Andreas Kriegenburg zeigt »Der Spieler«: erst fulminanter Parforceritt, dann zäher Abgesang.

Auch Antonida (Charlotte Schwab, auf der Leinwand) verfällt wie die anderen (Ensemble) der Magie des Roulette | © Matthias Horn

Geld ist Hab und Gut, ist Guthaben, ist Haben und Sein. Geld ist Stärke, aber auch Schuld, Geld ist die Sonnenseite, ein Leben first class. Wer um Geld spielt, spielt um sein Leben. Das tun alle Casino-Besucher im deutschen Kurort Roulettenburg, Russen, Deutsche, Franzosen. Nur ein Engländer wird nicht von Sucht, Schulden und Gier getrieben in Fjodor Dostojewskijs Roman »Der Spieler«, der 1868 erschien. Dostojewskij war selbst seit 1862 spielsüchtig und stets verschuldet, hetzte rastlos durch Casinos in Wiesbaden, Bad Homburg und der Schweiz. Der Roman wurde für ihn zur Befreiung und Aufarbeitung. Andreas Kriegenburg hat ihn im Residenztheater inszeniert: eine dreistündige, fiebrige Erzählung des Protagonisten Alexej, der als Hauslehrer eines russischen Generals in Roulettenburg auch der Sucht verfällt.

Harald B. Thor baute eine Drehbühne: Im erhöhten Zentrum thront der durchgehend bespielte Roulettetisch, eine Spinne im Netz. Von ihm führen sechs Bretterstege zu sparsam möblierten kleinen Plattformen. Hier ein Bett, da ein Sofa, dort zwei Sessel, gekühlter Champagner stets griffbereit. Unter dem Metallgerüst ein Edelfundus für Haute-Couture: Zwischen Kleiderstangen und Nobelmarken-Tüten wechseln die Schauspieler ihre eleganten Kostüme (Andrea Schraad). Auf diesem kreisenden Glücksrad entwirft Kriegenburg in den ersten zwei von drei Stunden das Szenario der dekadenten Gesellschaft aus der Perspektive Alexejs. Thomas Lettow absolviert eine unfassbare Textmenge in wahnsinnigem Sprechtempo, das anfangs den Zuschauer überfordert. Zumal an der Rampe immer wieder Darsteller eine Rhythmusgruppe bilden oder an Mikros leise und kurz singen. Der geschwätzige Alexej liebt Polina, die Stieftochter des Generals, der ihr Erbe durchgebracht hat. Lilith Häßle mit wallenden roten Locken lässt als launische, kapriziöse Kokotte Alexej nach Belieben springen. Sie hat ein berechnendes Ver hältnis mit dem windigen Marquis des Grieux (Philip Dechamps). Dessen Begleiterin Mademoiselle Blanche ist mit dem General verlobt: Hanna Scheibe bleibt zunächst ein meist stummes, ikonisches Role-Model für High Society, im zweiten Teil spielt sie die leichtlebige, verschwenderische Abenteurerin aus. Thomas Loibls General ist eine Wucht: zwischen Dummheit, Stolz, Weinerlichkeit und AltmännerHörigkeit bis zum Wahnsinnsanfall. Alle sind Hochstapler und warten nur auf den Tod der alten, kranken Erbtante Antonida.

Die erscheint dann putzmunter und resolut mit der ehrfurchtgebietenden Präsenz von Charlotte Schwab – und verfällt auf Anhieb der Magie des Roulettes. Ein Video zeigt den Spieltisch in Großaufnahme: Die Lust und Gier in Schwabs Gesicht sind umwerfend. Als sie alles verspielt hat, bricht sie in würdevoller Selbsterkenntnis Stück für Stück in die Knie. Die großartige Charlotte Schwab ist das Herzstück der Aufführung. Bis zur Pause inszeniert Kriegenburg rasenden Stillstand im Leerlauf, trotz hektischer Bewegung mehr Illustration des Geschilderten als Aktion. Danach steht das Rad wirklich still, es herrscht Endzeit-Depression. Der Kristalllüster liegt auf dem Spieltisch, die Pleitiers suchen ihr letztes Geld für eine Fahrkarte nach Paris. Der mysteriöse Mr. Astley (Thomas Gräßle), ein stiller Verehrer Polinas, hilft aus, dafür überlässt ihm Alexej die Geliebte und entschwindet mit Blanche, deretwegen der verzweifelte General sich umbringen will. Trotz einer Glückssträhne Alexejs im Spiel ist alles Glück längst dahin. Und trotz der virtuosen Schauspieler zieht sich die letzte Stunde als quälend zäher Abgesang. ||

DER SPIELER
Residenztheater| 13. Januar| 15 Uhr | 19. Januar| 19.30 Uhr
Tickets: 089 21851940