Im HochX legt Emre Akal eine Gesellschaft unter die Lupe, in der die Angst regiert.

Emre Akal (mit Kappe) und seine Crew bei einer Probe © Kathrin Schäfer

Frau F., sagt Emre Akal, stehe »für die Gesellschaft als Ganzes, für meine Nachbarn, für viele Menschen, denen ich begegne und die mit ihrer Angst, die sie so manipulierbar macht, in Wohnungen sitzen, wo wir sie vielleicht gar nicht sehen«. Mit einem Recherchestipendium der Stadt München hat der Theaterautor und Regisseur in diese Menschen hineingehört, einige aktiv nach ihren persönlichen Ängsten gefragt oder in Kneipen und Cafés Fremden gelauscht. Dabei ist er allerlei Ängsten begegnet, der Angst vor dem Verschwinden von Privilegien, vor dem sozialen Abstieg, vor Überfremdung, aber auch sehr viel diffuseren und banalen wie der Angst vor Nähe oder der eigenen Vergänglichkeit. All das fließt allerdings nicht eins zu eins in den Text ein, der bei »Frau F. hat immer noch Angst« zu hören sein wird, sondern ist mehr »ein Grundmaterial für den Prozess des Verwertens und Ausscheidens«, das Futter »für die Bildwelten, die ich schaffen will«. So Akal, der das dokumentarische Arbeiten und den kabarettistisch überformten Realismus von »Ostwind« hinter sich gelassen hat. Das Stück, das er für das Theaterkollektiv Transit@Stuttgart schrieb, beleuchtete derb und poetisch die Situation südosteuropäischer Gastarbeiter in Deutschland und gewann viele Preise. Das war 2014. Seit zwei Jahren steht das Bild für ihn im Mittelpunkt, kommt auch im Arbeitsprozess ganz praktisch das Malen vor dem Schreiben und Inszenieren. Und über all dem liegt das Gebot der Reduktion.

Liest man die Ankündigung für das neue Stück, in der von einer »Kolonie« von Menschen die Rede ist, die sich durch freiwillige Selbstabschottung ihre kulturelle Identität zu bewahren sucht, kommt die Fantasie schlecht los von Akals Münchner Inszenierung »Mutterland … stille« von 2017: eine Familienaufstellung ohne Worte über die Situation in der gegenwärtigen Türkei, die Akals Eltern 1980 verließen, bei der die Politik die Privatsphäre vergiftet. Zu formstrengen Tableaux vivants gruppierte puppenartige Geschöpfe hausten hier in einem engen Bühnenkasten, in dem alltägliche Handlungen wie Haarebürsten oder Schokoladeessen eine groteske Brutalität erlangten.

Hier wie dort werden gesellschaftliche Prozesse und ihre möglichen Folgen für den Einzelnen analysiert, hier wie dort herrscht auf der Bühne eine albtraumhafte, klaustrophobische Atmosphäre. Und hier wie dort konzentriert sich Akal auf den Mikrokosmos Familie als Kristallisationspunkt oder erste Keimzelle der Angst. Doch während in »Mutterland« ein autokratisches System in eine heile Welt einbricht, kommt hier die Zerstörung von innen. »Die Unmündigkeit ist selbst verschuldet, der Rückzug freiwillig – und die Sprache hat in diesen beengten Verhältnissen einfach nicht so viel Raum.«

»Frau F.« fragt danach, was ihre Angst mit den Menschen macht. Und nach den Erfolgsaussichten jeder Abschottungspolitik. Dazu zitiert Emre Akal einen Satz, der vermutlich auch seinen Platz im Stück finden wird: »Solange der Mensch Mensch ist, gibt es Fehler im System.« »Philosophisch«, sagt er, »spricht man davon, dass autokratische und faschistische Systeme daran zugrunde gehen, dass sie nichts mehr haben, woran sie wachsen können«; kein Außen, kein Anderes. Die in seiner Inszenierung skizzierte Ausnahmesituation beschreibt er als »eine dystopische Blase«, auf die man »wie durch ein Vergrößerungsglas sieht«. Damit erlange jeder Augenaufschlag und jede Drehung des Kopfes eine enorme Wichtigkeit.

Reduktion, Abstraktion, Langsamkeit – das sind die Begriffe, die Akal immer wieder benutzt. Und Atmosphäre. Daran basteln neben den Schauspielern Erkin Akal, Olaf Becker, Robert Naumann, Julia Carina Wachsmann und Carina Werthmüller auch die »Stimmverrichterin« Ruth Geiersberger und die beiden Musiker und Geräuschemacher von Portmanteau. Besteht denn bei all der Zurückdrängung der Erzählung hinter das Atmosphärische nicht auch die Gefahr, dass der Abend hermetisch bleibt? »Es ist ein Stück für alle«, sagt dessen Autor und Regisseur. »Wenn man sich darauf einlässt, kann jeder einen Anknüpfungspunkt finden und vielleicht seine eigene Angst erkennen.« Denn Frau F., das sind auch wir. ||

FRAU F. HAT IMMER NOCH ANGST
HochX| Entenbachstr. 37 | 15., 17.–20. Januar| 20 Uhr
Tickets: 089 90155102