In »Nothing Twice« in der Schauburg kommen Hip-Hop und Lyrik, Theater- undFreiraum einander in die Quere.

Im geschlossenen Raum bleiben Street Art und Hip-Hop zahm (Ensemble) © Fabian Frinzel

Sie bauen riesige Kartenhäuser, malen unsichtbare Bil­der in die Luft oder werfen schwarze Farbe an eine Papierwand; sie brea­ken wie wild und zitieren Yvonne Rainers ewiges »No Manifesto«. Sie machen eigentlich unglaublich viel in einem sich immer wieder ver­ändernden Raum, in dem das Publikum andauernd hin und her geschoben wird. »Sie« sind der Breakdancer Jonas Frey und der Sprayer und Schauspieler Cédric Pintarelli alias »Sweetuno«, die mit vier jun­gen Münchnern »Ein Stück Hip­ Hop für die Bühne« auffüh­ren, wie »Nothing Twice« im Untertitel heißt. Gemeinsam mit dem Choreografen Erik Kaiel haben die beiden das schon 2017 zu Hause in Mannheim am Jungen Nationaltheater gemacht.

Eine Neufassung des Stückes hatte im Rahmen des Tanz- ­und Performancefestivals »Think Big!« München-­Premiere und kam trotz toller Performer eigenartig zahm daher. Als hätte man die Energie rivalisierender Gangs in pädagogisch vertret­baren Dosen in putzige Pappschachteln gesperrt oder – ja: Hip ­Hop in einen Theaterraum, mit dem man ernsthaft so umgeht, als müsse er erst erschlossen werden. Irgendwie wird zwischen immer wieder neu sich öffnenden Tanz­- und Spielräumen Gruppendynamik simuliert. Die Akteure kommen zu Wort­- und Tanz-­Battles zusammen, gehen verschiedentlich auf Tuchfühlung mit dem Publikum und präsentieren ihre Kultur des Tanzes und der Farbe dezi­diert als »echte« Alternative zu Smartphone und Social Media, es bleibt aber dennoch alles im Als­-ob und passt einfach nicht zueinander.

Die Räume, die sich die Tänzer erobern – und die Münchner Breaker stehen den Pro­fis hier in nichts nach –, sind in der Schauburg eng; gesprayt werden darf im Thea­ter nicht, daher hängen kunstvoll vorbemalte Packpapierrollen rundum von der Decke. Mal hat einer bei der tänze­rischen Bodenarbeit einen Edding in der Hand. Dann wieder spritzt Chefsprayer Pintarelli etwas Farbe an eine weiße Wand. Es ist ja nicht so, dass Hip­ Hop im Theater generell nicht ginge oder das hier erstmals ver­sucht würde. Doch alles bleibt Zitat, wie die in großer Menge eingesetzten pathetische Texte der polnischen Lyrikerin Wis­lawa Szymborska oder von Friedrich Nietzsche, die die Drama­turgie wie Keile zwischen die tänzerischen Passagen treibt, wo sie fremd herumstehen und deren Energie drosseln. Wenn dadurch Hip­ Hop als Kunst legitimiert werden soll, so ist das weder gelungen noch nötig. Es reicht doch vollauf, den jungen Leuten bei dem zuzusehen, was sie richtig gut können – auch wenn man zeitweise kaum glauben kann, dass sie auch privat zu der hier verwendeten Musik tanzen würden, die eher das Alter des Choreografen verrät. Der war bei »Think Big!« schon mehrmals meist mit Arbeiten im öffentlichen Raum zu Gast, wo Graffiti und Breakdance auch zu Hause sind. Und man möchte ihm zurufen: Nimm ihn wieder in Besitz, diesen Raum! Habe Mut, wirklich den unwiederbringlichen Augenblick zu feiern! Sperre die Wildheit nicht ein! Und gib dich nicht mit dem Zitat zufrieden! ||

NOTHING TWICE
Schauburg| 30. Nov., 3. Dez.| 19 Uhr | 4. Dez.| 18 Uhr
Tickets: 089 23337155