckig erst dann freigeben, wenn man bereit ist, eigene Erwartungen über Bord zu werfen.

Fast zu sehen ist hier Verschwundenes wie der Palast der Republik mit seiner Spiegelfassade, ein angebliches Einhornskelett, der Kaspische Tiger sowie der unheimliche schreckensstarre Blick eines jungen Mannes aus tiefliegenden Augen, der aus F.W. Murnaus verschollenem Stummfilm »Der Knabe in Blau« stammen könnte. Es geht Schalansky um Dinge, Orte und Vorstellungen, die fast gänzlich vergessen wurden. Ihnen heftet sie sich auf die Spuren, in Essays, in Erzählungen oder in akribischen Protokollen. Dabei gesteht sie dem bereits Verschwundenen nicht mehr zu, als einen kleinen Verlustvorsprung vor all jenen Artefakten und Ideen, die uns heute noch als unverzichtbar oder weltbewegend gelten.

Dass Schalansky als 1980 in der DDR Geborene bereits das Verschwinden eines ganzen Staates und die Entwertung einer Werteordnung miterlebt hat, liefert den Grundton für knapp 250 Seiten Suchen, Forschen und Verabschieden. Dabei taucht der Palast der Republik beispielsweise nur als Nebenschauplatz einer leichtgängig hingetupften Kurzgeschichte auf, die vom Verlust einer Liebe erzählt. Das 1931 im Münchner Glaspalast verbrannte Gemälde »Hafen von Greifswald« von Caspar David Friedrich wird zum Ausgangspunkt einer Exkursion zur Quelle des Flüsschens Ryck. Diese schildert sie in einer botanischen und zoologischen Genauigkeit, die durchaus anstrengend ist. Gelesen als Versuch, die Erinnerung an so etwas wie Artenvielfalt festzuhalten, erhält der Bericht allerdings eine leise, hilflose Traurigkeit. Auf bittere Weise erhellend sind auch Schalanskys Überlegungen zur Abwertung weiblicher und lesbischer Sexualität, die sie im Beitrag über die Dichterin Sappho und deren noch als Fragment ungewöhnlich kraftvolle, elektrisierende Lyrik entwickelt.

Schalansky, die spätestens seit »Der Hals der Giraffe« oder »Atlas der abgelegenen Inseln« zu den wichtigsten zeitgenössischen deutschsprachigen Literaturschaffenden zählt, schreibt mit ruhiger Sicherheit und fernab jeder Gefallsucht. Versponnenes und Verkorkstes, Aufgewühltes und Aufwühlendes entwickeln sich hier eigenlogisch aus dem jeweiligen Gegenstand heraus. Jeder Text ist aufs Neue unberechenbar, ein trotziges Bekenntnis zur absoluten Freiheit im Denken und Schreiben. Und wenn im letzten Text, dem mit den fein gezeichneten Mondkratern, der einsame Hobby-Mondforscher Kinau plötzlich selbst auf den Erdtrabanten auswandert und dort als Archivar für Verluste arbeitet? Nun, dann wäre auch geklärt, was wirklich passiert ist, mit all den vergessenen oder verdrängten irdischen Erinnerungen, die laut Sigmund Freud stets irgendwo erhalten bleiben. ||

JUDITH SCHALANSKY: VERZEICHNIS EINIGER VERLUSTE
Suhrkamp, 2018 | 251 Seiten | 24 Euro

AUTORENLESUNG
Literatur Moths| Rumfordstr. 48
23. Januar 2019| Moderation: Regina Moths
Eintritt 15/12 Euro | VVK unter 089 29161326