Micha Purucker und Zufit Simon zeigen in einem Doppelabend tollen Tanz, der die Materie durchsichtig macht.

Michal Heriban in Micha Puruckers »Es heißt, sie wohnten in kleinen Hotels …« | © Franz Kimmel

Zwei Frauen liegen aufeinander, während Fredrik Oloffssons Musik zirpt, schmatzt und tickt. Die eine ist Lois Alexander, die andere Zufit Simon, die »Adom Modulations« auch choreografiert hat. 12 Jahre und mehr als 30 (inter)nationale Gastspiele ist das her. Nun kommt das Duett in einem »Double Bill – Purucker/Simon« taufrisch in München an, als halbstündiges Intro vor zwei ebenso langen Soli.

Der Abend als Ganzes ist ein Fest des Tanzes geworden, in dem Mikro-Bewegungen eine Re-Lektüre des Körpers ermöglichen. In Micha Puruckers unter dem Titel »Dark Angels« zusammengefassten Soli zu Interviews mit verstorbenen Berühmtheiten gelingt dem slowakischen Performer und bildenden Künstler Michal Heriban eine luzide Verschwisterung des Tanzes mit der Bildhauerei: Für das 2017 uraufgeführte »Deviant Answers – Local Time« scheint er die menschliche Anatomie in ihre Bestandteile zerlegt und wieder zusammengesetzt zu haben. Zwar ist er voll bekleidet, doch wenn er in Zeitlupe den Raum durchmisst, wie auf einen unsichtbaren Reiz hin eine Schulter fallen lässt oder das Becken leicht kippt, kann man sehen, wie diese winzigen Verschiebungen im Organismus Wellen schlagen und versteht den Vorgang des Gehens und den Begriff Tiefenentspannung neu. Er allein – meist mit dem Rücken zum Zuschauer – im leeren Raum des Schwere Reiter ist bereits eine Schau. Da braucht es die Projektionen seines Konterfeis auf die Rückwand eigentlich ebenso wenig wie die eingesprochenen Brocken eines Interviews mit David Bowie.

Was der Architekt in Micha Purucker zwischen Bild, Sprache und Tanz erzeugen will, sieht man ohnehin erst in Verbindung mit dem zweiten Solo scharf. Die Uraufführung »Es heißt, sie wohnten in kleinen Hotels …« versteht sich als Annäherung an den französischen Schriftsteller Jean Genet und ist für den Zuschauer anstrengend, weil sich der Tanz hier zur vermeintlichen Klarheit der Worte in Widerspruch setzt und jedweden Versuch der Mustererkennung sabotiert. Heriban wechselt den Duktus, die Geschwindigkeit und Ausrichtung seiner Bewegungen schneller als man deren Charakter definieren kann. Mal zelebriert er ein einzelnes leichtes Nicken des Kopfes, dann wieder krümmt und zuckt sein Körper wie Gollum aus Gier nach dem einen Ring. Was letztlich doch wieder zu Genets Verehrung des Instabilen passt, dessen unstetes Leben zwischen Besserungsanstalten und Publikationsverboten hier mit Zitaten vertreten ist wie »Meine Verwirrung scheint befohlen von der ganzen Natur.«

Zufit Simons »Adom Modulations« | © Franz Kimmel

Da ist Simons »Adom Modulations« viel zugänglicher, aber nicht weniger faszinierend. Ein Kreaturen- und Zeichen-Ballett scheinbar schlafschwerer anmutiger Glieder, bei dem sich die Bewegungen zweier Tänzerinnen mühelos synchronisieren oder sich ihre beiden Körper mit den Köpfen oder Knien voran ineinander verhaken, bis ein unbekannter dritter entsteht: Dunkle Hieroglyphen oder seltene Vielfüßler im schwarz verhüllten Raum. Der Boden wird dabei nie verlassen. Es ist evolutionsbiologisch die Zeit vor dem aufrechten Gang, die Zeit der Amöbe, der Flossen- oder Schlangenbewegungen und des Seitwärtsrobbens als Was-auch-immer. Man
sieht weiche Wellen und hart phrasierte Sequenzen, die von offenbar hochmotorisierten Sitzhöckern, in den Boden gerammten Zehen oder nach oben geworfenen Armen ausgehen. Aber auch brettharte, auf Kante gestellte Wäscheklammern und stummes Staunen über das Dasein. Denn immer wieder heben Simon und Alexander die Köpfe und beschauen die Situation, in der sie gerade sind. Zwischen Kreatur und Kultur so viel fluide Präzision, witziger Ernst und schöne Melancholie! ||

NÄCHSTES STÜCK VON ZUFIT SIMON: »GONE«
Schwere Reiter| Dachauer Str. 114
17.–19. Januar| 20 Uhr | Tickets: 089 7211015