Felix Hafner versucht, Dostojewskijs »Dämonen« für das Volkstheater zu domestizieren.

Ist er der revolutionäre Erlöser? Das erhoffen sich alle von Stawrogin (Silas Breiding, Mitte, und Ensemble) | © Gabriela Neeb

Es war ein bestialischer Fememord, dessen Opfer 1869 der Student Iwanow in Moskau wurde. Er hatte sich mit einer revolutionär-anarchistischen Kleingruppe entzweit. Deren Anführer Sergej Netschajew stiftete seine Anhänger zu der Bluttat an, um sie durch die gemeinsame Schuld zusammenzuschweißen. Diese Sensationsmeldung bewegte Fjodor Dostojewskij zu seinem dritten großen Roman »Die Dämonen«, der 1871/72 erschien. Netschajew hatte ein Pamphlet veröffentlicht, das die unversöhnliche Revolution und Ausrottung des gesamten Staatswesens forderte. Daraus entwickelte Dostojewskij ein großes Gesellschaftsporträt Russlands. Im Zentrum steht eine anarchistische Zelle um den geheimnisumwitterten Stawrogin, die vom eigentlichen Strippenzieher Petruscha Werchowenskij manipuliert wird – bis hin zu Brandstiftung und Mord an einem Mitglied. Im Volkstheater hat sich der 26-jährige Regisseur Felix Hafner getraut, den 800-Seiten-Roman auf eine Theaterfassung einzudampfen. Da bleibt trotz drei Stunden Spieldauer logischerweise viel auf der Strecke, an Verständlichkeit der Motive und wichtigem Personal.

Hafner konzentriert sich auf die fünf jungen Männer um den aus dem Ausland zurückgekehrten, mysteriösen Stawrogin und seinen Einpeitscher Petruscha. Die ideologischen Positionen will der erste Teil klären, so stehen auf nachtschwarzer Bühne (Stefanie Grau) zunächst weitgehend diskutierende Thesenträger herum. Es geht um den Glauben an Gott, um nihilistische oder anarchistische Haltungen, die Rechtfertigung von Gewalt. Je drei Windmaschinen rechts und links lassen Haare und große schwarze Fahnen flattern, die später immer wieder dekorativ geschwenkt werden. Das Ensemble formiert sich gelegentlich in seltsamen Choreografien zum Chor, Frauen verkörpern auch Männer. Silas Breiding als unberechenbarer Stawrogin gibt zwar allen düstere Rätsel auf, bleibt aber eigentlich blasse Projektionsfläche ihrer Ideen. Dagegen versprüht Pola Jane O’Mara als zynischer Petruscha mit emotionalem Furor Zündfunken in die Köpfe der anderen und genießt zunehmend seine Manipulationskünste.

Es dauert, bis man sie identifizieren kann: den Gutmenschen Schatow (Jakob Immervoll), den selbstmordsüchtigen Kirillow (Mara Widmann), den braven Liputin (Jonathan Hutter) und den betrogenen Ehemann Wirginskij – Jonathan Müller spielt auch den versoffen-militanten Hauptmann Lebjadkin. Carolin Knab wechselt zwischen der hinkenden Marja und der selbstbewussten Lisaweta. Und wer war bitte Schigaljow (Harry Schäfer)? Alle eigentlich nur harm- und ratlose Verführte. Unter ihnen geistert Jörg Lichtenstein als Petruschas Vater herum, ein aus der Zeit gefallener komischer alter Dichter, der die Schönheit feiert. Er steigt am Schluss kurz aus seiner Rolle aus und beklagt witzig sein Los als einziger älterer Schauspieler im Ensemble (den Regisseur interessiere nur die Jugend) und die Streichung seiner im Buch wichtigsten Partnerin Stawrogina.

Hafner gelingen mit den schwarzen Fahnen und dem Licht von Günther E. Weiß recht eindrucksvolle szenische Bilder, und mit der Zeit stellt sich auch mehr Action ein. Aber das Ideenbild, das er zeichnen will und das durchaus Parallelen zu heutigem Terrorismus erlaubt, bleibt sehr diffus und vage. Die Komplexität Dostojewskijs ist nicht so leicht einzufangen. ||

DIE DÄMONEN
Volkstheater| 12., 19. Dez. | 19.30 Uhr | Tickets: 089 5234655