Überzeugend: Christian Stückl treibt Horváths »Glaube Liebe Hoffnung« in die expressionistische Groteske.

Schupo Alfons (Jakob Geßner) bringt Hoffnung in Elisabeths (Nina Steils) Leben | © Gabriela Neeb

Der Glaube ans Glück kommt Elisabeth bald abhanden auf ihrem unaufhaltsamen Weg nach unten. Dann auch die Liebe, die sie bei einem Polizisten gefunden zu haben meint. Doch die Hoffnung lässt sie trotz aller Niederschläge nicht sinken. Die stirbt zuletzt – und deshalb auch Elisabeth. Sie ist eine der mutigen Fräulein aus Ödön von Horváths Volksstücken, die keine Chancen haben, sie aber nutzen wollen. »Ein kleiner Totentanz«, so nannte Horváth 1936 sein Drama »Glaube Liebe Hoffnung«, das Christian Stückl im Volkstheater zu einer bösen, expressionistischen Groteske verschärfte. Ein gewagtes und gelungenes Experiment.

Stückl hat zusammen mit dem Autor Lukas Kristl straff gekürzt, Szenen umgestellt, Milieus drastisch verändert und aktuell politisiert, Horváths süddeutsche Kunstsprache mit heutigem Vulgär-Straßenjargon durchsetzt. Er spitzt zu, überzeichnet radikal, inszeniert bewusst in Schwarz-Weiß. Er gibt im Sinne der »Me too«-Debatte den Frauenfiguren Selbstbewusstsein gegen die frauenverachtenden Männer – besonders Elisabeth. Nina Steils spielt sie mit latentem Trotz, nie demütig, egal wie ungerecht man sie behandelt. Und hat am Ende, als man sie nach ihrem Selbstmordversuch wiederbelebt, einen furiosen Ausbruch mit einer gierigen Fressorgie, bei der sie gleichzeitig ihren ganzen Ekel rauskotzt.

Der schwarze Einheitsraum (Bühne und Kostüme: Stefan Hageneier) verändert sich durch eingezogene oder leicht verschobene Wände von der Straße zur Anatomie, zu Behörde, Lokal, Bordell oder Tribunal. Die Miederwaren-Vertreterin Elisabeth will ihren Körper an die Anatomie verkaufen – sie braucht 150 Mark. Der Präparator (Oleg Tikhomirov), ein Stotterer, Taubenfütterer und Insektensammler leiht sie ihr – und zeigt sie wegen Betrugs an. Den Job ist sie los. Der verliebte Schupo Alfons lässt sie wegen ihrer Vorstrafe sitzen: Hinreißend will Jakob Geßner sich in tänzelnden Sprüngen und Bodybuilder-Posen als starker Mann beweisen. Nur die Nutten (die dominante Carolin Hartmann und Luise Deborah Daberkow) in schwarzen Lackstiefeln und Strapsen, die Stückl aus Horváths Wohlfahrtsempfängerinnen macht, geben zynischen Rat.

In einer grandios hinzuerfundenen Kneipenszene findet sich Elisabeth eingekeilt zwischen dem zigarrenrauchenden, schmierigen Amtsgerichtsrat (Pascal Fligg), der sie verurteilt hat, samt dessen angewidert-verlogener Frau (Daberkow) sowie dem Präparator und dessen vor Frauenhass sabberndem Kollegen (Mauricio Hölzemann). Alle mampfen Würste (»Deutschländer!«) mit Sauerkraut und saufen Bier. Die halsabschnürend dumpfe Bierdimpfligkeit ist stummfilmhaft gruselig – eine bayerische Heimatversion vom »Kabinett des Dr. Caligari«. Da schrecken auch mal Leichen in der Pathologie von ihren Bahren hoch. Und als betrunkenes Präparatoren-Duo stolpern immer wieder Tikhomirov und Hölzemann in irrwitzigen Slapsticks über die Bühne. Horváths Naturalismus wird hier er schreckend böse aktualisiert. ||

GLAUBE LIEBE HOFFNUNG
Volkstheater| 12., 13. Jan.
19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655