»#Genesis«: Yael Ronen und Ensemble suchen nach dem Urgrund der Erzählung Mensch und landen bei Queerness und Bodyshaming.

Andere Religionen haben aufregendere Schöpfungsmythen und bunter sind sie auch (Ensemble) | © David Baltzer

Auf der Bühne der Kammer 1 dreht sich sanft eine runde Scheibe, deren Gegenstück über ihr das Geschehen da unten spiegelt und wie ein riesiges Auge aussieht, dessen Rand leicht verbeult ist. Oder verwischt. Vielleicht von einer Träne? In diesem Auge schwimmen Spermien, kosmische Ursuppen und allerlei Farb-Atmosphären. Und manchmal steht darin auch Gott und schaut hilflos drein. Gott ist Samouil Stoyanov. Der trägt in »#Genesis« ein gebatiktes Gewand und ist scheißwütend auf seine Kinder: den schwulen Adam von Damian Rebgetz und die genderbewegte Eva von Wiebke Puls, die der Zweifel an der Allmacht des Vaters umtreibt, wenn sie sich nicht gerade in die Konturen religiöser Gemälde legen. Was dann auf der Rückwand so aussieht, als wären die Menschlein die Embryonen der Heiligen oder Sünder, der Keim von allem. Dabei hat sich Yael Ronens Inszenierung ja gerade von den Schauspielerindividuen wegbewegt und dem ersten Buch Mose zugewandt, in dem erklärt wird, wie das losging mit der Menschheit. »A Starting Point« heißt die zweite Inszenierung der israelischen Regisseurin an den Kammerspielen daher im Untertitel. Sie ist von diesem privaten Ronen-Ton getragen, von dieser Lebensbeichten-Spendierlaune, von der man nie weiß, ob einem die Schauspieler ihre realen Krisen oder einen Bären aufbinden. Von diesen Ausbrüchen, die auch dann authentisch wirken, wenn sie eindeutig der Rollenfigur zugehören: zum Beispiel Gott als alleinerziehendem Vater, dem die Kontrolle über die Jahreszeiten, das Glück und alles aus den Händen geglitten ist, weil ihm der freie Wille in die Quere kam. Da ist Stoyanovs Furor herrlich nah dran am ganz normalen zeitgenössischen Überforderungssyndrom.

Punktuell macht der Abend Spaß; Wolfgang Menardi hat ihm eine tolle Bühne gebaut, auf der lässige Performer schöne Bilder kreieren. Und doch fehlt es ihm am Wichtigsten: nämlich an Substanz, Tiefe und allem, was einen Nachhall erzeugt.Denn anders als bei »Point of No Return« zum Anschlag im Münchner Olympia-Einkaufszentrum bekommt Ronen ihr Thema nicht da gepackt, wo das Private politisch wird, und das Politische nicht da, wo es wehtut. Gut, wo Wiebke Puls und Jeff Wilbusch vom Verlust ihrer Väter erzählen, weil sich der Glaube und seine Regeln zwischen sie schoben, ist sie nah dran. Aber es gibt um diese berührenden Szenen herum allzu viel Wohlfeiles: Wenn Zeynep Bozbay eine superschnoddrige Lilith spielt, Daniel Lommatzsch im Bodysuit mit Einblicken von seinen Versuchen erzählt, den eigenen Schwanz zu lutschen oder Wilbusch mit Dreadlock-Perücke so lange tonlos sagt »Ich bin Kain«, bis alle kichern, ist das zwar manchmal so blöd, dass es schon wieder gut ist. Oft aber nur kracherte Comedy und ein privatistisches Herumgeeiere um ein Thema, das gerade heute weltweit für politischen Zündstoff sorgt.

Denn auch wenn es Ronen und Ensemble hier vornehmlich um den jüdisch-christlichen und eindeutig patriarchalen Urgrund der Erzählung Mensch geht, die Entzweiungskraft der Religionen nicht einmal zu streifen, ist eine Unterlassungssünde. Stattdessen geht es im munteren Plauderton um Queerness, Bodyshaming und viel zu wenig Liebe, Kains »Paradies-Migrationshintergrund« und die Vertreibung von Matthias Lilienthal aus München und noch mal viel zu wenig Liebe. Sehr nett und sehr banal! ||

#GENESIS – A STARTING POINT
Kammer 1 |8. Dez.| 19.30 Uhr | 23., 26. Dez.| 19 Uhr
Tickets: 089 23396600